Bundesliga-Kolumne LIGAstheniker - Ärger um VAR nach Elfmeter-Pfiff gegen FC Augsburg in Hoffenheim: So geht es nicht!

Die leidige Diskussion um die Bundesliga-Schiedsrichter und den Video-Assistenten sind seit dem Wochenende um ein unglückliches Kapitel reicher. Im Spiel des FC Augsburg bei der TSG 1899 Hoffenheim wurde ein Hand-Elfmeter für die Gastgeber gepfiffen, den es niemals hätte geben dürfen. Der LIGAstheniker meint: Es ist der tiefste Tiefpunkt einer Diskussion, die endlich aufhören muss.

Stand im Spiel Hoffenheim gegen Augsburg im Fokus: Schiedsrichter Tobias Reichel

Fotocredit: Imago

Liebe Fußballfreundinnen und Freunde,
um einigermaßen realisieren zu können, was am Wochenende in einem ganz normalen, durchschnittlichen, 0815-Bundesligaspiel, in dem es weder um Meisterschaft noch um Abstieg ging, kaputtgemacht worden ist, also mal folgende Denksportaufgabe:
Stellen Sie sich vor, Oliver Kahn, Spitzname "Titan", Spitzname "Ohrwaschelbeißer", Spitzname "Eier, wir brauchen Eier", also dieser Kahn ist seit 683 Minuten ohne Gegentor. Und dann kommt ein Schiedsrichter plus neuerdings Videoschiedsrichter daher und die vermasseln ihm mit einer völlig unverständlichen Fehlentscheidung seine persönliche Rekordserie. Was glauben Sie, würde passieren?
Würde Kahn Schiri Tobias Reichel umgehend auf dem Spielfeld umnieten? Würde er Amok laufen im Kölner Keller? Anzeige stellen und Schadenersatz fordern?
Das Elfmetertor von Hoffenheim vom 27. Spieltag ist der vorerst tiefste Tiefpunkt einer Diskussion, die endlich aufhören muss.

War der VAR auf dem Klo?

Die 69. Minute in Hoffenheim und die Frage: Was macht eigentlich ein Videoschiedsrichter? Allein der Name signalisiert, was seine Aufgabe wäre: ein Schiedsrichter des Videomaterials des Spiels.
Wir alle, die wir die Bilder am TV, im Stream, selbst am Handy gesehen haben, wussten sofort, dass es hier nichts zu ahnden gab. Der Schuss von Hoffenheims Haris Tabakovic wird vom Augsburger Chrislain Matsima geblockt, prallt ab und aus kürzester Distanz seinem Mitspieler Jeffrey Gouweleeuw an den Arm.
Die hier anzuwendende Regel ist eindeutig: Wird ein Ball zuvor mit signifikanter Richtungsänderung abgelenkt, ist es kein Handspiel. Von unnatürlicher Handbewegung oder Absicht, die eigene Fläche zu vergrößern, kann überhaupt nicht die Rede sein. Das sieht man auch ganz ohne Video.
Was aber passierte im sagenumwobenen Kölner Keller? War der VAR kurz eingenickt? Zigaretten holen? Klo vielleicht?
Gut, die Notdurft wollen wir ihm nicht vorwerfen, wobei seine Performance mit dürftig nicht angemessen beschrieben wäre: der VAR hat den Ausgang des Spiels signifikant beeinflusst. Das Spiel wurde durch den VAR unsportlich, so geht das nicht!

Psychologische Zwickmühle der Schiris

Natürlich ist auch Schiedsrichter Tobias Reichel nicht aus der Pflicht zu nehmen. Warum lässt er erst vier Sekunden weiter spielen, um dann doch noch zu pfeifen? Wenn er unsicher ist, was man absolut verstehen kann, dann frage ich doch beim VAR nach? Warum tut er es nicht?
Vielleicht ist das die psychologische Lücke, in der gerade wieder die Zweifel am VAR wachsen. Der Schiedsrichter ist sich nicht ganz sicher, ob er ahnden soll oder nicht. Im Zweifel pfeift er lieber, weil der Ball ja sichtbar an der Hand war.
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Einen zweiten Elfmeter für Hoffenheim nahm Schiedsrichter Tobias Reichel wieder zurück

Fotocredit: Getty Images

Die größere Fehlentscheidung, so könnte man aus der Schiedsrichter-Perspektive mutmaßen, wäre das Nichtpfeifen. Wenn der VAR jetzt nicht proaktiv eingreift, müsste der Schiedsrichter umgehend seine mühevoll gefällte eigene Entscheidung selbst wieder in Zweifel ziehen.
Der Schiedsrichter müsste sich also selbst misstrauen. Mit einem solchen Mindset kann man wohl kein souveräner Leiter eines professionellen Fußballspiels sein.

Warum spricht Tobias Reichel nicht?

Tobias Reichel wollte sich nach dem Spiel nicht zu der Entscheidung äußern. Dass ein Schiedsrichter, der ein Spiel maßgeblich irregulär beeinflusst hat, sich gar nicht äußern muss, ist heute nicht mehr zeitgemäß und auch falsch.
Die Bundesliga ist ein Medienprodukt. Die Einführung des VAR ist vor allem auch eine medienpolitische Maßnahme: Wir gucken auf die Videos des Spiels, um uns ein vollständiges Bild vom strittigen Geschehen zu machen.
Für das vorrangige Ziel einer höheren sportlichen Gerechtigkeit. Dadurch, dass der eigentliche Schiedsrichter nicht spricht, der Sprecher der Schiri GmbH, Alex Feuerherdt danach aber in einem "ZDF"-Interview die Entscheidung als falsch bewertet, wird die Verwirrung endgültig komplett.
Motto: Der Schiedsrichter spricht nicht, also sprechen wir über ihn. Das macht man nicht, das kennen wir alle aus dem Privaten.

Warum macht der VAR so viele Fehler?

Finn Dahmen hilft das alles nichts, seine Serie ohne Gegentore ist gerissen.
Trösten wird ihn auch nicht, dass der wackere Feuerherdt am Ende seiner TV-Ausführungen davon sprach, dass auch Schiedsrichter und Videoschiedsrichter nur Menschen seien, die Fehler machen würden, "das passiert nun mal".
Moment, das passiert nun mal? Genau aus diesem Grund hatte man den VAR einmal eingeführt, dass diese Fehler eben nicht mehr passieren. Oder nur noch in sehr strittigen Einzelfällen.
Und nicht, damit der Videoschiedsrichter selbst zur Fehlerquelle wird bei Entscheidungen, die man mit dem bloßen Auge bewerten können sollte.
Der gut erzogene und recht stille Finn Dahmen zeigte danach kaum Erregung, ob der ihn betreffenden Fehlentscheidung - Oliver Kahn hätte mutmaßlich das Stadion abgerissen.

Kommentare bei Eurosport.de geben stets ausschließlich die Meinung des/der jeweiligen Autors/Autorin wieder, nicht die der gesamten Redaktion.

ZUR PERSON: THILO KOMMA-PÖLLATH
Der Sportjournalist und Buchautor ("Die Akte Hoeneß") beleuchtet in seinem wöchentlichen Blog als das Geschehen in der Fußball-Bundesliga für Eurosport.de. Oft skeptisch, ironisch, kritisch - aber einer muss schließlich den Ball flach halten.
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Hecking hadert mit Schiedsrichter: "Muss aufpassen, was ich sage"

Quelle: Perform


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