Der LIGAstheniker: Oliver Kahn jetzt nur noch "Titanchen" - FC Bayern im Widerspruch zu seiner Geschichte

Der FC Bayern München geht nach dem 2:1-Sieg über den SV Werder Bremen als Tabellenführer in die drei verbliebenen Spieltage der Bundesliga-Saison. Während FCB-Vorstandsvorsitzender Oliver Kahn von einer "großen Leistung" des Rekordmeisters spricht, stellt der LIGAstheniker eine gewisse Heuchelei fest - die dem Wesen des FC Bayern von Grund auf widerspricht. Ein Kommentar von Thilo Komma-Pöllath.

Oliver Kahn (FC Bayern)

Fotocredit: Getty Images

Liebe FußballfreundInnen,
Man könnte in diesen Tagen seiner größten Bewährungsprobe glatt vergessen, dass Oliver Kahn einmal der "Titan" des deutschen Fußballs war. Oder der "Kung-Fu-Kahn"! (gell, Heiko Herrlich?) oder der Testosterongigant ("Eier, wir brauchen Eier!"). Wir alle erinnern uns mit einem lüsternen Schaudern.
Kahn war als Spieler so aggressiv und furchtlos, dass man schon beim Zuschauen Angst bekam, seine Durchsetzungskraft weltweit gefürchtet. Kein anderer war hierzulande so wie er. Und heute als CEO und Vorstandsvorsitzender?
Guckt das Spiel seines FC Bayern in Bremen ausgerechnet jetzt in der Krise, lieber in der VIP-Lounge am Fernseher als im Stadion. Fans hätten ihm mit ihrer Emotion die Sicht genommen. Er habe sich bewegen müssen, um den Stress abzubauen, hat er hinterher im TV-Studio erzählt.
Ein paar Bremer VIP-Fans können dem großen Kahn heute einfach so die Sicht nehmen. Ach Gottchen! Muss man mehr wissen über die aktuelle Verfassung des kriselnden Rekordmeisters?

Bayern feiert in Bremen - aber was?

Die Jubelszenen einiger Bayernspieler nach dem Abpfiff in Bremen, der nominell schwächsten Heimmannschaft der Liga, waren ein weiterer Beleg dafür, dass die Münchner aus ihrer Umlaufbahn gefallen sind.
In der jüngsten Vergangenheit gab es Meisterfeiern der Bayern, die waren weniger ausgelassen als die Emotionen nach dem Bremen-Spiel, dabei ist drei Spieltage vor dem Ende nichts entschieden. Auch Dortmund kann noch Meister werden.

Kahn schreibt Bayerns Erfolgsmantra um

Und danach geht der mächtigste CEO des deutschen Fußballs in ein TV-Studio, um Lage, Krise und Umlaufbahn in Reihen des Rekordmeisters zu erklären, dass es eine "große Leistung" sei, dass seine Bayern immer noch Chancen hätten auf die Meisterschaft.
Man traut seinen Ohren kaum. Hier wird bayerische Fußballgeschichte mal eben im Handstreich und widerspruchslos umgeschrieben.
Die Bayern sind stolz darauf, als zehnfacher Seriensieger noch einmal Meister werden zu dürfen? Nagelsmann musste gehen, weil das Saisonziel in Gefahr war - und dieses ist im Grunde gleichbedeutend mit dem Triple.
Und jetzt ist also die Meisterschaft nicht Minimum, nicht Pflicht, nicht Beleg eines gebrauchten Jahres, sondern eine "große Leistung"? Im Ernst?

Bayern-Krise: Hausgemacht, nicht Hiob

Neben so viel Geschichtsklitterung ist es der weinerliche Ton, der nicht zu den Bayern und schon gar nicht zum Titankahn passt. Und der gerade auch in der Bewältigung einer Krise nicht weiterhilft.
Das klingt dann im "ZDF"-Interview so: Bei dem, was der Klub in den letzten Monaten seit der WM an Problemen und Ausfällen "verkraften" musste, sei das alles ja kein Wunder.
Und dann überlegt der geneigte Zuschauer, was es denn an Problemen und Ausfällen gegeben habe und kommt zu der Erkenntnis, dass das allermeiste davon keine schrecklichen Naturkatastrophen Hiob'scher Ausmaßes waren, sondern selbstverursachte Versäumnisse und Fehler.
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Bayerns Vostandsvorsitzender Oliver Kahn

Fotocredit: Imago

Ein Torwart, der ohne ausreichend Schnee Skitouren unternimmt und sich verletzt; ein Stürmer, der lieber zur Modenschau nach Paris fährt; ein Maulwurf, der jeden Mist aus der Kabine weitertratscht; ein Stürmer, der einem anderen ins Gesicht schlägt; eine Integrationsfigur womöglich über ihrem Zenit (Thomas Müller); ein Kader ohne Torgefahr; ein Trainer, der entlassen wurde, ohne dass man weiß warum.
Das alles ist der FC Bayern in der Spielzeit 2022/23 und nichts davon ist einfach so passiert, auch nicht Schicksal oder Vorsehung, sondern weil die Klubführung um Kahn und Sport-Vorstand Hasan Salihamidzic es sich viel zu einfach gemacht haben.

Bayerns Selbstschrumpfung

Über diese - also die eigenen Fehler - wollte Kahn dann lieber nicht sprechen.
Dabei zeugt es von Größe, Fehler eingestehen zu können, auch öffentlich. Das lernt man heute übrigens in jedem Managementseminar.
So zu tun, als hätten immer nur die anderen Schuld, das kennt man sonst nur vom Schulhof. Die Selbstschrumpfung der Bayern unter "Titanchen" Kahn schreitet trotz Tabellenführung im Rekordtempo voran.

Zur Person: Thilo Komma-Pöllath

Der Sportjournalist und Buchautor ("Die Akte Hoeneß") beleuchtet in seinem wöchentlichen Blog "Der LIGAstheniker" das Geschehen in der Fußball-Bundesliga für Eurosport.de. Oft skeptisch, ironisch, kritisch - aber einer muss schließlich den Ball flach halten.
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Quelle: Perform

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