FC Bayern - Thomas Tuchel von Dietmar Hamann als "Missverständnis" tituliert: Zweckehe statt echter Liebe

Thomas Tuchel arbeitet seit zehn Monaten als Trainer für den FC Bayern München. Immer wieder sieht sich der 50-Jährige mit Kritik konfrontiert. Vor allem die ehemaligen FCB-Profis Lothar Matthäus und Dietmar Hamann arbeiten sich an Tuchels ausbaufähiger Kommunikation und mitunter biederen Spielweise ab. Hamanns neueste Verbalattacke auf den früheren Dortmunder hallt nun aber mächtig nach.

Tuchel zufrieden: "Extrem wichtige drei Punkte"

Quelle: Perform

"Bist du behämmert oder was? Was ist denn los mit dir?"
Thomas Tuchel schimpfte wie ein Rohrspatz in Richtung Bank des FC Augsburg, konkreter Adressat der Tirade war Sportdirektor Marinko Jurendic. Dieser hatte Tuchels Mannschaft offenbar in der Nachspielzeit - beim Stand von 2:3 aus FCA-Sicht - Zeitspiel vorgeworfen.
Dabei verzögerte sich das Geschehen, weil Bayern-Youngster Aleksandar Pavlovic mit Schmerzen auf dem Boden lag. Dass diesem Umstand vonseiten der Fuggerstädter nicht der nötige Ernst beigemessen wurde, ließ den FCB-Trainer an die Decke gehen. Denn: Tuchel ist in dieser Saison in puncto Verletzungen ein gebranntes Kind.
Erst kürzlich, unter der Woche gegen Union Berlin (1:0), hatten sich mit Konrad Laimer (Muskelfaserriss in der Wade), Dayot Upamecano (Muskelfaserriss im Oberschenkel) und Joshua Kimmich (Schulterverletzung) gleich drei Spieler verletzt. In Augsburg war den Münchnern das Pech ebenfalls treu geblieben: Kingsley Coman musste schon nach 26 Minuten ausgewechselt werden. Die niederschmetternde Diagnose: Innenbandriss im linken Knie.

Bayern im Punkte-Soll, aber ...

Die Mischung aus den schmerzlichen Erfahrungen und dem engen Ergebnis ließen Tuchels Wutausbruch deutlich nachvollziehbarer erscheinen. "Das sind Emotionen, ne? Es hat sich jemand auf der Bank beschwert. Wir hatten einen verletzten Spieler auf dem Platz liegen, das hat er (Jurendic) aber nicht gesehen." Kein großes Thema also, am Ende wurden die Wogen geglättet.
Trotz der neuerlichen Hiobsbotschaft um Coman und dem damit weiter wachsenden Lazarett konnte Tuchel zufrieden sein. Der Rekordmeister brachte das 3:2 über die Zeit und pirschte sich dank des 0:0 von Bayer Leverkusen gegen Gladbach bis auf zwei Punkte an den Tabellenführer heran.
47 Zähler aus 19 Spielen, das ist wahrlich nicht schlecht - und würde im Normalfall locker für den Platz an der Sonne reichen. Eigentlich liegen die Bayern sportlich auch weitestgehend im Soll. Die Chancen auf die zwölfte Meisterschaft in Serie sind nach wie vor gegeben, in der Champions League wurde locker die K.o-Runde erreicht, einzig das blamable Aus im DFB-Pokal gegen Saarbrücken trübt das Bild.
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Thomas Tuchel (FC Bayern München)

Fotocredit: Getty Images

Obwohl es rein auf dem Papier ganz in Ordnung um die Bayern bestellt ist und obwohl Tuchel der misslichen Personallage in der laufenden Spielzeit immer wieder erfolgreich trotzte, brodelt es in München. Tuchel, der vor zehn Monaten für den geschassten Julian Nagelsmann übernahm, steht seither regelmäßig in der Kritik. Die Beziehung zwischen ihm und seinem Klub mutet mehr als Zweckehe denn als echte Liebe an.

Hamann wird deutlich

Vor allem die ehemaligen Bayern-Profis Lothar Matthäus und Dietmar Hamann schießen immer wieder in Richtung des 50-Jährigen. In seiner jüngsten Verbaldattacke bezeichnete Hamann Tuchel am Sonntagabend bei "Sky90" gar als "größtes Missverständnis seit Jürgen Klinsmann." Harter Tobak. Zumindest auf den ersten Blick.
Was Hamann derart auf die Palme brachte? Tuchels Aussagen am Rande eines Fanclub-Besuchs in Heidenheim. "Das Ausland würde mich auf jeden Fall noch mal reizen", verriet Tuchel und nannte Spanien als mögliches Wunschziel.
Die dortige Liga sei "außergewöhnlich", die dortigen Spieler von "wahnsinnig viel Selbstvertrauen geprägt." Worte, die an sich keinen Zündstoff bieten, in Anbetracht der aktuellen Gemengelage aber für Stirnrunzeln sorgen. Immerhin hatte Xavi Hernández kurz zuvor angekündigt, sein Trainerzepter beim FC Barcelona am Saisonende niederzulegen.
Tuchels Spanien-Schwärmerei könnte also gut und gerne als subtiles Bewerbungsvideo für ein Barça-Engagement gewertet werden. "Wenn er das auf irgendeiner Podiumsdiskussion sagt, dann sagst du: 'Boah, das darf er nicht sagen'," erklärte "Sky"-Experte Hamann.

Hamann bezeichnet Tuchel-Aussagen als "Frechheit"

Er schob nach: "Dann setzt der sich da hin, zu Leuten, die ihr letztes Geld in den FC Bayern investieren, und redet über Xavi, über die Nachfolge und dass er gerne mal in Barcelona oder Spanien trainieren würde. Das ist eine Frechheit. Er ist ein sehr intelligenter Mann und sowas rutscht ihm nicht einfach so raus."
Tags darauf reagierten die Bayern mit einem überraschenden Statement. "Unser Cheftrainer Thomas Tuchel wurde am Sonntag im Rahmen eines Fanclubbesuches von den Anhängern über seine Trainerkarriere und seine bisherigen Erfahrungen im Ausland bei Paris Saint-Germain und dem FC Chelsea befragt und gab darüber im Gespräch natürlich Auskunft", hieß es einleitend.
Und weiter: "Ebenso beantwortete er allgemeine Fragen der Fans zu Spanien als Fußballland. Er sprach niemals über Xavi Hernández und dessen Nachfolge, wie danach fälschlich behauptet wurde. Wir werden solche unsachlichen, gegen unseren Trainer gerichteten Aussagen, die immer aus derselben Ecke kommen, nicht mehr akzeptieren."
Ob Hamann damit gemeint war, ließen die Unterzeichner der Mitteilung, Jan-Christian Dreesen und Sportdirektor Christoph Freund, offen. Welche Konsequenzen bei Nichteinhaltung drohen, wurde ebenfalls nicht spezifiziert.

Tuchels Kommunikation in der Kritik

Mal davon abgesehen: Tatsächlich fällt es schwer, einem derart professionellen, mediengeschulten Menschen wie Tuchel zufälliges Sinnieren ohne Hintergedanken zu attestieren. Vielmehr passen die Worte ins Gesamtbild, verfestigen den Eindruck, dass Tuchels Kommunikation nicht immer optimal ist. An Beispielen mangelt es nicht.
Im Vorfeld des Duells mit Werder Bremen (0:1) unterstrich Tuchel beispielsweise zum wiederholten Male die hervorragenden Leistungen im Training. Nur, um später einen schwachen Auftritt seiner Mannschaft zu verfolgen und nach der Partie zurückzurudern. Ein Gebaren, das bei den Bossen, die die Spielweise öffentlich kritisierten, abermals Fragezeichen hinterließ.
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Der FC Bayern verlor überraschend gegen Werder Bremen

Fotocredit: Getty Images

Generell soll das Verhältnis zwischen Tuchel und den Verantwortlichen laut "Sky" nicht sonderlich eng sein. Auch der Draht zur Mannschaft scheint nicht vollumfänglich intakt. "Tuchel hat mit Chelsea die Champions League gewonnen, aber warum kommt er nicht an die Bayern-Mannschaft heran?" fragte Rekord-Nationalspieler Matthäus in seiner "Sky"-Kolumne nach der blutleeren Darbietung gegen Bremen.
Tuchel setze Dinge bei seinen Spielern voraus, die bislang nicht angekommen seien, Mannschaft und Trainer sprechen Matthäus zufolge "nicht unbedingt eine gemeinsame Sprache". Vor allem die Ausbootung Leon Goretzkas zum Jahresbeginn war aus Matthäus' Sicht nicht nachvollziehbar und schlecht kommuniziert.
"Dass Goretzka wieder nicht von Anfang an gespielt hat, ist für die Stimmung nicht gut. Diese Entscheidung können auch die Spieler nicht verstehen", sagte Matthäus: "Goretzka ist angesehen, hat viele Kumpels in der Mannschaft und ist lange dabei." Zuletzt sorgte die dünne Personaldecke dafür, dass Goretzka wieder von Beginn an ran durfte. Zumindest ein (kurzfristig) gelöschter Brandherd.

Bayern-Spielweise "unterirdisch"

Doch es lodert eben überall. Die ansprechende Punkteausbeute in der Liga täuscht über die spielerischen Defizite hinweg, die sich - auch in personell entspannteren Zeiten - ein ums andere Mal offenbarten. Hamann: "Er hat sich mit vielen Spielern angelegt, die Stimmung ist nicht gut, die Mannschaft spielt keinen guten Fußball. Obwohl sie mehr Punkte hat als letzte Saison."
Der TV-Experte weiter: "Wenn ich mir die drei letzten Heimspiele anschaue, dann ist das unterirdisch. Das hat mit Fußball nichts zu tun. Ich schaue mir den Fußball, den er spielen lässt, seit zehn Monaten an. Das hat nichts mit Bayern zu tun. Tuchel hat viele Spieler vergrault, er hat den Marktwert von vielen Spielern halbiert." Welche Spieler er damit meinte, konkretisierte Hamann nicht.
Fehlende Kommunikation, fehlende fußballerische Handschrift, zudem das angeblich belastete Verhältnis zur Führungsriege - allzu viel spricht nicht für eine langfristige Beziehung. Ob sich der Vergleich mit der Zeit unter Klinsmann trägt, bleibt abzuwarten.
Nur so viel: Zahlentechnisch sind die Unterschiede bis dato nicht so riesig. Klinsmann kam bei 43 Pflichtspielen auf 25 Siege, neun Remis und neun Niederlagen (Schnitt 1,95 Punkte), Tuchel bei wettbewerbsübergreifend 40 Partien auf 27 Siege, fünf Unentschieden und acht Niederlagen (Schnitt 2,15 Punkte). Hamanns Worte hallen jedenfalls nach.
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