FC Bayern München - Leon Goretzkas Motor läuft plötzlich wieder: Vom Auslaufmodell zum FCB-Retter in der Not
Update 21/11/2024 um 11:42 GMT+1 Uhr
Leon Goretzka stand beim FC Bayern zu Beginn der Saison wochenlang auf dem Abstellgleis, die Bosse legten dem Mittelfeldmann aufgrund der großen Konkurrenz im Sommer einen Abgang nahe. Mittlerweile hat sich der Wind aus Sicht des gebürtigen Bochumers allerdings gedreht, Goretzkas Motor wurde zuletzt wieder vermehrt angeworfen - in den kommenden Wochen wird er voraussichtlich auf Hochtouren laufen.
Kompany erklärt: Darum durfte Goretzka starten
Quelle: Perform
Der Mensch gewöhnt sich an alles. Denn - und das hat jeder schon einmal erfahren: Beim ersten Mal tut's noch weh, beim zweiten Mal nicht mehr so sehr.
Leon Goretzka hat schmerzvolle Monate hinter sich. Während die deutsche Nationalmannschaft soeben ein endlich wieder einmal erfreulicheres Jahr mit dem 1:1 in Ungarn als erstmaliger Gewinner einer Nations-League-Gruppenphase abschloss und auf wunderbare Erlebnisse und Ergebnisse samt einer emotionalen Heim-EM im Sommer zurückblicken darf, begleitet Goretzka das alles mit zweierlei Gefühlen: Voller Empathie für die Teamkollegen, gepaart mit einer großen Portion Wehmut.
Das ist die persönliche Ebene. Nicht dabei sein, wenn die anderen, eben noch Mitspieler im Nationaltrikot, plötzlich Erfolge feiern. Man schickt Nachrichten, gratuliert. Und doch tut es weh.
Der Wendepunkt in der DFB-Karriere von Goretzka fiel exakt auf denselben Zeitraum wie der unfreiwillige Beginn der Renaissance Deutschlands liebster Mannschaft.
DFB-Team in Österreich am Tiefpunkt
Als der Mittelfeldspieler letztmals das Trikot mit dem Bundesadler trug, verlor man 0:2 in Wien gegen Österreich. Der nach der EM zum Kapitän ernannte Joshua Kimmich nannte diese Partie vor ziemlich genau einem Jahr im November den "absoluten Tiefpunkt".
/origin-imgresizer.eurosport.com/2024/11/20/image-029cb51b-a577-443f-83e1-ea3a902000a6.jpeg)
Leon Goretzka bestritt gegen Österreich sein - bis dato -letztes Länderspiel
Fotocredit: Getty Images
Für Bayern-Profi Goretzka dürfte jenes 57. Länderspiel (14 Tore) im Ernst-Happel-Stadion der vorerst letzte Auftritt im Nationaltrikot gewesen sein. Nach 61 Minuten fand die damals nicht für möglich gehaltene Wachablösung, Teil eins, statt. Auswechslung Goretzka, Confed-Cup-Sieger 2017, WM-Teilnehmer 2018 und 2022, EM-Teilnehmer 2021. Einwechslung Robert Andrich, ein halbes Jahr älter, ohne Meriten, erstes Länderspiel.
Seither hat der Leverkusener Abräumer jedes der folgenden 15 Länderspiele bestritten. An seiner Seite: entweder der ebenfalls spätberufene Pascal Groß, fast vier Jahre älter als Goretzka, oder Toni Kroos, den Nagelsmann von einem DFB-Comeback mit Blick auf die Heim-EM überzeugen konnte.
Goretzka raus aus dem DFB-Team
Kroos, fast fünf Jahre älter als Goretzka, wurde der zentrale Anker in Nagelsmanns Mittelfeld. Andrich, Groß, Kroos, dazu die hochtalentierten Youngster Aleksandar Pavlovic und Angelo Stiller in der Hinterhand - und raus bist Du, Leon!
Obwohl Nagelsmann immer wieder betont, die Türe für eine Rückkehr oder ein Debüt stünden stets offen, hat der Bundestrainer diese Türe im Fall von Goretzka mit Schwung zugeknallt. Im März, da tat es so richtig weh, wurde der gebürtige Bochumer erstmals nicht nominiert. Weil sich der Wind drehte und die deutsche Mannschaft endlich wieder performte, musste Goretzka die EM auch als Fan verfolgen. Ein Schmerz, der sich anbahnte.
In den vergangenen Tagen trainierte Goretzka an der Säbener Straße mit den anderen, die nicht für ihre Nationalteams nominiert waren oder zurückgetreten sind wie seine langjährigen DFB-Weggefährten Manuel Neuer und Thomas Müller.
Goretzkas neue Perspektive
Doch diese Länderspielpause hat sich für Goretzka anders angefühlt als im September und Oktober. Denn auf einmal hat er wieder eine Perspektive beim FC Bayern. Im Mittelfeld. Als Startelfspieler. Ja, unter Trainer Vincent Kompany. Weil Goretzka dringend gebraucht wird in den nächsten Wochen. Als Schlüsselspieler und Säule im zentralen Mittelfeld neben Kimmich.
Denn da darf nicht mehr viel passieren. Pavlovic (20) befindet sich nach seinem Schlüsselbeinbruch von Mitte Oktober aktuell in der Reha, darf aber noch keine Zweikämpfe bestreiten. Eine Rückkehr auf den Platz ist bei optimalem Heilungsverlauf erst für Anfang Dezember geplant. Pavlovics Ersatz, Joao Palhinha (29), erlitt Anfang vergangener Woche bei der portugiesischen Nationalmannschaft einen Muskelbündelriss im Adduktorenbereich.
/origin-imgresizer.eurosport.com/2024/11/20/image-a41eea7d-5687-4f61-8a7b-766c80a90cd0.jpeg)
Goretzka-Konkurrent Joao Palhinha fällt verletzt aus
Fotocredit: Getty Images
Der 29-Jährige wird bis zur Weihnachtspause ausfallen. "Das ist extrem bitter für ihn, aber auch für uns als Mannschaft. Ich finde, er hat sich in den letzten Spielen extrem stabilisiert, hat seine Sache gut gemacht und war ein wichtiger Faktor, dass wir die Spiele erfolgreich gestalten konnten", sagte Kimmich in Budapest und fügte hinzu: "Wir müssen natürlich die Qualität im Kader haben, um so etwas aufzufangen. Trotzdem tut uns jeder Verletzte weh."
Sie haben die Qualität. Sie haben Goretzka und Konrad Laimer (27). Letzterer jedoch war in den letzten Wochen und Monaten eher Back-up Nummer eins für Raphael Guerreiro auf der Rechtsverteidiger-Position und betrieb in dieser Rolle mit dem Portugiesen Jobsharing.
Goretzka winkt ein Platz in der Startelf
Goretzka durfte nach bitteren Zeiten als Deutschlands prominentester Tribünengast oder Bankdrücker mit minimalen Einsatzzeiten, vor zwölf Tagen beim 1:0 der Bayern auf St. Pauli sein Startelf-Comeback feiern. Nun winkt ihm, beginnend mit dem Heimspiel am Freitagabend in der Allianz Arena gegen den FC Augsburg, ein Stammplatz.
Was für eine 180-Grad-Kehrtwende. Einst Auslaufmodell, dem im Sommertransfer-Fenster von den Bossen nahegelegt wurde, den Verein zu verlassen. Auch, weil man für den Portugiesen Palhinha, einer klassischen Nummer sechs, 51 Millionen Euro Ablöse an den FC Fulham überwies - der fünftteuerste Import der Bayern.
/origin-imgresizer.eurosport.com/2024/11/09/4060437.jpg)
Goretzka
Fotocredit: Getty Images
Und Goretzka, bei seinem Wechsel vom FC Schalke nach München im Sommer 2018 ablösefrei, erscheint nun als Retter in der Not. Sein Plus: Mit Kumpel Kimmich (29) ist er über die Jahre bestens eingespielt, die bestehenden Automatismen greifen noch.
Als Goretzka, dessen Marktwert zuletzt von 30 Millionen auf 22 Millionen Euro gesunken ist, auf St. Pauli in dieser Saison erstmals in der Startelf des FC Bayern stand, erklärte diese kleine Sensation Trainer Kompany als sei es das Normalste der Welt: "Wir haben keine Sekunde an seinen Qualitäten gezweifelt. Deshalb ist es für mich eine ganz normale, eine logische Entscheidung."
Eine für den Streichkandidaten, den der Verein vor wenigen Monaten am liebsten für eine hübsche Ablösesumme verkauft hätte, da Goretzka hinter Kimmich, Pavlovic Palhinha und Laimer lediglich als Nummer fünf im Ranking des zentralen Mittelfelds in die Saison ging.
Ohne zu murren, ohne in der Öffentlichkeit ein böses Wort über diese Degradierung zu verlieren. Das rechnet ihm Kompany hoch an. "Wenn ein Spieler nicht mit 100 Prozent Einsatz trainiert, spielt er nicht. Leon hat genau das getan. Er ist ein Top-Profi", sagte der Trainer am Tag vor dem Bundesligaspiel gegen den FC Augsburg (Fr., 20:30 Uhr im Liveticker).
Kompany über Goretzka: "Chance verdient"
Goretzkas Einstellung weiß man auch auf den Fluren des deutschen Rekordmeisters zu schätzen. "Wir haben im Sommer mit Leon gesprochen und ihm gesagt, dass es schwierig werden wird, weil der Kader so ist, wie er ist. Er hat gesagt, er will sich der Konkurrenz stellen", sagte Bayerns Sportdirektor Christoph Freund vor knapp zwei Wochen in Hamburg und unterstrich: "Er hat eine gute Leistung gebracht. Das sagt natürlich viel aus über einen Menschen, einen Charakter."
Warum das so ist? Warum er so ist? Goretzka, ein Kind des Ruhrgebiets, definiert sich als Arbeiter. Die Mitspieler kennen ihn als ehrliche Haut. Der 29-Jährige ist einer, der viel über seinen Beruf und das Fußball-Business nachdenkt, der alles um sich herum scannt und seine Situation reflektiert. Wodurch ihm hin und wieder die Leichtigkeit zu fehlen scheint.
/origin-imgresizer.eurosport.com/2024/11/20/image-bc4d8b75-4156-4e9b-888e-d97d6f0e8300.jpeg)
Vincent Kompany (r.) im Gespräch mit Leon Goretzka
Fotocredit: Getty Images
In schwierigen Momenten spiegelt sich eine Prise Melancholie in seinem Gesicht wider. Die Last des Seins. Für Teamkollege Müller ist er "ein Kämpfer". Müller, zuletzt selbst nur Ergänzungsspieler, weiß daher: "Du musst bereit sein beim FC Bayern, um jede Sekunde Spielzeit zu kämpfen. Wenn es so weit ist, musst du da sein."
Goretzka bei Bayern unter den Top-Verdienern
Doch zur Wahrheit von Goretzkas Motivation, beim FC Bayern vorerst zu bleiben, gehört auch, dass er zu einem der Bestverdiener im Kader der Münchner gehört. Der Vertrag läuft bis 2026. Das Salär, das er in dieser Höhe im Herbst seiner Karriere woanders nicht mehr erhalten wird, hemmt etwaige Fluchtgedanken.
Dennoch hat Goretzka nun seinen Berater gewechselt; er lässt sich künftig von der Agentur ROOF vertreten. In der Winterpause die Bayern zu verlassen, ist keine Option für ihn. Kommenden Sommer wollen er und der Verein die Situation neu bewerten.
Und wer weiß? Vielleicht ist Goretzka, bis zuletzt mit lediglich 216 Einsatzminuten (neun Einsätze) in allen Wettbewerben, dann nicht mehr das fünfte Rad am Wagen, sondern wie einst beim Triple-Triumph 2020 einer der Motoren des Bayern-Mittelfelds.
Das könnte Dich auch interessieren: Musiala-Zukunft in München? Bayern-Boss äußert sich
/origin-imgresizer.eurosport.com/2024/08/03/4017294-81483533-2560-1440.jpg)
Goretzka bei Bayern außen vor: Das sagen Neuer und Kompany
Quelle: Perform
Ähnliche Themen
Werbung
Werbung