Hertha BSC: Jürgen Klinsmann ist ein unbequemer Visionär

Einen Tipp seines Vaters Siegfried hat Jürgen Klinsmann seine gesamte Karriere über befolgt. "Bub, mach' keine halben Sachen", gab der 2005 verstorbene Bäcker seinem Sohn mit auf den Weg. Halbe Sachen machte der gebürtige Göppinger bis heute nicht, er zog sein Ding nicht nur bei seinem völlig überraschenden Rücktritt als Trainer des Fußball-Bundesligisten Hertha BSC knallhart durch.

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Als großer Reformer und Visionär mischte Klinsmann den altehrwürdigen Deutschen Fußball-Bund (DFB) vor der Heim-WM kräftig auf und führte die nach der EM 2004 am Boden liegende Nationalmannschaft als Bundestrainer beim legendären Sommermärchen 2006 auf Platz drei.
Bevor es so weit war, musste Klinsmann aber viele Hindernisse überwinden. Nach einem 1:4-Debakel in einem Länderspiel in Italien im März 2006 stand er schon kurz vor der Ablösung, übereifrige Politiker forderten sogar eine Anhörung vor dem Sportausschuss des Bundestags.

Klinsmann: "Wir müssen uns öffnen"

Doch Klinsmann ließ sich von seinem eingeschlagenen Weg nicht abbringen, auch wenn man sich an die Nationalspieler mit Gummibändern zwischen den Beinen erst einmal gewöhnen musste und auch seine häufigen Flüge in seine Wahlheimat USA für Kritik sorgten. "Wir müssen uns öffnen und über die Grenzen schauen", lautete ein Lebensmotto des bei den Fans beliebten Strahlemanns.
Doch Klinsmann eckte auch oft an, er war nie ein bequemer Mitmensch. Das musste auch der deutsche Rekordmeister Bayern München gleich doppelt feststellen. Als Spieler trat der heutige 55-Jährige nach einer Auswechslung von Trainer Giovanni Trapattoni in einem Spiel gegen den SC Freiburg (0:0) vor Wut in eine Werbetonne. Von seinem kurzen Engagement als Trainer blieben an der Säbener Straße vor allem die Buddha-Figuren in Erinnerung - auch wenn Klinsmann zuletzt bestritt, für ihre Aufstellung verantwortlich gewesen zu sein. Sein Vorhaben, seine Spieler "jeden Tag ein bisschen besser zu machen", gelang ihm jedenfalls nicht.

Große Erfolge als Spieler und Liebling in Tottenham

Als Spieler hatte der sozial engagierte Klinsmann deutlich mehr Erfolg. Weltmeister 1990, Europameister 1996, 108 Länderspiele (47 Treffer) - auch wenn er nicht mit dem größten Talent gesegnet war und aufgrund seiner nicht gerade feinen Technik von den Mitspielern auch schon mal als "Flipper" bezeichnet wurde.
Mit seinem unermüdlichen Einsatz und Siegeswillen verzückte "Klinsi" dafür die Anhänger - nicht nur als Deutscher auf der Insel bei Tottenham Hotspur. Mit seiner unbekümmerten Art verhalf er auch der US-Nationalmannschaft (2011 bis 2016) zu Erfolgen.
Neben seiner Familie war Klinsmann seine Unabhängigkeit am wichtigsten. Mit seinem per Facebook verkündeten Aus in Berlin überrumpelte er seinen Arbeitgeber, der ihm im Winter noch knapp 80 Millionen für Neuzugänge zur Verfügung gestellt hatte. Halbe Sachen macht Klinsmann eben nicht.
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(SID)
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