FC Bayern München entlässt Niko Kovac - Trainer sind oft alleine Schuld
Publiziert 04/11/2019 um 23:27 GMT+1 Uhr
Niko Kovac muss trotz des Doubles aus der vergangenen Saison seine Koffer in München packen. Die Erfolge sind ein halbes Jahr später nicht mehr relevant, aber Kovac ist nicht der einzige Betroffene. Seit einigen Jahren ist es europaweit Trend, den Übungsleiter bereits im Herbst zu entlassen, unabhängig von seinen vorangegangenen Leistungen. Stellt sich die Frage: Liegt's immer nur am Trainer?
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Vielleicht gibt es ja schon ein Formblatt in verschiedenen Sprachen. Deutsch, englisch, italienisch, spanisch. Ganz simpel: Absender und Adresse und unter Betreff: Kündigung. Der erste Satz würde in etwa wie folgt lauten: "Mit sofortiger Wirkung usw. usw." Und zum Schluss noch der übliche, weichgespülte und selten ganz ehrlich gemeinte Hinweis, dass man sich für die geleisteten Dienste bedanke usw. usw.
Die Kündigung müsste normalerweise schriftlich per Einschreiben mitgeteilt werden. Vermutlich wird der Form auch meist Genüge getan. Aber bevor der Postbote anrückt, steht es ja längst in allen Zeitungen. In Deutschland, in England, in Italien, in Spanien.
Der November ist der Monat der Wahrheit
Es ist November, der Spielbetrieb läuft überall schon seit längerer Zeit. Es werden erste Tendenzen erkennbar. Wird es eine gute Saison, eine durchwachsene oder ein schlechte? Zwei bis drei Niederlagen in Folge genügen jetzt, um die dünnen Geduldsfäden der Vereinspräsidenten reißen zu lassen.
Überall, nicht nur in München oder Hannover und vielleicht bald in Köln oder Mainz. Wer weiß? In Spanien wurden bereits drei Trainer von ihren Aufgaben entbunden. In England erlebte das jüngst Javi Garcia beim FC Watford nach vier Niederlagen in Folge. Alte Verdienste zählen nicht. Überhaupt nicht. Das geht nicht nur Kovac so, der im letzen Jahr noch das Double gewann, auch nach zähem Start. Vergessen. Vorbei.
Eugenio Corini wurde jetzt in Brescia mit mehr Freiheit in seinem Leben ausgestattet. Er hatte den Club nach acht Jahren in der Serie B in die Serie A, der höchsten Spielklasse in Italien, geführt. Nun belegt der Verein den drittletzten Platz. Eher normal und hat aber immer noch ein Nachholspiel. Hat Corini nichts genutzt. Milan hat Marco Giampaolo nach vier Monaten im Amt entlassen. Udinese seinen Trainer Igor Tudor weil sein Team zuletzt 1:7 gegen Bergamo verlor.
Aktionismus gegen die Angst
Manchmal ist es irrational, nicht nachvollziehbar und zeugt im Grunde auch von einer totalen Verunsicherung in den Führungsgremien der Vereine. Die hochgestellten Funktionäre schieben den Erwartungshorizont in unendliche Weiten. Wo soll denn bitte ein Aufsteiger in den ersten Monaten einer neuen Spielzeit zunächst landen wenn nicht im hinteren Tabellenfeld?
Doch die Nähe zur Abstiegszone scheint bei vielen Clubs zu überhasteten Aktionen zu führen. Es ist die pure Angst, die nun die Entscheidungen beeinflusst. Aktionismus soll das schlechte Gewissen beruhigen. Und bei den Vereinen, die von sich immer annehmen, sie müssten aufgrund ihres angeblich überragenden Kaders um den Titel mitspielen, liegen die Nerven vom ersten Spieltag an blank. Man stelle sich vor, Julian Brandt hätte im Pokal gegen Mönchengladbach nicht zweimal getroffen: Wäre Lucien Favre noch Trainer in Dortmund?
Trainer können keine Tore schießen
Man wird immer Gründe finden einen Trainer vor Ende der vertraglichen Laufzeit an die berühmte frische Luft zu setzen. Sie sind, sie bleiben, das schwächste Glied in einer Kette voller Unsicherheiten. Sie sind letztlich für alles verantwortlich, hauptsächlich für Niederlagen. Für Stürmer, die in aussichtsreichster Position den Ball nicht ins Tor bringen, für Abwehrspieler, die Stellungsfehler machen und damit Gegentore ermöglichen.
Für Torhüter, die den Ball über die Finger ins Tor rutschen lassen. Für alles und jeden. Vermutlich selbst für Zerrungen und Erkältungen. Die Trainer versuchen sich dagegen zu wehren. Verbal. Mehr Möglichkeiten haben sie nicht, denn ihr Gehalt versteht sich inklusive Schmerzensgeld für eine vorzeitige Entlassung.
Freiburg als letzte Insel
Und doch gibt es sie noch, die Inseln der Glückseligkeit: Oder ist es nur noch eine Insel; die in Freiburg? Abstieg, Aufstieg, Europapokal und im gleichen Jahr Abstieg und wieder Aufstieg. Und immer mit Christian Streich als Trainer. War nie eine Frage.
Aber der SC Freiburg ist auch immer ehrlich mit den Erwartungen umgegangen. Man ist immer auf dem Boden geblieben. Das erleichtert Streich die Arbeit während andernorts zu viele Träume die Realität beeinflussen. Auf Kosten der Trainer.
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