Wie Min-Jae Kim und Dayot Upamecano zur Bank von Bayern wurden - Lob statt Spott für das Innenverteidiger-Duo

Dayot Upamecano und Min-Jae Kim sind beim FC Bayern München nicht mehr die Unsicherheitsfaktoren von einst. Statt Ziel des Spotts zu sein, ist das Innenverteidiger-Duo inzwischen sicher wie die Bank von Bayern und einer der Hauptgründe für die gegenwärtige Serie des deutschen Rekordmeisters von sieben Siegen ohne Gegentor. Trainer Vincent Kompany spielt dabei eine große Rolle.

Dayot Upamecano und Min-Jae Kim (FC Bayern München) feiern gemeinsam

Fotocredit: Imago

Min-Jae Kim übersah einfach nichts und niemanden an diesem Abend in der Allianz Arena beim Champions-League-Duell des FC Bayern München gegen Paris Saint-Germain. Seine Beine, sein Kopf, seine Augen – sie waren überall.
Als Schiedsrichter Istvan Kovacs in der 57. Minute PSG-Stürmer Ousmane Dembélé die Gelb-Rote Karte zeigte, fiel ihm sein leuchtend gelber Kugelschreiber zu Boden. Kim war zur Stelle, hob ihn vom Rasen auf und gab dem Rumänen seinen Stift zurück. Ohne eine Miene zu verziehen. 
Und es war Kim, dem die wichtigste und auch die tatsächlich allerletzte Ballberührung der Partie zuzuschreiben ist. Mit dem Kopf und viel Übersicht verwandelte er die ungewollte Vorlage des russischen Torhüters Matvey Safonov zum 1:0-Siegtreffer in Minute 38.
Ebenfalls per Kopf, gepaart mit der nötigen Vehemenz, bereinigte Kim in der fünften Minute der Nachspielzeit die letzte Flanke der verzweifelt anrennenden Gäste.

Schüchterne Selfies mit der UEFA-Trophäe

Der Ball segelte aus dem eigenen Strafraum, dem Kerngebiet seines Arbeitsradius', in den Unterrang der Nordtribüne. Im nächsten Moment pfiff der Schiedsrichter ab und Kim flogen alle Herzen seiner Mitspieler zu, die ihn in ihre Mitte nahmen, lang und innig in ihre Arme schlossen. Insbesondere Kapitän Manuel Neuer, Dayot Upamecano sowie der diesmal leer ausgegangene Torjäger Harry Kane.
Matchwinner ist einer wie Kim, ein Verteidiger, meist nur dann, wenn er in der Defensive keinen Fehler begeht und vorne für einen - diesmal den entscheidenden - Treffer sorgt.
Als der 28-Jährige die Trophäe als "Player of the Match" erhielt, machte er etwas verlegen, ja schüchtern, ein paar Selfies. Ist doch sonst immer die Sache von den Offensiv-Stars Kane oder Jamal Musiala.
Angesprochen auf sein erstes Tor im 23. Champions-League-Spiel meinte Kim auf Englisch, er sei "darauf sehr stolz". Ganz leise und zurückhaltend beantwortete er im - ebenso ungeliebten - Scheinwerferlicht der Kameras ein paar Fragen.

Als Tuchels Wunschspieler nach München

Lieber als über sich sprach er über die wunderbar funktionierende Abwehr-Partnerschaft mit Upamecano: "Als ich in China (von Januar bis August 2019 bei Beijing Guoan, d. Red.) war, habe ich viele Spiele von Dayot gesehen. Ich liebe ihn und bin sehr glücklich, mit ihm spielen zu dürfen."
Einer der Gründe, warum Kim in dieser Saison so aufblüht, mit so viel Selbstverständlichkeit und Selbstbewusstsein verteidigt, ist die Tatsache, dass er beim FC Bayern geblieben ist und seinen Arbeitgeber nach nur einer Saison nicht schon wieder verlassen hat.
Auch wenn das viele Kritiker und Fans wohl am liebsten gesehen hätten. In den Jahren zuvor war Kims Karriere unstet, aber geradlinig nach oben verlaufen. Im Sommer 2021 wechselte er aus Chinas Hauptstadt in die Türkei zu Fenerbahce Istanbul, vor dort ging es nach nur einer Spielzeit weiter zur SSC Neapel.
Im August 2023, wiederum nach lediglich einer Saison, folgte er dem Lockruf des FC Bayern, der für ihn 50 Millionen Euro Ablöse nach Neapel überwies. Aus Gründen. Kim, zum besten Abwehrspieler der Serie A gekürt und auf besonderen Wunsch von Trainer Thomas Tuchel verpflichtet, sollte die Bayern-Abwehr stabilisieren.

Kompany bringt Wende bei Kim und Upamecano

Doch spätestens zur Rückrunde, als zahlreiche (Ergebnis-)Krisen den Verein durchrüttelten und der Abstand auf die enteilten Leverkusener größer und größer wurde, setzte Tuchel auf das Abwehr-Duo Matthijs de Ligt und Eric Dier. Beide zweikampfstark, beide der Typ Turm in der Schlacht. Kim dagegen wirkte insbesondere nach dem Asien-Cup im Januar urlaubsreif, überspielt.
Das "Aber" beim Duo de Ligt/Dier: Beide haben Defizite im Tempo und beim Spielaufbau, gehören eher zur Kategorie Retro-Verteidiger. Einen starken linken Fuß haben beide auch nicht. Als deren Ersatzspieler, lediglich zu Rotationszwecken eingesetzt, konnten Kim und Upamecano ihre Qualitäten in wenigen Einsätzen aber auch nicht zeigen, weil sie keine Spielpraxis hatten, keinen Rhythmus.
Und weil sie kein Vertrauen des Trainers spürten. Sie waren abgeschrieben. Und wenn sie mal spielten, patzten sie. Etwa im April, beim verheerenden 2:3 nach 2:0-Führung bei Aufsteiger 1. FC Heidenheim. Das Duo wurde verlacht, verspottet.
Bis Vincent Kompany zur neuen Saison kam - und Matthijs de Ligt an Manchester United abgegeben wurde. Als Weltklasse-Innenverteidiger, elf Jahre in Diensten von Manchester City, hatte sich Kompany zahlreiche Titel und viel Respekt erarbeitet.
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Vincent Kompany hat Min-jae Kim Selbstvertrauen zurückgegeben

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Kompany setzt auf Routine

In seiner neuen Rolle als junger Trainer mit seinen erst 38 Jahren fehlte ihm neben den Meriten vor allem auch: Erfahrung. Für Kim und Upamecano war und ist Kompany ein Segen. Weil Vorbild und Ratgeber. Als einer ihrer Zunft. Ob bei der intensiven Videoanalyse oder auf dem Platz.
Der Belgier mischt oft im Training mit, läuft Bälle ab und grätscht als wäre er zehn Jahre jünger. Kim und Upa, so der Spitzname des 26-Jährigen, der seine vierte Saison in München spielt, gefällt das.
Sie fühlen sich verstanden. Speziell, wenn ihr Trainer Dinge sagt wie: "Bei Verteidigern ist es wie beim Torwart. Es braucht immer erst 15 Spiele, bevor jemand sagt: Das hast du gut gemacht."
Kompany setzt auf Vertrauen, ein eingespieltes Duo. Er schwört auf seine pfeilschnellen Pressing-Maschinen mit hoher Passqualität im Spielaufbau.

"Dann weißt du, dass du da hinten was hast"

"Ich bin sehr glücklich darüber, wie wir verteidigen - hoch und tief", sagte Kompany nach dem 1:0 gegen Paris und erwähnte erstmals, warum er seit seinem Amtsantritt auf Kim und Upamecano setzte: "Was ich früh in der Saisonvorbereitung gesehen habe, ist, dass unsere Stürmer im Training nicht gerne gegen unsere Verteidiger spielen, es hat ihnen keinen Spaß gemacht - ein gutes Zeichen. Dann weißt du, dass du da hinten was hast."
Und der in der Rückrunde so gefeierte Dier? Ist nur noch Ersatz mit überschaubarer Einsatzzeit. Ja, und wer war eigentlich Matthijs de Ligt? Tuchels Abwehrchef wurde zum Unmut vieler Fans im August für rund 45 Millionen Euro nach England abgegeben. Und ist beinahe vergessen. So schnelllebig ist das Geschäft.
Aktuell freuen sich die Bayern über sieben Siege hintereinander, über sieben Mal zu null seit dem heilsamen Schockerlebnis, dem 1:4 beim FC Barcelona vor fünf Wochen.
Danach hat Kompany sein pressingintensives System um Nuancen angepasst. Die beiden Innenverteidiger stehen nicht mehr so extrem hoch. Um das Zentrum gegen Umschaltmomente geschlossen zu halten, tritt die Mannschaft nun im Verbund kompakter auf. Ein Gesamtkunstwerk.

So stabil wie einst unter Jupp Heynckes

"Die Leistung kommt immer mit Selbstvertrauen und Zeit, aber die Verteidiger sind da natürlich nicht alleine", sagte Kompany und erklärte: "Ich schaue nicht zu sehr auf Min-Jae Kim - wichtig ist, dass Harry Kane verteidigt. Wichtig ist, dass Musiala, Coman, die Ersatzspieler verteidigen. Wenn die das machen, ist die Aufgabe für die Verteidiger machbar, auch gegen Top-Spieler. So muss es bleiben."
Dank der Stabilität seiner Innenverteidiger und der kompletten Mannschaft sammelte Torhüter Neuer zuletzt weiße Westen en masse. Was an große Zeiten erinnert. Im August/September 2011 feierte man unter Trainer Jupp Heynckes sogar zehn Zu-Null-Spiele in Serie.
Der simple Schlüssel laut Kim: "Wir spielen zusammen, halten zusammen, kämpfen zusammen." Sportvorstand Max Eberl ergänzte mit einem Siegerlächeln: "Wie heißt es so schön in Amerika? Offensive gewinnt Spiele, Defensive gewinnt Titel." Einst verspottet, nun gefeiert. Kim und Upa sind Bayerns defensive Lebensversicherung. Eine Bank.
Sämtliche 18 Pflichtspiele der Bayern in dieser Saison hat Dauer(b-)renner Kim von Beginn an bestritten. Ohne Nachspielzeiten mit eingerechnet kommt Kim auf 1521 Minuten Spielzeit. Mehr hat in dieser Spielzeit aus dem aktuellen Kader lediglich Immerspieler Joshua Kimmich, der noch keine Sekunde verpasste.
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Min-jae Kim gehört zu den Vielspielern des FC Bayern in dieser Saison

Fotocredit: Getty Images

Knackt Dortmund am Samstag Bayerns Bank?

Auf Rang drei dieses Konstanz und Zuverlässigkeit ausdrückenden Rankings: Kims Partner Upamecano mit 1517 Minuten, knapp vor Neuer (1485) und Kane (1455). Weltklasse-Gesellschaft für die Abwehrspieler.
Auf die warten nun zwei große Aufgaben. Am Samstag steigt bei den wankelmütigen, aber sehr heimstarken (sechs Siege bei sechs Heim-Auftritten in der Liga) Dortmundern der deutsche Clásico (18:30 Uhr im Liveticker).
Da gilt es, Stürmer Serhou Guirassy zu zähmen. Kommenden Dienstag geht's im Achtelfinale des DFB-Pokals gegen Doublegewinner Bayer Leverkusen (20:45 Uhr im Liveticker) mit dem kaum zu bändigenden Florian Wirtz. Die nächsten Beweistermine für Bayerns Bank. Ob die Null weiter steht?
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"Dann würde es mehr bedeuten": Slot spielt Sieg gegen Real herunter

Quelle: Perform


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