Der LIGAstheniker: Bayer Leverkusen macht es dem FC Bayern vor - ein Harry Kane allein reicht nicht aus

Bayer Leverkusen ist nach drei Bundesliga-Spieltagen das Team der Stunde. Trainer Xabi Alonso formte aus seinem Kader samt "Bum-Bum"-Neuzugang Victor Boniface ein nahezu magisches Ensemble und greift nun die übermächtigen Bayern an. Der Abonnement-Meister ist indes auf der Suche nach sich selbst - denn ein Harry Kane allein reicht noch lange nicht aus! Ein Kommentar von Thilo Komma-Pöllath.

Harry Kane (l., FC Bayern) schaut etwas bedröppelt drein - Rechts jubeln Granit Xhaka und Exequiel Palacios (Bayer Leverkusen)

Fotocredit: Getty Images

Liebe FußballfreundInnen,
Manchmal ist der Fußball vor allem ein Gefühl - also nehmen wir mal das 1:0 von Bayer Leverkusen gegen Darmstadt vom Wochenende.
Victor Boniface, die neue "Bum Bum"-Attraktion der Liga (so die "Springer"-Zeitungen), schnappt sich in der 21. Minute in der eigenen Hälfte den Ball, setzt mit ihm zu einem Sprint an über 105 Metern (Die Datenanalysten wissen es genau), lässt alles und jeden liegen und stehen, behält vor dem Darmstädter Kasten Konzentration, Kraft und Übersicht und lupft den Ball am Ende elegant über Keeper Marcel Schuhen ins Tor. Dieser Boniface war die pure Leichtigkeit des Seins, ein bisschen magic war's auch.
Und dann - im Gegenschnitt - die Bayern bei ihrem Angstgegner Gladbach. Magisch war da eher selten was. Wieder mal in Rückstand und dann in der zweiten Hälfte Brechstange. Mit Sicherheit ein verdienter Erfolg, aber mit Leichtigkeit und spielerischer Souveränität hat das bei den Bayern derzeit wenig zu tun.
Während Bayer schon das spielt, was es sich vorgenommen hat, sind die Bayern noch auf der Suche nach Ihrem Selbstverständnis.

Ein Harry Kane allein reicht auch nicht

Die Bayern geben gerade keine glückliche Figur ab, weder auf dem Feld, noch am Transfermarkt. Und was die Führung des Klubs angeht, da sprechen Kritiker von einem "Machtvakuum" (Didi Hamann), das zwischen dem Vorstandsvorsitzenden Jan-Christian Dreesen und Trainer Thomas Tuchel entstanden sei.
Es ist also noch viel im Fluss beim renommiertesten und kapitalgrößten Klub Deutschlands, was allein deshalb verwundern muss, weil die Saison ja schon läuft. Den ganzen Sommer über hatte man Zeit die Baustellen zu schließen, was offensichtlich nicht gelang.
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Harry Kane

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Der Druck ist enorm, da ist die Leichtigkeit schnell dahin. Jetzt heißt es den Kampfmodus zu bedienen, der neue Bundeswehr-Undercut von Joshua Kimmich mag das veranschaulichen. Merke: Ein Harry Kane allein macht alle anderen noch nicht zu Statisten.

Bayer 04: Beeindruckendes Tempospiel

Und in Leverkusen? Da könnte einem Klub, der als sogenannte "Werkself" außerhalb von Leverkusen kaum einen interessieren dürfte, im Schatten der Großen Großes gelingen. Die ersten drei Bundesliga-Spieltage standen ganz im Zeichen von Bayer 04.
Aber nicht dass sie momentan in der Tabelle ganz oben stehen, sondern der Umstand wie sie sich auf dem Feld Lösungen erarbeiten, ist beeindruckend.
Dieses Bayer-Spiel ist auf Tempo und Dominanz ausgerichtet und anders als bei den Bayern hat man den Eindruck, dass der Kader perfekt sitzt.
Während man die Münchner endlos über die fehlende "Holding Six" diskutieren, besetzt und verkörpert in Leverkusen Neuzugang Granit Xhaka das Zentrum des Bayer-Spiels nahezu idealtypisch. Zumindest wirkt das bisher alles wie maßgeschneidert.
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Granit Xhaka (mitte) feiert mit seinen Leverkusener Teamkollegen

Fotocredit: Imago

Bayers beinahe magisches Dreigestirn

Und das Offensiv-Dreigestirn ganz vorne mit Jonas Hofmann, Florian Wirtz und Victor Boniface - da gab es in der Liga bisher nichts Vergleichbares, was dem an Lebendigkeit, Ideenreichtum und Klasse nahekam. Auch nicht Kane, Coman und Sané.
Zwei der drei von Bayer sind übrigens neu im Klub. Ein Beispiel dafür das 3:1 gegen Darmstadt.
Das vertikale Zuspiel von Wirtz auf Boniface, perfekt getimt in die Schnittstelle, unnachahmlich abgeschlossen, ganz großes Bundesligakino. Bonifaces Ablöserendite: sechs Torbeteiligungen, vier Tore bei 20 Mio.

Kann Leverkusen auch eine ganze Spielzeit?

Logisch, das alles heißt natürlich noch gar nichts. Nach dem dritten Spieltag ist weder Leverkusen Meister noch der BVB eine Blamage noch die Bayern in ihrem Ansinnen gescheitert, der größte Klub Europas zu werden.
Es sind nur erste Indizien der eigenen Stärke, die - und das ist die eigentliche Expertise des FC Bayern - tagtäglich gelebt und immer wieder neu abgerufen werden müssen.
Keiner kann das besser als die Münchner. Und wie oft hatte Leverkusen in der Vergangenheit immer mal wieder einen starken Lauf und dann kam die nächste Flaute, die der jeweils aktuelle Trainer nicht überstand (man denke dabei an Peter Bosz oder Gerardo Seoane).

Vorfreude auf Bayern gegen Bayer

Am Freitag nächster Woche (15.9.) muss Bayer Bayern zeigen, dass es seine Leichtigkeit und sein Selbstbewusstsein auch im direkten Vergleich und in München gegen die Übermacht aufs Feld bringt.
Gelingt dies, wäre es ein weiteres Indiz dafür, dass diese Spielzeit eine dicke Überraschung bereit halten könnte.
Hält Bayer dem Druck nicht Stand, läuft womöglich alles wie immer. Üben wir uns also in Geduld und freuen uns darüber, dass der Kampf um die Liga-Spitze spitzer wird.

Zur Person: Thilo Komma-Pöllath

Der Sportjournalist und Buchautor ("Die Akte Hoeneß") beleuchtet in seinem wöchentlichen Blog als LIGAstheniker das Geschehen in der Fußball-Bundesliga für Eurosport.de. Oft skeptisch, ironisch, kritisch - aber einer muss schließlich den Ball flach halten.
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Quelle: Perform

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