Liebe Fußballfreunde, es gibt im deutschen Fußball eine seltsame Sehnsucht nach dem Gestern. Nach dem Altbekannten, nach alten Erfolgsrezepten. Das ist schon deshalb seltsam, weil es kaum einen Hyperwettbewerb gibt, der sich so schnell und vertikal entwickelt wie der Leistungssport, einfach deshalb, weil es ja – per definitionem - nur um Leistung geht.
Und in diesem Getriebe Leistungssport nimmt der Profifußball noch einmal eine gesonderte Stellung ein, weil hier die Wirkmächte Geld und Aufmerksamkeit am größten sind. Das Produkt, das immer teurer verkauft werden will, verlangt nach immer grandioseren Attraktionen, nach immer noch mehr Erfolg, solange bis das Getriebe heiß läuft und das ganze Konstrukt implodiert. Beobachten kann man das gerade vielerorts, in Barcelona etwa, auf Schalke oder bei Hertha BSC Berlin.
Aber weil man keinen Plan B hat, keine wirkliche sportliche Strategie, hält man an einzelnen alten Namen fest, mit denen man die mehr oder weniger ruhmreiche Vergangenheit verknüpft, mit denen man das Comeback des Erfolgs antizipiert, so als wäre der Fußball eine Individualsportart, als könnten ein, zwei berühmte Namen ein Konzept, eine Idee von Fußball ersetzen.
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Namen wie Lionel Messi, Klaas-Jan Huntelaar oder Sami Khedira, der heute von Hertha BSC Berlin verpflichtet wurde. Mit dem Blick zurück hat noch selten ein Team erfolgreich nach vorne gespielt.

Phantasielose Bundesliga

Die Bundesliga ist schon traditionell eine ziemlich phantasielose Liga, wenn es darum geht, sportlichen Krisen mit neuen Ideen und taktischen Innovationen zu begegnen. Das mag auch dem Umstand geschuldet sein, dass Trainer in Deutschland deutlich weniger fest im Sattel sitzen und schneller freigestellt werden als in allen anderen großen Ligen, etwa in England. Der Neue muss also umgehend Erfolg haben, was bietet sich also mehr an, als einen zu holen, der schon einmal an gleicher Stelle Erfolg hatte.
Nur so ist zu erklären, dass der FC Bayern mehr als einmal auf seine Meistertrainer Otmar Hitzfeld und Jupp Heynckes zurückgegriffen hat, Bruno Labbadia überall dort als Trainer gearbeitet, wo er auch als Profi gespielt hat und Pal Dárdai jetzt also erneut die Hertha aus der Krise führen soll, in die er sie selbst 2019 geführt hat.

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Fotocredit: Getty Images

Auf Schalke ist mit Christian Gross der aktuelle Trainer einer, der aus dem Ruhestand geholt wurde – er folgte auf die Klubikone Huub Stevens, der die "Knappen" – wenn auch nur kurz - schon drei Mal betreut hat. Das alles ist Innovation Made in Bundesliga und es zeigt vor allem ein hilfloses Bild mangelnder Expertise auf Ebene der Sportvorstände der Klubs.

Promitransfers als Alibiveranstaltung

Komplettiert wird diese Rückwärtsgewandtheit mit Spielertransfers wie jüngst der von Klaas-Jan Huntelaar zu seinem Ex-Klub Schalke oder der von heute, Sami Khedira zu Hertha BSC Berlin. Nicht eine in sich stimmige Idee von Spiel, Taktik und Führung, sondern ein 37-jähriger und ein 33-jähriger, die beide ihre besten Tage bereits seit einigen Jahren hinter sich haben, sollen mit ihrer Prominenz und ihrem Vergangenheitsruhm die Strukturkrisen in Gelsenkirchen und Berlin lösen.
Dass derart unterkomplexe Transfers von Klubführung und/oder Aufsichtsräten auch noch abgenickt werden, zeigt einmal mehr, wie wenig Sachverstand im Spiel ist und dass es nur darum geht, einer aufgebrachten Öffentlichkeit zu vermitteln, man habe ja nun wirklich alles versucht, sogar zwei Weltstars verpflichtet, wenn das nicht helfe, dann könne keiner helfen. Zwei Promi-Transfers als reine Alibiveranstaltung.

Huntelaar & Khedira – das wird nix!

Die brutale Wahrheit sieht dann so aus: Die ersten beiden Spiele gegen Köln und Bayern konnte Huntelaar wegen Wadenproblemen für Schalke gar nicht eingesetzt werden, beim Spiel am Wochenende in Bremen wurde er in der 80. Minute (!) eingewechselt und führte sich mit einem übermotivierten Foul als Schalke-Retter ein. Er bekam Gelb, Bremen einen Freistoß aus gefährlicher Distanz zum eigenen Tor. Hätte nur noch gefehlt, dass Huntelaar Bremen zum Sieg verhilft, dann hätte insgeheim vielleicht auch Sportvorstand Jochen Schneider kapiert, dass seine Transferpolitik reine Oberflächenpolitur darstellt, die die Schalker Tragödie notfalls nur noch verschärfen wird.
Und auch das noch: Warum Huntelaar Platz 18 in der Bundesliga Platz 1 in der holländischen Ehrendivision vorzieht, auf seine alten Tage also einen Meistertitel mit Ajax herschenkt, das muss er uns dann bei Gelegenheit doch mal erklären.

Zur Person Thilo Komma-Pöllath:

Der Sportjournalist und Buchautor ("Die Akte Hoeneß") beleuchtet in seinem wöchentlichen Blog "Der LIGAstheniker" das Geschehen in der Fußball-Bundesliga für Eurosport.de. Oft skeptisch, ironisch, kritisch - aber einer muss schließlich den Ball flach halten.
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