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Schon wieder "Thiago oder nix": Wie entscheidet der FC Bayern?

Schon wieder "Thiago oder nix": Wie entscheidet der FC Bayern?

17/10/2019 um 09:06

Thiago Alcántara gehört beim FC Bayern München mittlerweile zum Inventar, spielt schon seine siebte Saison für den Rekordmeister. Bald allerdings steht für Spieler sowie Klub eine Grundsatzentscheidung an. Will man die Zusammenarbeit fortsetzen oder getrennte Wege gehen? Der FCB wird dabei nicht nur Geleistetes berücksichtigen. Es steht auch die Frage im Raum, ob Thiago sich noch steigern kann?

Kritiker würden sagen, diese Szene beschreibe Thiago in all seinen Facetten.

In dieser siebten Minute des Länderspiels seiner Spanier in Schweden stand der Mann mit der Nummer 10 auf dem Rücken plötzlich frei vor dem Tor. Stark hatte er sich durchgesetzt, einen abgeblockten Schuss technisch sauber mitgenommen, was die Abwehr des Gegners schnell in ihre Einzelteile zerlegte.

Nun aber packte Thiago die Sohle aus, übersah zwei Mitspieler rechtsseitig, die mit dem Ball ins leere Tor gelaufen wären. Was kurzzeitig schön aussah, blieb schließlich unvollendet. Statt der frühen spanischen Führung gab es einen Eckball.

Thiago weist Kritiker zurecht

Nun geht dem 28-Jährigen nicht grundsätzlich die Zielstrebigkeit ab, hier und dort stellt er aber die B- über die A-Note - das lässt sich nach mehr als einer halben Dekade beim FC Bayern durchaus sagen.

Thiago selbst kennt die Kritik, die ihm immer wieder begegnet. Eigentlich sei er der talentierteste Spieler der Bundesliga, heißt es da. Technisch sowieso herausragend, mit überragendem Spielverständnis - aber eben in den entscheidenden Situationen zu nachlässig oder abtauchend.

"Natürlich ist man in der Verantwortung, wenn man schon lange in einem Verein ist", sagt Thiago selbst im Klubmagazin "51". Dann wird er deutlich:

"Ich bin seit sechs Jahren hier, wir wurden jedes Mal Meister und dreimal Pokalsieger, standen dazu viermal im Halbfinale der Champions League. Ich respektiere, was die Leute denken und behaupten. Ich sage dazu gar nichts. Ich spiele. Manche schreiben positive Dinge, manche negative. Das ist wie eine Achterbahnfahrt. Aber ich kann das einschätzen."
Niko Kovac und Thiago vom FC Bayern

Niko Kovac und Thiago vom FC BayernEurosport

Thiago zwischen Überflieger und Mitläufer

Seit Pep Guardiola im Jahr 2013 sein legendäres "Thiago oder nix" zum besten gab, ist der ehemalige Barça-Akteur fester Bestandteil des Bayern-Ensembles. Ein prägender noch dazu.

War er nicht verletzt, spielte Thiago fast immer. Im Laufe der Zeit hat er sich zum Metronom des Spiels in der Allianz Arena entwickelt. Thiago bestimmt das Tempo, er beeinflusst Griffigkeit und Dominanz der Münchner.

An guten Tagen sorgt er für geniale Momente am Fließband, brilliert mit Zweikampfstärke und filigranen Pässen am laufenden Band. Der Fußball des 28-Jährigen ist ein schöner Fußball. Wenn Thiago sein ganzes Können aufbietet, klatschen auch die Fans des Gegners Applaus. Allerdings: Er tut dies nicht in ausreichender Konstanz.

Hin und wieder nämlich hat man das Gefühl, Thiago habe seinen Bruder geschickt. Nicht den von Celta Vigo, sondern den, der sich mit Profifußball nur nebenberuflich beschäftigt. Dann spielt Thiago plötzlich unerklärliche Fehlpässe in gefährlichen Zonen, wirkt unkonzentriert und leichtfertig. In der Offensive sucht er so oder so zu selten den Abschluss, kommt nur auf 28 Tore und 36 Vorlagen bei 204 Einsätzen.

"Ich fühle mich wichtig, auf dem Platz und als Persönlichkeit. Manchmal bin ich für meine Kollegen ein Freund, manchmal ein Lehrer, manchmal Partner, manchmal sogar Vater. Diese Situation gefällt mir", beschreibt er. Manchmal eben ist er ein schlechter Lehrer.

Kovac packt Thiago härter an

Niko Kovac hat einen eigenen Weg entwickelt, um seinen Spielmacher den einen Schritt weiter in die absolute Weltklasse zu führen. Der Bayern-Coach packt ihn härter an. Beim Spiel in Paderborn nahm er den Techniker nach enttäuschenden 45 Minuten vom Platz. Das hatte zuvor 1467 Tage lang kein Bayern-Trainer gewagt. Zuletzt hatte Guardiola Robert Lewandowski für Thiago eingewechselt. Der Pole machte in diesem Spiel fünf Tore in neun Minuten.

Ganz so unmittelbar fruchtete Kovacs Maßnahme nicht. Allerdings kehrte Thiago nur eine halbe Woche später nach der Halbzeitansprache beim Champions-League-Spiel bei Tottenham Hotspur zurück ins Team. Aus einer knappen 2:1-Führung machte der Rekordmeister - angeführt vom Spanier - das historische 7:2.

"Er ist ein sehr selbstkritischer Spieler. Aber bei ihm ist es auch so wie bei allen anderen: Die Leistung muss stimmen", begründet Kovac nüchtern. "Wenn sie stimmt, dann hat man auch die Berechtigung, weiterhin zu spielen. Wenn man mal ein schlechtes Spiel haben sollte, heißt das aber nicht, dass man verdammt wird. Aber die anderen warten und sind bereit."

Kovac versucht Thiago zu reizen, ihn zappeln zu lassen. Bislang mit Erfolg. Er tut dies nicht nur für den kurzfristigen Erfolg. Der Coach hat auch die Zukunft im Blick. Den schon bald muss der Verein eine Entscheidung treffen.

Vertragsgespräche stehen vor der Tür

Thiagos Vertrag läuft 2021 aus. Unter den erfahrenen Stammspielern ist er derjenige mit dem am kürzesten datierten Arbeitspapier. Es ist noch nicht kurz vor knapp, aber schon bald wird es wieder heißen: 'Thiago oder nix".

Thiago Alcántara

Thiago AlcántaraGetty Images

Die Bayern-Bosse werden sich darüber einig werden müssen, ob dieser Thiago den Verein wieder an die internationale Spitze wird führen können. In der stark verjüngten Mannschaft ist er spätestens in zwei Jahren ein alter Hase. Dann muss er stabil vorausgehen. Er darf nicht schwanken.

Thiago selbst hat die Zeichen der Zeit erkannt. Der Spieler weiß, was von ihm erwartet wird. Er will künftig noch mehr Verantwortung übernehmen - und gerne bleiben. Das letzte Wort spricht er aber nicht allein.

"Das ist eine Entscheidung, die beide Seiten treffen müssen. Ich fühle mich super, meine Familie ist sehr glücklich. München ist eine ungemein lebenswerte Stadt", sagte er gegenüber "fcbayern.com". Um noch weiter in den Genuss dieser Stadt zu kommen, muss Thiago sich steigern.

Er muss konstanter und zielstrebiger werden. Um selbst endlich unangefochtene Weltklasse zu werden und den FC Bayern in neue Höhen zu tragen...

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