Florian Wirtz von Bayer Leverkusen: Bundesliga-Debüt mit Beigeschmack

Florian Wirtz gilt als eines der größten Nachwuchstalente der Welt und ist seit Montag der jüngste Bundesligaspieler der Vereinsgeschichte von Bayer Leverkusen. Sein Winterwechsel vom 1. FC Köln schlug hohe Wellen und belastete das gute Verhältnis der Rheinrivalen schwer. In Leverkusen ist man sich keiner Schuld bewusst und plant, aus Wirtz den nächsten Superstar der Marke Kai Havertz zu machen.

Eurosport

Fotocredit: Eurosport

Die Verantwortlichen des 1. FC Köln werden wehmütig nach Bremen geschaut haben, als am Montagabend ein gewisser Florian Wirtz sein Profi-Debüt in der Bundesliga gab. Dass dieser mit gerade einmal 17 Jahren und 15 Tagen beim 4:1-Sieg von Bayer Leverkusen im Bremer Weserstadion sogar in der Startelf stand, zeigt, welch' Riesentalent den Geißböcken im Winter aus dem eigenen Nachwuchs entwendet wurde.
Im vergangenen Jahr gewann Wirtz im Alter von 16 Jahren noch das Finale der B-Junioren Bundesliga mit den Kölnern gegen die U17 von Borussia Dortmund - eine Mannschaft gespickt mit Toptalenten wie Ansgar Knauff, Dennis Lütke-Frie oder Wunderstürmer Youssoufa Moukoko.
Spätestens nach diesem Erfolg landete der Name Florian Wirtz in den Notizbüchern der europäischen Top-Scouts, er wurde u.a. vom FC Bayern, der TSG 1899 Hoffenheim und Borussia Dortmund zum "Kennenlernen" aufs Vereinsgelände eingeladen. Auch der FC Liverpool soll angeklopft haben.

Wirtz: Problem mit Rheinland-Abkommen

Den Zuschlag aber bekam letztlich die Werkself, auch weil das Paket aus Heimat-Nähe (Wirtz wohnt nur eine halbe Stunde entfernt vom Trainingsgelände der Leverkusener) und hervorragender sportlicher Perspektive am überzeugendsten wirkte. "Wir haben Florian in den Gesprächen eine sportliche Perspektive aufgezeigt und sicherlich auch davon profitiert, dass wir in der Vergangenheit vielen jungen Spielern wie Kai Havertz, Julian Brandt oder Benjamin Henrichs sehr früh die Chance gegeben haben, sogar in der Champions League aufzulaufen", meinte Völler nach dem Transfer und schob nach: "Mit diesem Pfund nicht zu wuchern, wäre dumm und verantwortungslos."
In Köln ist die Gemütslage eine gänzlich andere. Grund ist das sogenannte Rheinland-Abkommen, eine Art Gentlemen's Agreement zwischen Leverkusen, Köln und Borussia Mönchengladbach. Dabei handelt es sich um eine stillschweigende Vereinbarung, die besagt, dass sich die drei Klubs im Jugendbereich nicht gegenseitig die Spieler abspenstig machen. Seit knapp 20 Jahren halten sich die Vereine an dieses ungeschriebene Gesetz, das im Jahr 2001 entstand, nachdem der 12-jährige Marco Quotschalla von Leverkusen zu den Geißböcken wechselte.
"Der Westen ist eine Extremsituation. Wir sind hier nicht so isoliert wie beispielsweise Hertha, oder München, oder Stuttgart, sondern haben eine Situation, in der mehrere sehr gute Jugendleistungszentren auf engstem Raum geballt sind", erläuterte Gladbachs Manager Max Eberl im Zuge des Wechseltheaters um Wirtz im Januar und bestätigte: "Es gibt dieses Agreement weiterhin."

Wirtz-Wechsel nach Leverkusen wird Politikum

Es ist daher nachvollziehbar, dass sich der Wirtz-Transfer zu einer Art Politikum hochschaukelte. "Es ist etwas passiert, was keiner von uns gerne sieht, im Fall von Florian Wirtz, dass der Junge einen Vereinswechsel vornimmt", bedauert Eberl.
Auf Leverkusener Seite sprach man von einem "Sonderfall". Beim Toptalent aus Köln wären der Werkself praktisch die Hände gebunden gewesen, wie Leverkusens Sportdirektor Simon Rolfes auf der "Spobis" erklärte: "Es ist ganz einfach: Wir waren sehr überrascht, dass sein Vertrag ausläuft. Dass ein Spieler dieser Qualität ab Sommer keinen Vertrag mehr hat. Ich kenne den Spieler, seit er 14 ist, habe ihn häufig gesehen. Wir wussten, dass viele Vereine an ihm interessiert sind. Und dementsprechend war es auch unsere Aufgabe, uns damit zu beschäftigen. Weil er sonst womöglich woanders hingewechselt wäre. So aber bleibt er in seinem gewohnten Umfeld im Rheinland."
Auch Bayer-Boss Rudi Völler versicherte, dass man keine Rücksicht auf "unser seit vielen Jahren gutes Verhältnis zum 1. FC Köln und auch zu Horst Heldt" hätte nehmen können und ist sich bei seinem Kollegen sicher: "Er hätte im umgekehrten Fall, da bin ich sicher, ebenso gehandelt."
Vor allem unter dem Gesichtspunkt, dass für Leverkusen im Sommer lediglich die festgelegte Ausbildungsentschädigung von rund 50.000 Euro fällig wird.

Leverkusen: Wirtz ist kein Jugendspieler

Vielleicht auch um das eigene Gewissen zu beruhigen, argumentierte Völler zudem, dass es sich bei Wirtz bereits um einen Lizenzspieler-Wechsel und nicht um den eines Jugendspielers, wie das junge Alter nahelegt, handle.
Das Bundesliga-Debüt des Offensivspielers in Bremen gibt Völler recht, auch wenn sicherlich ein fader Beigeschmack bleibt.
Sei’s drum: Aus sportlicher Sicht ist der Transfer des Nachwuchsstars vielversprechend. Wirtz’ Anlagen erinnern unweigerlich an die der heutigen Nationalspieler Brandt (jetzt Borussia Dortmund) und Havertz (aktueller Marktwert: rund 90 Millionen), die in Leverkusen eine hervorragende Entwicklung nahmen. Er ist mit einem außerordentlichen Spielverständnis und dem Blick für Räume gesegnet, die wenig andere Spieler sehen.
Bereits in der U8, als der gebürtige Brauweiler seinem Heimatverein den Rücken kehrte und zum 1. FC Köln wechselte, war Wirtz’ überbordende Talent offensichtlich. Ein Probetraining hielten die Verantwortlichen des Traditionsklubs deshalb auch für überflüssig. Von Anfang an übertraf der offensive Mittelfeldspieler alle Erwartungen und machte sich in den kommenden Jahren deutschlandweit einen Namen.
Sein Marktwert im Falle eines Weiterverkaufs wird von Experten jetzt schon auf eine zweistellige Millionensumme geschätzt. Auch rein wirtschaftlich ist der Transfer also hochattraktiv - ein Punkt, der schneller als von Leverkusen beabsichtigt wichtig werden könnte.

Wirtz der legitime Havertz-Nachfolger?

Derzeit sind die Augen der ganzen Welt auf die Bundesliga gerichtete. Aller weiteren Ligen Europas pausieren noch aufgrund der Coronavirus-Pandemie. Wirtz’ 62-minütiges Debüt wird daher nicht nur in Deutschland zur Kenntnis genommen worden sein - zumal er durchaus ordentlich spielte.
"Normalerweise äußere ich mich nicht zu einzelnen Spielern", entgegnete Trainer Peter Bosz auf der Pressekonferenz nach dem Bremen-Spiel einem fragenden Journalisten, aber für Florian mache er eine Ausnahme.
"Das ist immer etwas Besonderes, wenn man ein Debüt macht. Erst recht mit 17. Es war alles in allem eine gute Leistung von ihm, er war nicht nervös." Wirtz habe auch noch kurz vor seiner Auswechslung "gut mit nach hinten gearbeitet", lobte der Niederländer.
In Leverkusen dürfte man angesichts der Personalie Wirtz dem kommenden Transfersommer zumindest etwas entspannter entgegensehen.
Ein etwaiger Abgang von Havertz, der von halb Europa gejagt wird, wäre mit einem potentiellen Nachfolger wie Wirtz in der Hinterhand zumindest ein Stück weit leichter zu ertragen.
Mehr als 3 Mio. Sportfans nutzen bereits die App
Bleiben Sie auf dem Laufenden mit den aktuellsten News und Live-Ergebnissen
Download
Diesen Artikel teilen
Werbung
Werbung