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Der LIGAstheniker: Wie lange kann Julian Nagelsmann den "Shit" beim FC Bayern München noch ertragen?
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Publiziert 13/03/2023 um 12:03 GMT+1 Uhr
Problembär oder Siegertyp - zu welcher Kategorie zählt denn Bayern-Trainer Julian Nagelsmann nun? Der LIGAstheniker geht der "Shit"-Frage rund um Nagelsmanns irreale öffentliche Bewertung nach. Denn die vielerorts geäußerte Kritik am Coach des FCB hat zuletzt, besonders rund um das Duell in der Champions League mit PSG, stellenweise absurde Züge angenommen. Ein Kommentar von Thilo Komma-Pöllath.
Nagelsmann beklagt Ungerechtigkeit: Nehme "gerne Shit auf mich"
Quelle: Perform
Liebe FußballfreundInnen,
um mal mit einer Binsenweisheit zu starten: Fußball ist kein Ballett. Keine Ahnung wer das mal behauptet hat, vermutlich Franz Beckenbauer, Kaiser und Musengänger im deutschen Ballbetrieb. Wäre es anders hätte Bayern-Trainer Julian Nagelsmann seinen Lieblingskritikern von "Bild", Funk und Fernsehen nach den Paris-Spielen oder spätestens am Wochenende womöglich auch Hundekot ins Gesicht geschmiert.
Wenn auch nicht hier bei uns auf Eurosport.de, so haben Sie den Vorfall um einen Ballett-Choreografen aus Hannover und seiner schärfsten Kritikerin sicher mitbekommen. Nagelsmann hat keinen "Shit" in die Hand genommen, aber in den Mund. Klingt erstmal eklig, ist aber tatsächlich etwas leichter verdaulich. Nach dem überzeugenden Erreichen des Viertelfinals in der Champions League gegen Messi und Mbappé konstatierte Nagelsmann öffentlich, dass immer er den, Achtung, "Shit" abbekomme, wenn es nicht so liefe.
Das durfte man als grundsätzliche Medienkritik verstehen. Tatsächlich ist die öffentliche Bewertung des jungen Bayern-Trainers in diesen Tagen mit so hohen Ausschlägen nach oben wie nach unten verbunden, dass man das kaum noch zusammenbringen kann. Dennoch: Zu real kotigen Übergriffen ist es bisher noch nicht gekommen.
Nagelsmanns irreale öffentliche Bewertung
Anders als die Kunstform Ballett ist der Fußball eher Handwerk, die Protagonisten vermeintlich rustikaler geprägt. Wer es gewohnt ist, seiner Arbeit vor 80.000 laut- und meinungsstarken Zuschauern und einem Live-Millionenpublikum nachzugehen, der lernt sich im Zaum zu halten, so schwer es auch erscheinen mag. Und dennoch hat die öffentliche Kritik an Nagelsmann stellenweise absurde Züge angenommen.
Vor den Paris-Spielen in der Champions-League wurde von der "Bayern-Krise" geschrieben, nicht nur bei "Bild" wurden die beiden Spiele zu Schicksalsspielen des Trainers hochgejazzt, die er nicht verlieren dürfe, sonst sei er seinen Job los. Und spätestens als dann auch noch Uli Hoeneß öffentlich von einer "Kampagne" gegen Nagelsmann sprach und herumlavierte die Spiele gegen Paris seien natürlich keine Nagelsmannspiele, wusste man endgültig nicht mehr, ob es nicht vielleicht gerade deshalb genauso ist.
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"Nicht alles auf die Goldwaage": Nagelsmann äußert sich zu Ausraster
Quelle: Perform
Problembär oder Siegertyp - was denn nun?
Und heute? Keine vier Wochen nach der Niederlage in Gladbach und Nagelsmanns peinlichem öffentlichen Ausraster gegen die Schiedsrichter ("weichgespültes Pack"), der dazu genutzt wurde, um die Jugend Nagelsmanns in eine Überforderung als Bayern-Trainer umzumünzen, ist plötzlich wieder alles "atemberaubend", so "Bild-TV" zum zweiten Paris-Spiel.
Fernsehkritiker Stefan Effenberg philosophiert von der "perfekten taktischen Aufstellung" Nagelsmanns und "Bild"-Urgestein Alfred Draxler schwadroniert darüber, dass er fest davon ausgehe, Nagelsmann werde der jüngste Champions League-Sieger als Trainer in der Geschichte des Wettbewerbs und rechnete dann vor, dass der 35-Jährige dafür noch drei Jahre Zeit habe, Pep Guardiola seit mit Barcelona immerhin schon 38 gewesen. Vom überforderten Problembär ("respektlos", "mangelnde Souveränität", "Bayern eine Nummer zu groß" - so einige Schlagzeilen der letzten Wochen) zum jüngsten Siegertypen aller Zeiten in zwei Wochen - irre!
Trainer zwischen Shit und Selbstbewusstsein
Der Job des Bayerntrainers sei der einfachste der Welt, hat Franz Beckenbauer einmal gesagt, man müsse nur jedes Spiel gewinnen. Es liegt in der Logik des Profisports, dass das nicht gelingen kann. Dennoch haben die Bayern ihre DNA nach dieser Maxime ausgerichtet, was zwangsläufig zur Folge hat, dass Trainer frühzeitig im Fokus der Kritiker stehen, die sich diese Maxime zu Eigen machen – der LIGAstheniker davon gar nicht ausgenommen.
Aber ist das richtig? Wo bleibt die journalistische Distanz, wo die Kritik an völlig überzogenen Leistungserwartungen und Erfolgsvorstellungen? Und wo die differenzierte Kritik, dass eben nicht immer nur und ausschließlich der Trainer den Kopf hinhalten muss? Er nehme den "Shit" gerne auf sich, um die Spieler zu schützen, hat Nagelsmann auch erklärt. Und auch wenn er so "selbstbewusst" und "eitel" auftritt wie wenige Bayerntrainer vor ihm - öffentliche Zuschreibungen, die so medial über ihn am Wochenende zu hören waren - wird er das nicht ewig durchhalten können. Dem preisgekrönten und international renommierten Ballettchef Marco Goecke aus Hannover sind irgendwann die Sicherungen durchgebrannt.
Mal schaun, wie lange Julian Nagelsmann den Shit noch ertragen kann.
ZUR PERSON THILO KOMMA-PÖLLATH:
Der Sportjournalist und Buchautor ("Die Akte Hoeneß") beleuchtet in seinem wöchentlichen Blog "Der LIGAstheniker" das Geschehen in der Fußball-Bundesliga für Eurosport.de. Oft skeptisch, ironisch, kritisch - aber einer muss schließlich den Ball flach halten.
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