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Jens Lehmann: Was will Hertha BSC mit ihm im Aufsichtsrat?
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Publiziert 11/05/2020 um 15:03 GMT+2 Uhr
Jens Lehmann tritt bei Hertha BSC als Aufsichtsratsmitglied in die Fußstapfen von Jürgen Klinsmann. Ein spektakulärer Coup, für den der Hauptstadtklub nicht nur positives Echo erntet. Denn der ehemalige Nationaltorhüter Lehmann gilt als durchaus eigen - manche beschreiben den Umgang mit ihm als auch als schwierig. Was also steckt hinter dieser Personalie und wie tickt der 50-Jährige wirklich?
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Eins muss man Lars Windhorst lassen.
Herthas Investor - dem 49,9 Prozent am Verein gehören - hat ganz offensichtlich Mut. Und er meint es ernst mit dem Hauptstadtklub. Denn knapp drei Monate nach dem spektakulären Scheitern seines Experiments mit Jürgen Klinsmann, hat sich der 43-Jährige das nächste Schwergewicht und Eigenbrötler in den eigenen Aufsichtsrat geholt.
Jens Lehmann übernimmt. Hauptaufgabengebiet: Alles, was das Sportliche berührt.
Windhorsts Angebot, bei Hertha mitzuarbeiten, habe er gerne angenommen, ließ der ehemalige Nationaltorhüter kurz nach Bekanntwerden des Deals via Pressemitteilung verlauten - und klang dabei sehr ähnlich wie Klinsmann vor einigen Monaten.
Erstrecht als er seinen neuen Verein als "aktuell eines der interessantesten Projekte im Fußball“ bezeichnete.
Dass er damit durchaus richtig liegt, ist nicht von der Hand zu weisen. Hertha BSC und sein Aufbruch zu neuen Ufern ist spannend und birgt viel Potenzial. In erster Linie aber ist dies ein Projekt nach Lehmanns Geschmack. Es passt zu seiner Kragenweite.
Denn Jens Lehmann war schon immer einer für die große Bühne. Auch deshalb hat Windhorst ihm die neue Aufgabe in Berlin schmackhaft machen können.
Lehmann ist eine schillernde Persönlichkeit
Als Spieler auf Schalke, beim AC Mailand, in Dortmund, als "Gunner" oder Teil des Sommermärchens und beim VfB Stuttgart - der Torwart sah sich stets als Speerspitze von etwas Großem. Es musste schon eine Mannschaft mit gewisser Außenwirkung sein.
Dann strahlte auch er. Zwar nicht immer im ultimativ besten Licht. Aber das spielte keine Rolle. Über den gebürtigen Essener gab es immer etwas zu berichten.
Ihm gelang als erstem Keeper in der Bundesliga-Geschichte ein Tor aus dem Spiel heraus, er fuhr einmal nach einer Niederlage mit der Straßenbahn nach Hause. Später klaute er einem Journalisten die Brille, verschwand während des Spiels mysteriöserweise hinter einer Bande, kam mit dem Helikopter zum Training oder warf den Schuh eines Gegenspielers auf das eigene Tor.
In England war er Teil der legendären Arsenal-Mannschaft, die eine komplette Saison ungeschlagen blieb. Er flog in einem Champions-League-Finale vom Platz, nur um wenige Wochen später bei der Heim-WM zwei Argentinier mit einem legendären Zettel zu entnerven.
Ob man ihn nun mochte, oder nicht: Lehmann strahlte immer etwas aus. Und obendrein hatte er stets etwas zu sagen.
Jens Lehmann: Ein Mann voller Widersprüche
Und nun sucht er - seit einiger Zeit - seinen Platz neben dem grünen Rasen. Als Co-Trainer hat er bei Arsène Wenger gelernt. Als er sein Wissen unter Manuel Baum beim FC Augsburg anbringen wollte, hielt das Bündnis nur drei Monate.
Der familiäre FCA wirkte aber auch einfach nicht passend für einen großen Player wie Lehmann, den umtriebigen Start-up-Investor, Hobby-Schauspieler und Redner, der auch als TV-Experte lieber lauter als leise kritisierte.
Das waren und sind stets die Momente, in denen er für den Beobachter am wenigsten greifbar ist. Dann, wenn sich seine Überlegungen und Gedanken fast ungefiltert Bahn brechen.
Erst kürzlich hatte er die Frage in den Raum geworfen, ob inmitten der Corona-Pandemie nicht zumindest 10.000 Zuschauer ins Stadion kommen könnten. Auch sein "Rat" an homosexuelle Fußballer, sich "lieber nicht" zu outen ist unvergessen.
Gleichzeitig aber engagiert sich der Familienvater als Botschafter in der englischen Anti-Rassismus-Debatte "Kick it out" und im Kuratorium der Deutschen Kinderkrebsnachsorge.
Jens Lehmann ist ein Provokateur voller Widersprüche. Das wird er auch als starker Mann in Berlin bleiben.
Windhorsts Verpflichtungen lassen ein Muster erkennen
Und Hertha? Für den Verein könnte die Lehmann-Verpflichtung zu einem heißen Tanz werden. Der 50-Jährige lässt sich nicht in Schubladen oder Schablonen pressen. Er ist ein Anders- und Querdenker, einer der unangenehme Fragen stellt, auch wenn das (oft negative) Echo erwartbar ist.
Vielleicht aber ist genau das gewollt. Denn Windhorst holt sich ganz sicher nicht ohne Grund schon den zweiten extrem streitbaren Charakter ins Boot. Hier ist ein Muster zu erkennen.
Der Investor ist händeringend auf der Suche nach mehr sportlicher Expertise in der Führungsriege des Vereins. Er will Strukturen aufbrechen und neue Denkrichtungen installieren.
Deswegen kam neben Lehmann auch der renommierte Trainer-Berater Marc Kosicke ins oberste Gremium des Hauptstadtklubs. Dem 49-Jährigen vertrauen unter anderem Jürgen Klopp, Ralf Rangnick und Julian Nagelsmann. Kosicke soll im Hintergrund Strategien entwickeln.
Steht Lehmann die Klinsmann-Rolle?
Lehmann hingegen ist für das Scheinwerferlicht vorgesehen.
Windhorst, der bei seinem zweiten Besetzungsversuch besser nicht falschliegen sollte, war voll des Lobes für sein neues Funktionärs-Duo: "Beide bringen ein hohes Maß an Erfahrung und Professionalität mit. Sie werden dazu beitragen, die Ziele von Tennor und der Hertha zu erreichen und den Verein gemeinsam in eine erfolgreiche Zukunft zu führen."
Der angeschlagene Bundesligist befindet sich derzeit nämlich in Schieflage, taumelt in der Tabelle - kurz vor Wiederaufnahme des Spielbetriebs in der Bundesliga - auf Rang 13 herum. Der gerade verpflichtete Bruno Labbadia ist schon der vierte Trainer in der laufenden Saison.
Hinzu kommen der denkwürdige "Klinsi"-Abschied samt öffentlichem Verlesen seiner Tagebücher und der Imageschaden durch das mehr als unglückliche Video des eigenen Spielers Salomon Kalou.
Lehmann soll den Klub in der Außenwirkung stabilisieren und ihn als dessen verlängerter Arm auf dem von Windhorst ausgegebenen Kurs zunächst in ruhigeres Fahrwasser und schließlich "Richtung europäischer Spitze" halten.
Ob das gelingen kann, bleibt abzuwarten. Klinsmann war diese Rolle schnell zu klein.
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