Liebe Fußballfreunde, ich weiß nicht, ob es uns so ganz bewusst ist, wie skandalös der deutsche Profifußball seine Anhänger an diesem Wochenende verarscht hat. Und nicht, dass Sie denken, ich würde mich hier kolossal in der Wortwahl vergreifen (mein Redaktionsleiter denkt das manchmal schon auch) ich zitiere nur.
Die letzten drei Tage haben deutlich gemacht, wie sehr man das ernst nehmen muss, wenn die Liga von Demut spricht oder Dankbarkeit ins Schaufenster stellt, dafür, dass die offenbar systemrelevanten Profifußballer spielen dürfen, während viele andere Berufstätige, de facto mit einem Berufsverbot belegt, um ihre Existenzen bangen. Muss man nicht, einfach nur dahingelabert!
Das bewiesen am Wochenende große Idole dieses Sports, Namen wie Karl-Heinz Rummenigge, Uli Hoeneß oder Jürgen Klopp, die glauben, dass Lockdown-Regeln tatsächlich die Regeln der Anderen sind. Und wenn einem die Behörden, dieser Schiedsrichter des ganz normalen Lebens, einen Strich durch die "Ich will doch nur spielen"-Rechnung machen, dann wird herumgegrölt und gestänkert, wie das offenbar auf dem Fußballplatz Usus ist.
FIFA Klub-WM
Rummenigge wittert Verschwörung gegen Bayern wegen Startverbot
06/02/2021 AM 22:41
Dann ist es wahlweise ein "Skandal ohne Ende" oder die "totale Verarsche", wenn auch für den FC Bayern das Nachtflugverbot gilt wie für jeden anderen und eine Klub-WM nur mit Verzögerung beginnen kann.
Interessant auch das komplette Unverständnis von Liverpool-Coach Jürgen Klopp, dass seine Mannschaft aus dem vereinigten Virusmutantenland nicht einreisen darf, so wie auch sonst niemand aus England einreisen darf. Aber für ein Champions-League-Spiel gibt es doch sicher eine Ausnahme, oder? Der gleiche Klopp also, der sonst immer gerne so tat, als gäbe es gerade Wichtigeres als Fußball, angesichts der Tausenden Corona-Toten – Pustekuchen, alles nur gespielt.

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Entgleiste Selbstwahrnehmung des Fußballs

Die Selbstwahrnehmung des Profifußballs und seines handverlesenen Spitzenpersonals, das wird immer deutlicher, hat jegliche Bodenhaftung verloren und beinahe paranoide, sagen wir, märchenhafte Züge angenommen. König Fußball blickt in den Spiegel wie die Königin in "Schneewittchen" und fragt: Wer ist der Schönste im ganzen Land? Und weil es im ganzen Land keinen schöneren gibt als König Fußball, lautet die Antwort immer gleich: Ja, du lieber Fußball bist der Schönste im ganz Land. Genau!
Nun kann man sich gut vorstellen, wie ärgerlich es ist, wenn man im Flieger sitzt und der Flieger hebt nicht ab, weil man zu spät dran ist, dass man dann aber gleich – wie Uli Hoeneß - Fluglotsen und Flughafenmitarbeitern unterstellt, die hätten was gegen den eigenen Verein und nicht, die haben sich einfach genau an ihre Vorgaben gehalten, zeigt den ganzen Realitätsverlust.
Auch, dass eine Fußballmannschaft in einem Flugzeug immer noch nur eine Fußballmannschaft ist und keine Air Force One, also für eine Ausnahmeregelung mit Verweis auf die übergeordnete nationale Bedeutung nicht in Betracht kommt, treiben Menschen wie Hoeneß und Rummenigge offenbar in den Irrsinn. Man vertrete schließlich den deutschen Fußball, das sei eine wichtige Sache, polterte Hoeneß verzweifelt, um den Fußballflieger doch noch in einen Regierungsflieger umzufirmieren – vergeblich.
Eine Frage stellte keiner: Die nach eigenen Fehlern und ob es wirklich Sinn machte, den Flug, trotz der Reisebeschränkungen durch die Pandemie auf Teufel komm raus in der Nacht durchzuboxen.

Der Fußball und die Autokraten

Nun gäbe es sicher gut Gründe, einen Regierungsflieger von nationaler Bedeutung in das autokratische Scheichtum Katar zu entsenden, etwa um die Lage der Sklaven-ähnlich beschäftigten ausländischen Arbeiter zu verbessern, die - oft unter unmenschlichen Bedingungen - die Stadien für die gekaufte Fußball-WM 2022 fertigstellen. Das jedenfalls sagen Amnesty International (Sklaven) und die US-Justiz (Korruption). Von Katars Sponsorenpartner Bayern München ist eine derartige Aufklärung nicht zu erwarten und trotzdem und Allah sei Dank - die Bayern sind am Golf angekommen.
Auch Liverpool-Messias Klopp muss sich keine Sorgen machen um seine Champions-League-Ambitionen. Für das Hinspiel gegen Leipzig nächste Woche, ausgerechnet in Budapest beim europäischen Vorzeigepotentaten Viktor Orban, bekommen Kloppo & Co. in jedem Fall eine für den König Fußball standesgemäße Landegenehmigung. Der Profifußball und die Autokraten, es wird augenfällig!

Yves Eigenrauch wird schlecht

Insofern hatte es fast was Niedliches, als sich letzte Woche auf Initiative der DFL eine Taskforce zur Zukunft des Profifußballs traf, um über den Wert nachhaltiger Fußballkultur in Deutschland zu diskutieren. Herausgekommen waren Handlungsempfehlungen, die keinerlei bindende Wirkung hatten. Fan-Organisationen zeigten sich enttäuscht und sprachen von einem "Laberladen".
Noch deutlicher wurde der ehemalige Schalker Fußballprofi Yves Eigenrauch, der am Wochenende zur Entwicklung des heutigen Profifußballs - einmal klang er so, als wolle er sich einfach übergeben.

Zur Person Thilo Komma-Pöllath:

Der Sportjournalist und Buchautor ("Die Akte Hoeneß") beleuchtet in seinem wöchentlichen Blog "Der LIGAstheniker" das Geschehen in der Fußball-Bundesliga für Eurosport.de. Oft skeptisch, ironisch, kritisch - aber einer muss schließlich den Ball flach halten.
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