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Warum Uli Hoeneß über seinen ältesten Freund Paul Breitner stürzen kann

Der LIGAstheniker: Warum Uli Hoeneß über seinen alten Freund Paul Breitner stürzen kann

03/12/2018 um 12:12Aktualisiert 03/12/2018 um 12:57

Seit rund 50 Jahren kennen sich Bayern-Präsident Uli Hoeneß und der Münchener Ehrenspielführer Paul Breitner, als Spieler teilten sie sich früher auf Reisen oft ein Zimmer. Zuletzt bezeichnete Hoeneß aber Breitner wegen dessen Aussagen zum FCB als "Täter, nicht Opfer". Eurosport-Blogger Thilo Komma-Pöllath meint, der Streit der beiden Bayern-Legenden könne am Ende besonders Hoeneß schaden.

Die Bayern haben am Wochenende gewonnen. In Bremen. Ich betone das deshalb, weil das Spiel früher mal eine große Nummer war und heute spielt das Ergebnis zwei Tage später keine Rolle mehr.

In den 80ern und 90ern aber war es das Hass- und Hämespiel der Liga, Werder-Manager Will Lemke Hoeneß' größter Ligafeind. Über den sagte Hoeneß einmal, in diesem Leben werde er sich mit dem nicht mehr versöhnen.

Mit der gleichen Verachtung sagt er das heute über einen Mann aus der Bayern-Familie, den er seit 50 Jahren kennt, mit dem er in den Siebzigern auf Reisen das Bett geteilt hat, mit dem er Deutscher und europäischer Landesmeister wurde: Paul Breitner. Der öffentlich ausgetragene Streit der beiden Jugendfreunde und Bayern-Ikonen hat das Potential den Klub zu spalten.

FC Bayern München: Uli Hoeneß und Paul Breitner diskutieren

FC Bayern München: Uli Hoeneß und Paul Breitner diskutierenGetty Images

Umgang mit Breitner spaltet FC Bayern

Auch am Tag nach dem Bremen-Spiel lässt Hoeneß das Thema nicht los. Bei einem Fanclubbesuch im oberfränkischen Kersbach wütet er weiter gegen Breitner, den er einen "Täter" nennt, der nicht zum Märtyrer gemacht werden dürfe, veröffentlicht dessen Honorare, die dieser als Bayern-Repräsentant in den letzten Jahren genommen habe. Hoeneß stellt Breitner als populistischen Raffzahn dar, der das Geld gerne nimmt und dann öffentlich herumstänkert.

Dass die Fans die Causa Breitner anders beurteilen, das wurde auf der Jahreshauptversammlung überdeutlich. Wenn Hoeneß Krieg führt gegen die eigenen Leute, dann ist das "Mia San Mia" tot, so die Lesart von einer stetig steigenden Anzahl von Mitgliedern, die vor den Kopf gestoßen sind und Hoeneß die Gefolgschaft verweigern.

Der Bayern-Präsident hat sichtbar jegliches Gefühl für die Stimmungslage im Verein verloren und so könnte sein Umgang mit Breitner der Anfang vom Ende des großen Bayern-Zampanos sein. Auf Anfrage des LIGAsthenikers vom Sonntag wollte sich Breitner nicht mehr zur weiter eskalierenden Situation äußern.

Video - Hoeneß über Streit mit Breitner: "Verhältnis nicht mehr zu kitten"

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Vielsagende Einblicke zu Breitner und Hoeneß

Wer das komplizierte Binnenverhältnis von Hoeneß und Breitner verstehen möchte, dem sei die Fußball-Doku "Profis" aus dem Jahr 1979 von Christian Weisenborn und Michael Wulfes empfohlen. Ein Film, den es heute so nicht mehr geben würde, weil ein derart selbstverräterischer Einblick ins eigene Business heute weder von Spielerberatern noch von der Liga selbst geduldet würde.

Es ist ein Film, der die ganze Ungeschminktheit zweier Akteure zeigt, die damals Freunde waren, wie sie unterschiedlicher nicht sein konnten. Es hat enormen Unterhaltungswert, wenn der viel talentiertere Fußballer Breitner, Zentrum und Kapitän der Mannschaft, darüber doziert, was Hoeneß auf dem Platz fehlt und warum der nach einer Verletzung völlig zurecht nur noch Einwechselspieler sei. Das ist im gleichen Maße arrogant und auf den Punkt formuliert.

Und im Gegenschnitt Hoeneß, der versucht, am Ende seiner aktiven Karriere sein kleineres Talent ins große Geld umzumünzen. Hoeneß bewirtet Gewinner eines Preisausschreibens in seiner Privatwohnung mit Sekt und Leberkäs' und Ehefrau Susi versucht verzweifelt zu verhindern, dass die feisten Fremden auch noch ins Schlafzimmer poltern. Für Geld hat Hoeneß immer schon viel gemacht.

Video - Hoeneß nach Fan-Kritik: "Dann ist das nicht mehr mein FC Bayern"

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Fans fragen: Kandidiert Breitner?

Der verbrämte Konterrevolutionär Breitner mit der zur Schau gestellten Mao-Bibel und der Neokapitalist Hoeneß, sie teilten sich das Zimmer, aber sie waren sich intellektuell nie sehr nahe. Sie wurden zusammengehalten durch das Clangesetz, das Bayernmanager Hoeneß einführte, wonach jeder, der das Bayern-Trikot getragen hat, zur Familie gehört, aus der er nicht mehr vertrieben werden kann.

Die einzige Voraussetzung: Keiner muckt auf gegen den Babo von der Säbener Straße und akzeptiert Hoeneß als oberste, nicht hinterfragbare Instanz. Das konnte mit Breitner nicht gut gehen. Dem Vernehmen nach wollte Hoeneß just in dem Moment die Verbannung Breitners, als sein Name als möglicher Gegenkandidat für die Präsidentenwahl 2019 öffentlich gespielt wurde (auch vom LIGAstheniker).

Einen Gegenkandidaten, noch dazu der, der ihm schon als Spieler und später als notorischer Chefkritiker auf die Nerven ging - das war zu viel für den Mann, der keinen Widerspruch duldet und plötzlich einen wachsenden Teil seiner Klubfamilie gegen sich hat.

Uli und der liebe Gott

Es gibt ein Bonmot, das schon länger auf den Fluren der Säbener die Runde macht und Paul Breitner zugeschrieben wird. Es geht so: "Was ist der Unterschied zwischen Uli Hoeneß und Gott?" Die Antwort Breitners:

"Der liebe Gott weiß, dass er nicht Uli Hoeneß ist."

Gut möglich, dass Uli Hoeneß im November 2019, bei der geplanten Wiederwahl zum Bayern-Präsidenten, plötzlich feststellen wird: Huch, ich bin ja doch nicht der Fußballgott!

Zur Person Thilo Komma-Pöllath:

Der Sportjournalist und Buchautor ("Die Akte Hoeneß") beleuchtet in seinem wöchentlichen Blog "Der LIGAstheniker" das Geschehen in der Fußball-Bundesliga für Eurosport.de. Oft skeptisch, ironisch, kritisch - aber einer muss schließlich den Ball flach halten.

Video - So tritt Hoeneß gegen den mutigen Bayern-Fan nach

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