Liebe FußballfreundInnen, vor ein, zwei Jahren ist mir vor dem "Schumann's" in München der Fußballmanager Jörg Schmadtke in die Arme gelaufen. Das "Schumann's" ist nicht irgendeine Bar, womöglich sogar die Bar schlechthin für alle, die im Showbizz etwas gelten wollen. Schmadtke verließ das "Schumann's" an der Seite von Elyas M'Barek, gefolgt von zwei jungen Frauen, die es offensichtlich auf ein Selfie mit M'Barek abgesehen hatten, Deutschlands größtem Filmstar.
Ein Foto mit Schmadtke wollte niemand.
Es war also so, wie es Schmadtke seit bald zwei Jahrzehnten im Fußball auch erlebt: Alle stürzen sich auf die schönen, jugendlichen Helden, für Schmadtke bleibt die zweite Reihe reserviert, in der er sich, nach eigener Auskunft, so wohl fühlt. Dass man Schmadtke, der bei jedem "Sportstudio"-Auftritt erklärt, dass er keine Anerkennung für seine Arbeit brauche, in einem Möchtegernschuppen wie dem "Schumann's" antrifft, war dann doch überraschend. Von dort bis nach Wolfsburg, von M'Barek bis Mark van Bommel mag es ein weiter Weg sein.
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Doch die Frage, ob Schmadtke ein wirklich guter Fußballmanager ist oder doch nur ein Machtdarsteller seiner selbst, diese Frage ist seit dem Wochenende offener denn je.

"Wunschlösung" van Bommel gescheitert

Aber der Reihe nach: Mark van Bommel ist nicht mehr Trainer des VfL Wolfsburg. Die erste Trainerentlassung der Saison am 9. Spieltag. Auch tabellarisch wirkt sie auf dem ersten Blick unverständlich: Der VfL auf Rang 9, vor Hertha, Gladbach oder Eintracht Frankfurt. Genauso gut hätte man Pál Dárdai, Adi Hütter oder Oliver Glasner feuern können. Gerade beim Big City Club in Berlin dürfte der Erfolgsdruck mindestens so hoch sein wie in Wolfsburg.
Wie war das eigentlich im Sommer, als sich der VfL für van Bommel entschied? Das war durchaus überraschend. Von "intensiven persönlichen Gesprächen" war die Rede, davon, dass er "perfekt zu unserer Philosophie" passe, am Ende stand sogar der Euphemismus "Wunschlösung".
Aus dem Munde Schmadtkes. Über einen van Bommel, der sich als Spieler einen Ruf als renitenter Heißsporn erarbeitet hatte. Das klang gerade deshalb vielversprechend, spannend, auch mit Risiko. Keine fünf Monate später ist die "Wunschlösung" gescheitert. Wenn der "Kicker" moniert, dass van Bommel das bestehende erfolgreiche Spielsystem zu radikal von Umschalt- auf Ballbesitzfußball umgestellt habe, dann muss man sich fragen, von welcher gemeinsamen "Philosophie" Schmadtke im Sommer fabulierte?

VfL Wolfsburg: Mark van Bommel und Jörg Schmadtke

Fotocredit: Imago

Wie kann sich Schmadtke so täuschen?

Also - finde den Fehler: Ein erfahrener Fußballmanager macht einen Vertrag mit einem Bundesliga-Neuling, dem er oben genannte Liebkosungen entgegenwirft, schmeißt diesen Trainer aber nach kürzester Zeit, in der ersten Krise direkt wieder raus. Was sagt das über einen Sportdirektor mit derlei viel Erfahrung, wenn er sich so täuschen kann? Schmadtke hat seine Meriten, die jetzt reflexhaft aufgezählt werden: Seine früheren Klubs Aachen, Hannover, Köln sind unter dem Manager Schmadtke bis in den Europapokal aufgestiegen. Er wurde als Fußballmanager des Jahres geehrt, verkaufte Anthony Modeste für 35 Millionen von Köln nach China - die Frage, was die Aufgaben und die Expertise eines Sportdirektors im Fußball sind, darüber müsste man noch mal gesondert nachdenken.
In allererster Linie ist es die Personalakquise für den Kluberfolg: Spieler, Trainer. Und hinter diesem Personal muss ich dann stehen, ich habe es schließlich eingekauft. Gerade dann, wenn ich einem jungen Trainer wie van Bommel eine Chance gebe, was ja aller Ehre wert ist, dann muss ich ihn stützen, wenigstens durch die erste Krise hindurch. Wäre das nicht seine allererste Managerpflicht gewesen? Was aber macht Schmadtke, der "Trainerkiller", der er partout nicht sein will, aber das alte Klischee einfach immer wieder aufs Neue bestätigt?

Was hat Schmadtke gegen seine Trainer?

Im Zuge der van Bommel-Entlassung wurden Geschichten lanciert, wie er schon vor van Bommel dem in Wolfsburg so überaus erfolgreichen Oliver Glasner das Leben schwer gemacht hat. Auch ihn hatte Schmadtke geholt, auch ihn hatte er los werden wollen. Was nur nicht ging, weil Glasner einfach zu erfolgreich gearbeitet hat. Auf Platz vier lässt sich selbst in Wolfsburg kein Trainer entlassen. Auch nicht von Schmadtke. Warum aber will man jemanden loswerden, wenn er erfolgreich ist?
Das ist für einen Profibetrieb wie die Bundesliga unlogisch, in dem es nur um Erfolg geht. Oder es ist was Persönliches, dann geht es also doch um Dinge wie Ego, Macht und Hybris. Hier also schon mal die Stellenausschreibung für den nächsten Trainer des VfL Wolfsburg unter dem Vorgesetzten Jörg Schmadtke:
"Retortenklub sucht namhaften sportlichen Leiter mit gemeinsamer Philosophie. Wer als Trainer eine eigene Philosophie entwickelt, wird großzügig abgefunden. Die Probezeit endet nach zehn Spieltagen."
Zur Person Thilo Komma-Pöllath:
Der Sportjournalist und Buchautor ("Die Akte Hoeneß") beleuchtet in seinem wöchentlichen Blog "Der LIGAstheniker" das Geschehen in der Fußball-Bundesliga für Eurosport.de. Oft skeptisch, ironisch, kritisch - aber einer muss schließlich den Ball flach halten.
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