Vincenzo Grifo vom SC Freiburg im Exklusiv-Interview zu Hassnachrichten im Netz, Christian Streich und Julian Nagelsmann
Vincenzo Grifo zählt seit vielen Jahren zu den Leistungsträgern beim SC Freiburg. Im exklusiven Interview mit Eurosport spricht der Italiener über seine Kindheit auf dem Bolzplatz in Pforzheim und die Faszination für Ronaldinho. Zudem geht er auf die Schattenseiten der Sozialen Medien ein - und erklärt seine ganz besondere Beziehung zu Ex-Coach und "Ziehvater" Christian Streich beim SCF.
Julian Nagelsmann und Vincenzo Grifo
Fotocredit: Getty Images
Vincenzo Grifo ist beim SC Freiburg nicht mehr wegzudenken, knapp 300 Pflichtspiele hat der Italiener mittlerweile für die Breisgauer absolviert.
Im exklusiven Interview mit Eurosport spricht der 31-Jährige über seine Kindheit auf den Bolzplätzen seiner Heimatstadt Pforzheim, die Faszination für den brasilianischen Ausnahmekönner Ronaldinho und seine ganz besondere Beziehung zu "Ziehvater" Christian Streich.
Zudem verrät Grifo, welche Erfahrungen er selbst mit Hass im Netz gemacht hat und warum es mit Trainer Julian Nagelsmann einst in Hoffenheim "nicht gepasst" hat.
Vincenzo, Sie sind in Pforzheim geboren und aufgewachsen, gelten als Prototyp des Straßenkickers. Wie sah der Tag des kleinen Vincenzo aus?
Vincenzo Grifo: Nach der Schule gab es daheim Mittagessen. Danach habe ich meine Hausaufgaben gemacht – und im Anschluss ging es raus auf den Bolzplatz. Am Wochenende, wenn am Samstag oder Sonntag mal ein Hallenturnier auf dem Programm stand, haben wir uns danach trotzdem wieder auf dem Bolzplatz verabredet. Kurz zusammengefasst: Schule, Essen, Hausaufgaben, Kicken (lacht). Ich hatte eine sehr schöne Kindheit.
Welcher Spielername zierte Ihren Rücken damals auf dem Bolzplatz?
Grifo: Als ich klein war, trug ich ein Roberto-Baggio-Trikot. Christian Vieri durfte für mich als Inter-Fan auch nicht in der Sammlung fehlen. Später war ich ein riesiger Fan von Ronaldinho. Er war der coolste und eleganteste Spieler überhaupt. Seinetwegen habe ich Fußball geschaut.
Heutzutage tragen die Menschen wieder vermehrt Baggio, Vieri oder Ronaldinho auf dem Rücken. Woher kommt der Hype um die Vintage-Trikots?
Grifo: Vielleicht wünschen sich die Menschen die Zeiten und Spieler von damals zurück. Ich glaube, man erinnert sich einfach gerne an diese talentierten Charakter-Kicker. Diese Spieler haben den Unterschied ausgemacht, diese Spieler haben die Menschen ins Stadion oder vor den Fernseher gezogen. Es sind lebende Legenden, die uns allen sehr viel Freude bereitet haben.
Also dienen die Trikots in dieser aktuell turbulenten Welt womöglich auch als Relikte einer unbekümmerteren Zeit?
Grifo: Absolut. Je älter man wird, desto größer werden die Sorgen. Vor allem, wenn man Kinder hat. Früher hatten die Eltern die Sorgen, heute ist man selbst in dieser Rolle. Meine einzigen Sorgen als Kind waren, ob ich mit den Älteren auf dem Bolzplatz mitkicken darf und dass die Klassenarbeit am nächsten Tag gut wird. Das waren schöne, unbekümmerte Zeiten.
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Vincenzo Grifo hat für den SC Freiburg fast 300 Pflichtspiele absolviert
Fotocredit: Getty Images
Für unsere Generation bedeuteten ein Ball und eine Tüte Eistee die Welt, Kinder und Jugendliche heute wachsen nicht auf dem Bolzplatz, sondern vermehrt in einer digitalisierten Welt mit Social Media auf. Inwiefern tragen Instagram und Co. zur Beeinflussung der jungen Fußball-Generation bei?
Grifo: Ich glaube, es gibt noch Kinder, die für den Fußball leben und deren Welt der Bolzplatz ist. Allerdings haben sich insgesamt die Bedingungen im Vergleich zu unserer Generation massiv verändert. Social Media ist sehr präsent, die Kinder und Jugendlichen von heute sehen jeden Tag, welche Klamotten ihre Helden tragen, welche Autos sie fahren, wie sie sich geben und was sie im Urlaub erleben. Das haben wir früher gar nicht mitbekommen. Wenn wir als Fans im Stadion waren, dann wollten wir es irgendwie schaffen, da unten auf diesem Rasen zu spielen. Mehr nicht.
Wie bewerten Sie die Entwicklung – insbesondere für Nachwuchsspielerinnen und -spieler?
Grifo: Einerseits sehe ich das Ganze kritisch. Wenn du immer wieder gezeigt bekommst, wie perfekt das Leben als Fußballer vermeintlich ist, kann das Druck auslösen und in der Folge negative Auswirkungen haben. Auf der anderen Seite dient es für manch einen vielleicht sogar als Ansporn. Es ist wichtig, dass eine gesunde Mitte gefunden wird.
Wie nutzen Sie selbst Soziale Medien?
Grifo: Ich habe Instagram, nutze es aber nicht so häufig. Höchstens auf längeren Busreisen oder am Flughafen, wenn wir mit der Mannschaft unterwegs sind. Sobald ich zu Hause bei meinen Kindern bin, liegt das Handy aber nicht mehr in meiner Nähe.
Fußballer und bisweilen auch ihre Angehörigen werden immer wieder zum Ziel von Hassnachrichten. Zuletzt wurde Sophia Havertz beispielsweise massiv beschimpft, nur weil ihr Mann einen Elfmeter verschossen hat. Haben Sie ähnliche Erfahrungen gemacht?
Grifo: Leider ja. Heutzutage können die Leute bei Sportwetten auf alles Mögliche setzen.
Wenn der Schein dann deinetwegen nicht aufgeht, bekommst du den Hass zu spüren – die Leute schreiben viele unschöne Dinge, teilweise wünschen sie dir den Tod.
Wie gehen Sie damit um?
Grifo: Ich bin mental sehr stabil, ich kann damit umgehen. Aber ich frage mich trotzdem - was hat zum Beispiel meine Frau damit zu tun, wenn ich einen Elfmeter verschieße oder einen Ball an die Latte setze? Jeder Mensch sollte doch wissen, dass ich das nicht mit Absicht mache.
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Vincenzo Grifo vom SC Freiburg
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Was sagt das über die heutige Gesellschaft aus?
Grifo: In diesem Fall nichts Gutes. Diese Leute schreiben dir ohne Profilbild und fühlen sich in ihrer Anonymität sicher im Netz. Nur die Wenigsten würden dir diese schlimmen Worte ins Gesicht sagen.
Wer eigenen Angaben zufolge nicht allzu viel mit Social Media anfangen konnte, war Ihr ehemaliger Trainer Christian Streich. Gab es in puncto Handynutzung eine Regelung?
Grifo: Seine Regel hat nach wie vor Bestand – wir haben Handyverbot in der Kabine und beim Essen. Ich finde das cool, wir unterhalten uns viel, tauschen uns über private Dinge aus und hängen nicht die ganze Zeit am Bildschirm. Natürlich gibt es mal Ausnahmen, wenn es beispielsweise etwas mit der Familie zu klären gibt.
Sie haben Streich einst als Ziehvater bezeichnet. Wie intensiv ist der Kontakt noch?
Grifo: Ich würde den Begriff Ziehvater auch weiterhin verwenden. Wir haben nach wie vor Kontakt. Mittlerweile steht aber nicht mehr der Fußball im Vordergrund. Es geht eher darum, wie der Spanien-Urlaub war oder wie es den Kindern geht (lacht).
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Vincenzo Grifo (l.) und Trainer Christian Streich
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Was hat ihn konkret zu Ihrem Ziehvater gemacht?
Grifo: Er hat mir sehr viele Tugenden neben dem Platz beigebracht, die einem andere Trainer eben nicht beibringen.
Zum Beispiel?
Grifo: Dass man das Handy einfach mal beiseitelegen und lieber tiefgründige Gespräche führen sollte.
Er war von Anfang nicht nur an dem Fußballer, sondern auch an dem Menschen Vincenzo Grifo interessiert.
Und was hat ihn aus sportlicher Sicht besonders gemacht?
Grifo: Ich habe selten einen Menschen kennengelernt, der über so viele Jahre so erfolgshungrig war und immer das Maximum aus jedem einzelnen Spieler herausholen wollte. Mich persönlich hat er unglaublich verbessert. Dass ich mittlerweile über 250 Bundesligaspiele auf dem Buckel habe, verdanke ich auch ihm. Er hat mir immer das Vertrauen geschenkt.
In einer "DAZN"-Doku über Sie wurden Sie von einem ehemaligen Lehrer als Klassenclown im positiven Sinne tituliert. Der Klassenclown und der perfektionistische, bisweilen auch strenge Trainer – wie passt das zusammen?
Grifo: (Lacht) Indem man sich sehr respektiert und schätzt. Die Beziehung zwischen Trainer und Spieler ist immer ein Geben und Nehmen. Wir hatten stets einen guten Austausch und sind auch kritisch miteinander umgegangen. Wenn etwas nicht wie gewünscht lief, wurde es ganz offen angesprochen. Meine Eltern haben mir immer beigebracht, dass man im Leben weiterkommt, wenn man ehrlich zu seinen Mitmenschen ist. So habe ich es mit all meinen Trainern gehalten. Auch mit denjenigen, unter denen es für mich nicht so gut lief - wie Julian Nagelsmann bei Hoffenheim (2018/19, Anm. d. Red.) oder Dieter Hecking in Gladbach (2017/18, Anm. d. Red.).
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Vincenzo Grifo (l.) im Gespräch mit Julian Nagelsmann
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Warum lief es unter Julian Nagelsmann nicht so gut?
Grifo: Ich muss Julian Nagelsmann eigentlich in Schutz nehmen. Er hatte damals eine funktionierende Mannschaft und ein erfolgreiches System. Das würde ich als Trainer wahrscheinlich auch nicht über den Haufen werfen. Ich habe mir trotzdem etwas mehr Vertrauen und mehr Freiheiten auf dem Platz gewünscht. Das war nicht der Fall, ich kam nicht auf die gewünschte Spielzeit und die Vorstellungen lagen offensichtlich auseinander. Deshalb hat es nicht so gut gepasst wie mit Christian Streich.
Christian Streich hat sich regelmäßig öffentlich zu gesellschaftlichen Themen geäußert und erfuhr wegen seines Wertekompasses breite Zustimmung. Wie hat er seine Werte in die Mannschaft transportiert?
Grifo: Er hat sich gegenüber dem Team so präsentiert wie auf seinen Pressekonferenzen. Wenn er etwas zu sagen hatte, dann hat er es angesprochen.
Er hat von seinen Spielern eingefordert, dass sie sich über das Geschehen in der Welt abseits des Fußballs informieren und sich eine Meinung bilden.
Julian Schuster, Ihr neuer Trainer, erweckt – ähnlich wie sein Vorgänger – einen reflektierten Eindruck. Gegenüber der "SZ" hat er gesagt, dass er in seinen Fußball-Auszeiten gerne Romane mit geschichtlichem Hintergrund liest. Wie nehmen Sie ihn wahr?
Grifo: Julian macht es aus meiner Sicht herausragend. Er ist sehr klar in seinen Ansagen und weiß genau, was er will. Er hat sich sicherlich von Christian Streich einige Dinge abgeschaut und dessen Tugenden verinnerlicht. Andererseits steht er als junger Trainer für sich und hat sein eigenes Portfolio. Er bringt viel Power mit. Wir versuchen ihn, bestmöglich auf seinem Weg zu unterstützen.
Sie standet 17-Mal gemeinsam als Spieler mit Julian Schuster auf dem Platz. Wie ist es, einen ehemaligen Teamkollegen plötzlich als Chef an der Seitenlinie zu haben?
Grifo: Am Anfang war es ungewohnt. Wir sind zusammen aufgestiegen, haben zusammen gefeiert. Wir hatten Höhen und Tiefen auf dem Platz. Das ist jetzt aber Schnee von gestern. Ich habe mich schnell daran gewöhnt.
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Früher Teamkollegen, heute Trainer und Spieler: Julian Schuster (l.) und Vincenzo Grifo
Fotocredit: Imago
Die Zusammenarbeit scheint zu funktionieren, Sie sind unangefochtener Stammspieler und Top-Scorer. Wie würden Sie Ihre persönliche Saison 2024/25 zusammenfassen?
Grifo: Ich bin sehr zufrieden, ich hatte eine tolle Vorbereitung im Sommer und bin dankbar, so viele Spiele auf hohem Niveau machen zu dürfen.
Sie haben für die italienische Nationalmannschaft (neun Einsätze, vier Tore) und in der Europa League gespielt, dazu einen Kurzeinsatz in der Champions League. Was lösen all diese Erfahrungen in dem jungen Vincenzo aus, der als Kind einen Traum hatte?
Grifo: Ich bin stolz darauf. Es ist aber sehr wichtig, dass man trotzdem niemals überheblich wird, wenn man in dieser Fußball-Blase lebt. Die Familie ist immer noch das Wichtigste, dank ihr habe ich all das erreicht.
Welche Ziele haben Sie noch?
Grifo: Möglichst viele Spiele zu absolvieren und Nils Petersen vielleicht als Freiburg Rekordtorschützen (105 Tore, Grifo steht bei 91, Anm. d. Red.) abzulösen (lacht).
In Pforzheim daheim, in Freiburg zu Hause: Wie wahrscheinlich ist es, dass Vincenzo Grifo seine Karriere im Breisgau beendet?
Grifo: Im Fußball weiß man nie – aber aktuell würde ich sagen: nicht so unwahrscheinlich.
Vielen Dank für das Gespräch, Vincenzo.
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Quelle: SID
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