Julian Nagelsmann: Zentimeter um Zentimeter aus Hansi Flicks Sieben-Titel-Schatten als Bayern-Trainer
Publiziert 21/12/2021 um 08:50 GMT+1 Uhr
Der legendäre Bayern-Trainer Ottmar Hitzfeld hat es einmal so ausgedrückt: "Ein Jahr beim FC Bayern entspricht etwa fünf Lebensjahren." Hitzfeld (72), längst in Rente, coachte die Münchner 1998 bis 2004 und nach seiner Rückkehr von Februar 2007 bis Juni 2008. Julian Nagelsmann ist dagegen ein echtes Küken. Mit erst 33 Jahren wurde er zum 1. Juli 2021 neuer Chefcoach - und überzeugte sofort.
Trainer beim FC Bayern München: Hansi Flick und Nachfolger Julian Nagelsmann
Fotocredit: Imago
Bei seinem Pflichtspieldebüt, dem 1:1 am 13. August bei Borussia Mönchengladbach, war Nagelsmann exakt 34 Jahre und 21 Tage alt - und wurde damit Bayerns drittjüngster Chefcoach im Profibereich. Jünger bei ihrer Premiere waren nur Reinhard Saftig bei Amtsantritt im Mai 1983 (31 Jahre, 118 Tage) und der Däne Sören Lerby im Oktober 1991 (33 Jahre, 253 Tage).
Unterschrieben hat Nagelsmann einen Fünfjahresvertrag. Gegen Ende seiner ersten sechs Monate, nach der ersten Hinrunde im neuen Job unter dem Brennglas der Fußball-Nation sagte der gebürtige Landsberger:
"Ich habe immer noch ein sehr gutes Energie-Level." Und schon sehr viel erlebt.
Nach dem vorzeitigen Abschied von Hansi Flick auf den Posten des Bundestrainers, der zum Ende seiner nur eineinhalb Jahre als Chefcoach im Mai noch die zweite Meisterschaft seiner Amtszeit feiern durfte, kostete Wunschnachfolger "JN" Bayern die Trainerweltrekord-Ablöse von rund 20 Millionen Euro. Diese kann bei bestimmten Titelgewinnen um weitere fünf Millionen anwachsen.
Das erste Titelchen des Hamsters
Im Schnelldurchlauf, was Nagelsmann in seinen ersten 26 Pflichtspielen mit den Bayern schon alles erlebt hat: Die Reise ins Ungewisse startete mit einer zerklüfteten Vorbereitung im Anschluss an die EM und keinem einzigen Sieg in vier Vorbereitungsspielen. Der erste Erfolg brachte dann auch das erste Titelchen für Nagelsmann, über das er sich diebisch freute: den DFL-Supercup dank eines 3:1 Mitte August gegen Pokalsieger BVB in Dortmund.
"Jeder weiß, dass das eine Bedeutung hat, für die Kabine, aber auch für mich. Bei Bayern hat man Druck, man muss Spiele gewinnen und Titel holen", sagte Nagelsmann und gestand: "Ich habe ja so kleine Hamsterzähne und will ein Titelhamster werden, ich will noch mehr gewinnen."
Ende Oktober war der nächste Titel – und damit das mögliche Triple – bereits futsch. Bei Borussia Mönchengladbach erlebte Nagelsmann ein Desaster, ging in der zweiten DFB-Pokalrunde mit 0:5 unter, nach 21 Minuten stand es bereits 0:3.
"So ein kollektives Versagen in so einem wichtigen Spiel habe ich noch nicht erlebt", sagte Routinier Thomas Müller, "wir sind in der ersten Halbzeit von A bis Z zerpflückt worden." Der höchsten Pokalpleite der Vereinsgeschichte stehen die souveräne Herbstmeisterschaft mit satten neun Punkten vor Borussia Dortmund gegenüber sowie eine makellose Champions-League-Vorrunde mit sechs Siegen (darunter zwei Mal ein 3:0 gegen den FC Barcelona) und 22:3-Toren. Im Achtelfinale wartet im Februar/März der österreichische Meister RB Salzburg – machbar.
Nagelsmann und das "Durchschlängeln"
"Es gab schon mal einfachere Zeitpunkte, Bayern-München-Trainer zu werden. Es ist schon ein Durchschlängeln", sagte Nagelsmann im November angesichts des leidigen Corona-Themas rund um die Impfskeptiker Joshua Kimmich & Co. sowie die wegen der Frage des Katar-Sponsorings eskalierte Jahreshauptversammlung.
Nagelsmann sammelte Pluspunkte, weil er sich - zunächst - als einziger der Verantwortlichen zu allen Themen äußerte und selbst als Mediator zwischen den Vereinsbossen und der aktiven Fanszene hätte auftreten können. "Wenn du einen Weltverein übernimmst als Trainer, gehören eben auch politische Themen ab und zu dazu", sagte er und meinte lässig, er habe noch "genügend Kapazitäten", sich auch um das Sportliche zu kümmern. Was ihm glückte.
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Plakat-Aktion: Nagelsmann reagiert auf beißende Katar-Kritik
Quelle: Perform
"Er hat frischen Wind in die Mannschaft gebracht", sagte Kapitän Manuel Neuer. Flügelstürmer Kingsley Coman sprach das wohl größte Lob aus, sagte: "Wir hatten schon lange keinen Trainer mehr, der so eine gute Auswirkung auf die Mannschaft hatte."
Nach dem 4:0 zum Jahresausklang gegen den VfL Wolfsburg, dem 14. Sieg im 17. Hinrundenspiel, sagte Nagelsmann: "Es ist sehr angenehm, mit der Mannschaft zu arbeiten, es macht sehr viel Spaß. Der Trainer fühlt sich gut."
Nach der kurzen Weihnachtspause, die der Bayer standesgemäß mit Skifahren und Eishockeyspielen verbringen will, geht es am 2. Januar wieder mit dem Training los. Wohl mit Joshua Kimmich, dessen Infiltrationen in der Lunge als Folge der Corona-Infektion dann abgeklungen sein dürften. "Wir hoffen, dass wir ihn dann in alter Frische begrüßen können", so Nagelsmann.
Neuer mit Vorfreude auf 2022
Für die Rückrunde und die für die Titeljagd stets entscheidenden Monate März bis Mai. "Wir sind 2021 immer da gewesen, gerade in den großen Spielen gegen Benfica, Barcelona und Dortmund in der Bundesliga", meinte Neuer und verkündete voller Vorfreude: "Das verspricht viel für die Rückrunde und die heiße Phase im März, April." Für das Ziel Champions-League-Finale am 28. Mai 2022 in St. Petersburg und die Meisterschaft.
Was Nagelsmann nicht passieren darf: Dass er der Trainer wird, der die mögliche zehnte Meisterschaft in Serie verbaselt. Aber so wird es nicht kommen. Aus Flicks langem Sieben-Titel-Schatten arbeitet sich Nagelsmann Zentimeter für Zentimeter heraus.
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