FC Bayern begnadigt Noussair Mazraoui: Thomas Tuchel regelt Umgang mit Daniel Peretz in der Kabine
VonThomas Gaber
Publiziert 20/10/2023 um 19:55 GMT+2 Uhr
Der FC Bayern München sieht von einer Bestrafung für Noussair Mazraoui nach dessen Pro-Palästina-Post ab. Damit ist das Thema fürs Erste erledigt - sollte man meinen. Doch wie geht der Verein in der Sache mit dem israelischen Torhüter Daniel Peretz um? Wie soll es ein vernünftiges Verhältnis zwischen Mazraoui und Peretz geben? Trainer Thomas Tuchel baut auf die heilende Wirkung der Kabine.
Wirbel um Mazraoui: Tuchel verteidigt Bayern-Statement
Quelle: Perform
Knapp eine Stunde vor der Spieltags-PK von Thomas Tuchel vor der Partie des FC Bayern München bei Mainz 05 (Sa., 18:30 Uhr im Liveticker) verschickte der FC Bayern München am Freitagvormittag eine Pressemitteilung. Es ging um mögliche Sanktionen gegen Noussair Mazraoui nach dessen Veröffentlichung eines Pro-Palästina-Posts auf Instagram.
Der Marokkaner muss keine Konsequenzen befürchten. "Noussair Mazraoui wird im Kader des FC Bayern bleiben. Er hat uns glaubwürdig versichert, dass er als friedliebender Mensch Terror und Krieg entschieden ablehnt. Er bedauert es, wenn seine Posts zu Irritationen geführt haben", wird Bayerns Vorstandsvorsitzender Jan-Christian Dreesen zitiert.
Damit hat der FC Bayern der brisanten Thematik fürs Erste den Wind aus den Segeln genommen.
Ausgestanden ist die Angelegenheit jedoch keineswegs. Zum einen muss sich der Verein um sein Binnenklima kümmern. Mit Daniel Peretz beschäftigt der FC Bayern einen Torhüter aus Israel.
Nun hat sich Mazraoui - im Gegensatz zum inzwischen suspendierten Mainzer Spieler Anwar El Ghazi - nicht mit der Terrororganisation Hamas solidarisiert, doch jedes Pro-Palästina-Statement birgt in dieser hochsensiblen Angelegenheit Gefahren.
Tuchel will Peretz begleiten und unterstützen
Bayern-Trainer Thomas Tuchel setzt im Verhältnis zwischen Mazraoui und Peretz auf die "heilsame Wirkung" der Kabine. "Eine Kabine ist völlig unabhängig von religiösen Überzeugungen und kulturellen Unterschieden immer ein Ort, an dem friedlich, freundschaftlich und kameradschaftlich auf ein gemeinsames Ziel hingearbeitet wird. Es ist aus meiner Erfahrung immer wieder wunderschön zu beobachten, wie das funktionieren kann im Mikrokosmos einer Kabine", sagte Tuchel, der nach eigener Aussage zu "100 Prozent hinter dem Statement des Vereins" steht.
Er habe "großes Vertrauen" in seine Mannschaft und "großes Vertrauen in die Wirkung einer Kabine", versicherte der Coach. "Wir haben keine heile Welt in der Kabine, aber sie hat eine heilsame Wirkung über alle Grenzen, die draußen manchmal unüberwindbar scheinen. Konflikte sind in diesem Mikrokosmos regelbar. Auch wenn diese Konflikte bleiben, kann man sich in der Kabine immer wieder darauf verständigen. Dort können wir kulturelle und religiöse Unterschiede überkommen und das durchstehen", so Tuchel.
Natürlich habe er mit beiden Spielern das Gespräch gesucht, machte der Trainer klar. Etwas intensiver sei der Austausch mit Peretz gewesen, "da er von uns allen am unmittelbarsten betroffen ist. Seine Familie, seine Freunde sind in Israel. Es ist unsere Fürsorgepflicht, mit ihm zu sprechen und herauszufinden, ob Fußball für ihn gerade möglich ist, ob es eine Ablenkung bietet oder ob er mit dem Kopf ganz woanders ist. Wir müssen Daniel fragen, wie es ihm geht und ihn ernstnehmen. Für ihn ist das ein sehr persönliches Thema. Wir werden uns darum kümmern, nicht nur ich, sondern der ganze Klub und alle Mitspieler."
Tuchel stellt klar: Mazraoui muss in der Gemeinschaft bleiben
Dazu gehört Mazraoui und er soll es auch bleiben. Tuchel verdeutlichte, dass es die Aufgabe des Vereins sei, den Rechtsverteidiger nicht fallen zu lassen. "Wir müssen Noussair in der Gemeinschaft drin behalten, weil sich das so gehört und er sich in der Kabine als Teammitglied positioniert. Er kennt und respektiert die Werte von Bayern und die Werte einer Kabine", so der 50-Jährige.
Einen etwaigen Zwist zwischen Mazraoui und Peretz will der Verein durch interne Kommunikation und Fürsorgepflicht im Keim ersticken. Doch es gibt noch eine zweite offene Frage, die der FC Bayern - zumindest vorerst - nicht beeinflussen kann. Wie werden die Fans auf die Mazraoui-Entscheidung reagieren?
Bei großen Teilen der Ultra-Bewegung des FC Bayern wird der ehemalige Klub-Präsident Kurt Landauer, Sohn eines jüdischen Kaufmanns, verehrt. Landauer stand zwischen 1913 und 1951 insgesamt dreimal an der Spitze des Vereins und war 1938 für Wochen im KZ in Dachau interniert.
Mazraoui schon einmal im Visier der Bayern-Fans
2015 gründeten Bayern-Fans die Kurt-Landauer-Stiftung. Die Stiftung soll an Menschen erinnern, die sich um den Verein verdient gemacht und unter den Nazis gelitten haben.
Gegenwind vonseiten der Anhänger gegenüber dem Klub und Mazraoui im Speziellen ist nicht unwahrscheinlich. Das Verhältnis zum Spieler ist bereits seit Mai belastet. Damals solidarisierte sich Mazraoui öffentlich mit einem Nationalmannschaftskollegen, der sich in der französischen Ligue 1 einer Aktion gegen Homophobie verweigert hatte.
Beim Heimspiel Spiel gegen RB Leipzig (1:3) hielten die Bayern-Fans ein Banner hoch mit der Aufschrift: "Alle Farben sind schön. In Toulouse, München und überall. Respektiere unsere Werte, Mazraoui".
Die Personalie Noussair Mazraoui dürfte den FC Bayern noch etwas länger beschäftigen.
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Quelle: Eurosport
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