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Der Coutinho-Hype ist völlig überzogen

Der Coutinho-Hype ist völlig überzogen

16/12/2019 um 17:51Aktualisiert 23/12/2019 um 13:33

Nach drei Toren und zwei Vorlagen beim 6:1-Kantersieg des FC Bayern gegen Werder Bremen wird Philippe Coutinho von den Medien in den Himmel gelobt. Dabei scheint völlig in Vergessenheit geraten zu sein, wie schwer sich der Brasilianer in den vergangenen Wochen in Spielen gegen Topmannschaften zeigte. Der LIGAstheniker findet deshalb: Der Coutinho-Hype ist völlig überzogen.

Liebe Fußballfreunde,

Wer sich am Sonntag noch einmal durch alle Fußballtalkshows und televisionären Taktikanalysen des Spieltags hindurchgequält hat, der mit Abstand härteste Teil eines Kolumnistenlebens, der musste die Erkenntnis gewinnen, dass der Fußball am Samstag in München einen neuen Messi hervorgebracht hat. Ich nehme nur mal als Beispiel den Kommentar von Oliver Forster in dessen Spielzusammenfassung von Bayern gegen Werder auf "Sport 1", an dessen Ende ich mich gefragt habe, was der gute Mann eigentlich geraucht hat.

Der Kollege jedenfalls kriegte sich gar nicht mehr ein. Also sprach Forster wahlweise von einer "Weltklasseleistung" oder einer "sensationellen Leistung", davon, dass er es "allen Kritikern zeigt" und er den "Stempel Fehleinkauf" für allemal weggewischt habe. Forster sprach über Philippe Coutinho, Bayerns Weltstareinkauf vor der Saison, an dem die Geister, die sich an ihm schieden, keinen Weltstar entdecken konnten und jetzt, nach drei Toren gegen Bremen, im kollektiven Dopaminrausch verrückt spielen. Dass Abstiegskandidat Bremen nicht die Art von Gegner ist, weshalb man Coutinho überhaupt geholt hat - geschenkt!

Größer als Messi, zu klein für die Bayern?

Vor ein paar Tagen gegen Tottenham war ich das letzte Mal im Stadion der Münchner und wieder mal überrascht wie schmächtig der Brasilianer in Wirklichkeit ist. Ohne ihm zu nahe treten zu wollen, kann man sagen, dass Coutinho im Schnitt einen Kopf kleiner ist als alle anderen Spieler auf dem Feld. Das ist, für einen Wunderkicker schon mal ein Standortnachteil, aber kein Ausschlusskriterium. Messi ist schließlich auch nicht viel größer, angeblich sogar zwei Zentimeter kleiner (1,72 zu 1,70 m).

Philippe Coutinho und Alphonso Davies vom FC Bayern München

Philippe Coutinho und Alphonso Davies vom FC Bayern MünchenGetty Images

Coutinhos introvertierter, fast schüchtern wirkender Charakter, der ihm kaum Präsenz verleiht auf dem Spielfeld, ist das eigentliche Problem. Er ist zwar da, aber man nimmt ihn zunächst gar nicht wahr. Das ist natürlich blöd, wenn man die 10 auf dem Rücken trägt und man weiß, wenn Messi ein Spiel hat, ihn alle anderen umkreisen wie das Wolfsrudel das Muttertier. Genug der Vergleiche, die sicher unfair sind und übertrieben.

Coutinho ist kein neuer Messi, er ist auch kein alter Messi, er ist einfach nur Coutinho. Und die Frage ist, ob das reicht für den FC Bayern und seine Ansprüche und ob er nicht ein klein wenig teuer ist, dafür, dass man sich die Frage bisher nicht beantworten konnte.

Schnäppchen oder Fehleinkauf?

Bis dato ist Coutinho ein Schnäppchen von Liverpools Resterampe, insofern hat Bayern, kann man sagen, kaum was falsch gemacht. 8,5 Millionen Euro Leihgebühr und ein hohes Gehalt sind nicht das Problem für einen vermeintlichen Wundermann.

Die Kaufoption nach der Saison in Höhe von 120 Millionen Euro schon eher. Einen dreistelligen Millionenbetrag für einen ganz netten Kicker haben die Bayern nicht im Kreuz. Und das ist gut so! Und nicht durch Zufall erinnert der Fall Coutinho an den Fall James Rodriguez aus dem Vorjahr, als man sich am Ende gegen einen Kauf entschied.

Auch damals war von Fehleinkauf die Rede, wie jetzt bei Coutinho, ausgerechnet vom "kicker", der seine rhetorische Frage als Antwort auf Coutinho verstanden haben wollte. Die halten offensichtlich nicht viel von ihm, auch wenn sie ihn nach Bremen wieder bejubeln.

Kann er der entscheidende Faktor sein?

Ist jetzt alles wieder in der Spur? Wird Coutinho die Bayern endgültig in die Zukunft und damit zu großen Titeln führen? Zum Champions League-Sieg? Glaubt das irgend jemand ernsthaft? Der Knoten sei geplatzt, sagen jetzt alle, die Ahnung davon haben. Das ist ein merkwürdiges Bild. Denn wenn Coutinho, den sie überall an der Säbener für ein "Sensibelchen" halten, auch nur wieder eines seiner Unsichtbarspiele aus den Vorwochen wiederholt, was heißt das dann für den Knoten?

Der überragende Mann gegen Bremen: Philippe Coutinho

Der überragende Mann gegen Bremen: Philippe CoutinhoGetty Images

Auch ohne Coutinho hätten die Bayern gegen Werder hoch gewonnen, das ist unzweifelhaft. Aber hätten sie mit ihm von Anfang an gegen Leverkusen und Gladbach nicht verloren? Wenn er in den großen Spielen nicht der entscheidende Faktor sein kann, dann ist er nicht der richtige Mann für die Bayern - trotz seiner sensationellen Weltklasseleistung gegen Bremen, bei der es Coutinho (fast) allen Kritikern gezeigt hat.

Zur Person Thilo Komma-Pöllath:

Der Sportjournalist und Buchautor ("Die Akte Hoeneß") beleuchtet in seinem wöchentlichen Blog "Der LIGAstheniker" das Geschehen in der Fußball-Bundesliga für Eurosport.de. Oft skeptisch, ironisch, kritisch - aber einer muss schließlich den Ball flach halten.

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