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Der LIGAstheniker: Krise bei Union Berlin auch mit Urs Fischer lösbar - mit viel Liebe gegen den Abstieg!
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Publiziert 30/10/2023 um 12:01 GMT+1 Uhr
Zehn Spiele am Stück hat Union Berlin verloren, die Köpenicker stecken bis zum Hals in der Krise. Nach Jahren des kometenhaften Aufstiegs findet sich Union plötzlich im Abstiegskampf wieder. Doch trotz der schwarzen Serie werden die Spieler mit Liebe überschüttet. Der LIGAstheniker findet: Unions Umgang mit der Krise ist ein Musterbeispiel für Europa - und Urs Fischer der richtige Trainer!
Fischer nach Pleite: "Es muss und wird weitergehen"
Quelle: Perform
Liebe FußballfreundInnen,
es gibt einen Videoschnipsel von diesem 9. Spieltag, der eine kleine Sensation ist. Einfach, weil man sich gar nicht erklären kann, dass so etwas in Zeiten der hysterischen Shitstormkultur noch möglich ist. Der alle gängigen geschriebenen wie ungeschriebenen Gesetze und Regeln der Liga quasi umschreibt.
Man sieht wie eine Kamera an den Rücken etlicher Spieler einer Fußballmannschaft heranfährt, die in einem Stadion vor dem Block der heimischen Fans stehen und frenetisch gefeiert werden. Und man hört, wie ein Einpeitscher mit Käppi und weißem T-Shirt auf die Profis regelrecht einbrüllt mit den Worten: "Heute war geil!"
Der Einpeitscher versucht eine kurze Analyse, die folgendermaßen endet: "So 'ne Scheiße! Egal! Kopf hoch! Weiter so!" Dann stimmt der ganze Block ein: "Weiter so! Weiter so! Weiter so!"
Die Mannschaft, die hier in der Liebe ihrer Fans badet, ist der FC Union Berlin, der am Wochenende in Bremen seine zehnte Pflichtspielniederlage in Folge kassiert hat (0:2). Wie gesagt: Das Video ist eine Sensation.
Union: Mit Liebe gegen den Abstieg
Wie ist das nur möglich, fragt sich der routinierte Beobachter, der aus München nur Meisterfeiern kennt, die nicht einmal halb so ehrlich gemeint sind, nicht halb so emotional und leidenschaftlich sind?
Hier wird ein Spitzenteam der letzten Jahre gefeiert, das auf einmal und völlig unerwartet keines mehr ist - und seine erste echte sportliche Prüfung zu bestehen hat. Sieben Niederlagen in neun Ligaspielen, Tabellenplatz 15... zugegeben eine XXL-Krise. Aber statt mit Hass und Häme wird die Mannschaft mit Zuneigung und Liebe überschüttet. Wie geil ist das denn? Wie geht das? Und warum machen das eigentlich nicht alle so?
Trainer Urs Fischer, der Union von der Zweiten Liga in die Champions League geführt hat, war schon in der Kabine und nicht mehr im Block dabei. Er habe gehört, wie sehr seine Mannschaft gefeiert wurde, hat er später vor den TV-Kameras erzählt, vorstellen kann er es sich aber wohl nur, wenn er sich das Video mit eigenen Augen ansieht. Wenn von der Bundesliga überhaupt neue Impulse für den Weltfußball ausgehen, dann also vielleicht dieser: Mit viel Liebe gegen den Abstieg!
Trainerwechsel bei Union wäre falsch
Vielleicht wird die Union-Krise zum neuen Musterbeispiel der Liga, wie man mit sportlichen Krisen umgeht? Wie lange kann man den Verantwortlichen während einer Niederlagenserie stützen? Wie lange begreifen sich Mannschaft, Trainer und Klubführung als Einheit gegen die Wirren von draußen? Und was ist, wenn die Krise nur einer Verunsicherung des Gemüts geschuldet ist und keinem taktischen oder spielerischen Totalschaden?
Und auch nicht, weil die Mannschaft gegen den Trainer arbeiten würde. Bei Union ist eher das Gegenteil zu spüren: In den Äußerungen der Spieler, mit der Art und Weise, wie viel die Mannschaft auf dem Feld investiert.
Bezeichnend dafür das Champions League-Spiel gegen die SSC Neapel vor gut einer Woche. Union war in allen Belangen besser - hohes Pressing, Tempo, Laufbereitschaft - aber soll ich einen Trainer rausschmeißen, weil seine Spieler beim Torabschluss gerade einen Zitterer haben? ? In Bremen äußerte sich der Zitterer mit Eigentor und Platzverweis.
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Union Berlin kann auf die Unterstützung seiner Fans bauen
Fotocredit: Getty Images
Fischers Idee funktioniert noch immer
Union Berlin hat Urs Fischer beinahe alles zu verdanken. Damit hat er sich alles Recht erarbeitet, auch mal eine mittellustige Saison spielen zu dürfen.
Seine leidenschaftliche Idee vom Spiel hat Union auf die Europakarte des Fußballs gesetzt. Seine Philosophie, dass durch hohes Pressing eine ganze Mannschaft im Kollektiv bereits das eigene Tor verteidigt, funktioniert. Sein Ansatz, bei Balleroberung im Rekordtempo umzuschalten und die Chancen, die sich bieten, effektiv zu verwerten, ist national wie international anschlussfähig.
Ein einziges Erfolgserlebnis reicht aus, um die Verunsicherten wieder in die Eisernen zu verwandeln. Vielleicht ja schon morgen Abend im DFB-Pokal gegen den VfB Stuttgart (18:00 Uhr im Liveticker), die gerade die gegenteilige Taktik lieben gelernt haben: Viele Siege machen scheinbar unbesiegbar.
"Woanders wäre der Trainer wohl längst gefeuert worden", erklärte Fischer am Wochenende noch. Nicht für Fischer, sondern für Union und die Liga bleibt zu hoffen, dass es dazu nicht kommen wird.
Zur Person: Thilo Komma-Pöllath
Der Sportjournalist und Buchautor ("Die Akte Hoeneß") beleuchtet in seinem wöchentlichen Blog als LIGAstheniker das Geschehen in der Fußball-Bundesliga für Eurosport.de. Oft skeptisch, ironisch, kritisch - aber einer muss schließlich den Ball flach halten.
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Quelle: Perform
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