Kommentar zum FC Bayern München: Müller spielt nimmer - und das ist auch gut so

"Müller spielt immer." Ein Satz, der beim FC Bayern München quasi immer Gültigkeit besaß - bis jetzt. Beim DFB-Pokal-Spiel bei Hertha BSC und in der Bundesliga gegen den FC Schalke 04 saß Thomas Müller auf der Bank. "Müller spielt nimmer", sozusagen. Eine Änderung, die zwar durchaus überraschend kam - Müller ist schließlich Müller -, aber völlig zu Recht stattfindet. Ein Kommentar.

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"Müller spielt immer." Ein Satz wie ein Gesetz. Erstmals gesagt hat ihn Louis van Gaal, befolgt haben ihn letztlich alle. Egal ob der Trainer van Gaal, Jupp Heynckes, Pep Guardiola, Carlo Ancelotti, Niko Kovac oder Joachim Löw hieß.
Seit Thomas Müller 2009 im zarten Alter von 19 Jahren auf die große Bühne namens Profifußball trat, ist er eine Institution. Im Verein wie in der Nationalmannschaft.
Verantwortlich dafür ist er selbst. Zum einen durch seine Leistungen, zum anderen durch seine lockere Art.
Müller hatte maßgeblichen Anteil daran, dass der FC Bayern zwischen 2010 und 2013 dreimal das Finale der Champions League erreichte, dass das DFB-Team zwischen 2010 und 2016 bei jedem Turnier mindestens bis ins Halbfinale kam, dass Deutschland 2014 seinen vierten Stern bejubeln durfte.
Doch trotz des Erfolges spult Müller in Interviews nicht routiniert die gängigen Floskeln ab, sondern sagt, was er denkt, lacht und zwinkert in die Kamera, grüßt nach einem WM-Viertelfinale auch gern mal Oma und Opa.
Mal ehrlich: So einen Typen will man im Team haben.

Auch der formschwache Müller spielt immer

Nun aber das große Aber: Während Müllers Auftreten nach wie vor den höchsten Ansprüchen genügt, lässt sich das über seine Leistungen schon seit einiger Zeit nicht mehr sagen. Zumindest nicht immer. Eigentlich viel zu selten.
Etwa seit der EM 2016, also seit über zweieinhalb Jahren, läuft der 29-Jährige seiner früheren Form hinterher. Weniger Tore, weniger Vorlagen, mehr Fehler, mehr unglückliche Aktionen.
Der selbsternannte "Raumdeuter" deutet den Raum verkehrt, verstolpert einfache Bälle, versemmelt sichere Pässe. Nicht falsch verstehen: Das hat Müller schon immer gemacht, das gehört ja auch irgendwie dazu bei ihm. Nur macht es Müller immer öfter. Zu oft für einen Spieler des FC Bayern und der Nationalmannschaft.
Nichtsdestotrotz hieß es bis zuletzt: "Müller spielt immer." Mal in der Mitte, mal auf rechts. Notfalls wird eben das System umgestellt, werden Spieler, die eigentlich besser in Form sind, "geschont", sprich: auf die Bank verbannt. Hauptsache, Bayerns Nummer 25 findet Platz in der ersten Elf.
Warum?

Offener Charakter mit "Mia san mia"-DNA

Vielleicht, weil Müller ein Eigengewächs des Vereins ist, einer, der das "Mia san mia" von Kindesbeinen auf gelernt hat. Und von denen gab es in der jüngeren Vergangenheit, sicherlich auch aus Sicht der FCB-Verantwortlichen, viel zu wenige. Seit David Alaba, Holger Badstuber und Müller vor zehn Jahren hat es kein Jugendspieler des FCB mehr (dauerhaft) zu den Profis geschafft, der Tadel an der Nachwuchsarbeit ist laut.
Also spielen eben jene Eigengewächse, die dem Verein noch geblieben sind. Die Kritiker sollen sehen, dass "mia" auch in Zeiten des Kommerzes und des Transferwahnsinns immer noch "mia san".
Vielleicht war Müllers Trainern der Charakter oder das Gewicht seines Wortes in der Kabine auch immer wichtiger als die Form. Zumindest eine Aussage von Kovac aus dem September lässt das vermuten:
Was auch immer der Grund dafür war, dass Müller quasi immer spielte - im DFB-Pokal bei Hertha BSC und in der Bundesliga gegen den FC Schalke 04 spielte Müller plötzlich nicht, zumindest nicht von Beginn an.

Müller spielt nimmer - und das zu Recht

Obwohl er nach wie vor ein Eigengewächs des Vereins ist. Obwohl sich sein Charakter seit der Niederlage in Leverkusen, als er letztmals in der Startelf stand, nicht verändert haben dürfte.
Dass Müller in Berlin und gegen Schalke auf der Bank saß, hatte einen anderen Grund. Einen sportlichen.
Das einzige Kriterium, das bei Müllers Beurteilung in der Vergangenheit (fast) nie herangezogen wurde. Nicht unter Ancelotti, nicht unter Heynckes, schon gar nicht unter Löw.
Allerdings das einzige Kriterium, das am Ende des Tages über die Aufstellung einer Fußballmannschaft entscheiden darf.
Denn Verdienste für den Verein sind zwar schön und gut und wichtig, sie sind vom aktuellen Geschehen, vom täglichen Geschäft, vom Sportlichen aber strikt zu trennen. Egal ob auf dem Trikot Müller, Beckenbauer oder Schweinsteiger steht.
Auch Kovac trennte bisher nicht. Erst - und endlich - bei den offensiv überzeugenden Siegen in Berlin und gegen Schalke stellte der 47-Jährige die aus objektiver, sprich: sportlicher Sicht derzeit "beste" Bayern-Elf auf. Eine Elf, die so auch in den heißersehnten Champions-League-Duellen gegen den FC Liverpool auflaufen dürfte. Eine Elf, der Müller derzeit nicht angehört. Aber, sofern die Leistung stimmt, selbstverständlich wieder angehören kann

Müller kann den Bayern auch anders helfen

Denn im gleichen Maße, wie die Verdienste eines Spieler vom Sportlichen zu trennen sind, sollten sie ihm in allen anderen Bereichen zugute gehalten werden.
Auch wenn es in näherer Zukunft "Müller spielt nimmer" - in der Champions League gegen den FC Liverpool ist er rotgesperrt - heißt, so dürfen und werden die Bayern ihr Urgestein nicht vom Hof jagen.
Wie Kovac selbst bestätigte, hilft ein Müller den Bayern auch abseits des Platzes, so wie etwa Lukas Podolski dem DFB-Team bei der WM 2014. Durch seine gute Laune, durch seinen kommunikativen Charakter, durch seine Erfahrung. Einen Abschied à la Benedikt Höwedes auf Schalke hat ohnehin keine Vereinslegende verdient.
Und das ist Müller, Formtief hin oder her, zweifelsohne.
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