Bayer 04 Leverkusen: Werkself als Scherbenhaufen - Das Aus von Erik ten Hag vergrößert die Sorgen gewaltig
Bayer 04 Leverkusen trennt sich in Rekordzeit von Cheftrainer Erik ten Hag. Ein Folge des Fehlstarts, aber auch des Auftretens des Niederländers. Die ohnehin gewaltige Aufgabe, den Umbruch bei der Werkself zu meistern, wird dadurch noch größer. Zwölf neue Spieler müssen integriert, eine neue Führungsstruktur in der Mannschaft aufgebaut werden. Ein neuer Trainer hat viel Arbeit vor sich.
Blitzentlassung! Leverkusen trennt sich von ten Hag
Quelle: Perform
Rekorde sind für Bayer 04 Leverkusen in den vergangenen zwei Jahren eigentlich nichts Neues: auf die beste Saison der Vereinsgeschichte 2023/24 mit dem Double und der längsten Serie an ungeschlagenen Spielen seit 1955 folgte in diesem Sommer mit dem Transfer von Florian Wirtz zum FC Liverpool der teuerste Verkauf in der Historie des Klubs.
Nun hat der amtierende Vizemeister einen weiteren Rekord aufgestellt. Nach nur drei Pflichtspielen feuert Bayer seinen Cheftrainer Erik ten Hag - nie wurde ein Coach, der zu einer neuen Spielzeit gekommen war, schneller entlassen.
Das Blitz-Aus des Niederländers war noch vor einigen Wochen so nicht abzusehen, war er doch im Sommer noch mit großen Hoffnungen als Nachfolger des abgewanderten Erfolgstrainers Xabi Alonso verpflichtet worden war.
Doch ein katastrophaler Start in seine erste (und letzte) Bayer-Spielzeit bedeutete nach knapp zwei Monaten das Ende für den 55-Jährigen.
Andrich poltert nach Fehlstart
Hatte sein Team in der ersten Runde des DFB-Pokals beim 4:0 (1:0) gegen den Regionalligisten Sonnenhof Großaspach zwar spielerisch nicht brilliert, aber doch immerhin gewonnen, gab es in der Bundesliga die kalte Dusche.
Gegen die TSG 1899 Hoffenheim, in der Vorsaison nur knapp der Relegation entgangen, kassierte man zuhause trotz zwischenzeitlicher Führung eine peinliche 1:2-Pleite zum Auftakt.
Am Samstag folgte gegen Werder Bremen ein regelrechtes Desaster: bis in die Schlussphase lag Leverkusen gegen zehn Werderaner mit 3:1 vorne, am Ende hieß es allerdings 3:3 (2:1) - ein Offenbarungseid, der Kapitän Robert Andrich zum Rundumschlag animinierte.
"Wir haben zu viele Leute, die sich mit anderen Sachen oder nur mit sich selbst beschäftigen. Ich weiß nicht, ob ich das bei Bayer jemals erlebt habe", schimpfte der 30-Jährige nach Abpfiff und sprach mit Blick auf die unterirdische Schlussphase sogar von einem "Sinnbild unserer aktuellen Situation".
Große AUfgabe für ten Hag
Auch ten Hag bekam sein Fett weg: "Der Trainer ist der, der oben steht. Er muss natürlich von ganz oben am meisten Ruhe reinkriegen", keifte Andrich in Richtung seines Coaches, der ihn nach dem Abgang von Granit Xhaka zum Spielführer gemacht hatte.
Dass ten Hags Mission in Leverkusen keine einfache sein dürfte, war von Anfang an klar. Schließlich musste der frühere Ajax-Coach nicht nur die großen Fußstapfen des ebenso erfolgreichen wie beliebten Xabi Alonso füllen, sondern auch den gewaltigen Umbruch im Kader meistern.
Zwölf Neuzugänge sind zu integrieren, während durch den bevorstehenden Abgang von Piero Hincapie zum FC Arsenal mittlerweile acht Stützen der vergangenen Jahre den Verein verlassen haben - nicht zuletzt Ausnahmekönner Wirtz.
Ganz nebenbei muss das Mannschaftsgefüge neu aufgebaut werden, da sich mit Stammkeeper Lukas Hradecky, Jonathan Tah und Xhaka drei absolute Führungsspieler verabschiedet hatten. Es ist eine Situation, die wohl für jeden Trainer eine Herausforderung gewesen wäre.
Ten Hag sorgt für Unmut
Andererseits haben ten Hags mangelhafte Kommunikationfähigkeiten ebenfalls ihren Anteil daran, dass er plötzlich im Regen steht. Früh setzte sich der frühere Manager von Manchester United bei seinen Vorgesetzten in die Nesseln, nachdem er am Rande des Trainingslagers in Brasilien öffentlich "mehr Waffen" gefordert hatte.
Ähnlich undiplomatisch verhielt er sich bei der Personalie Xhaka, als er ein kategorisches Veto gegen einen Wechsel des Schweizers einlegte. Dieses war zwar unter sportlichen Gesichtspunkten verständlich, ging allerdings auch konträr zu den Aussagen von Simon Rolfes, immerhin Geschäftsführer Sport, der sich in einem Interview zuvor noch offen für einen Abgang des Schweizers unter den richtigen Umständen gezeigt hatte.
Laut einem Bericht des "kicker" sind aber nicht nur ten Hags Aussagen in der Öffentlichkeit ein Grund für die Entlassung, sondern auch dessen internes Verhalten.
Neben Problemen bei der Unterordnung unter seine Vorgesetzten und einem arroganten Auftreten sei der Umgang mit der Mannschaft ein regelrechter Kulturschock für die Spieler gewesen. Beispielsweise sei die Kabinenansprache im Unterschied zu Alonso knapp und wenig inspirierend ausgefallen.
Ten-Hag-Entlassung konsequent
Die Mängel in der öffentlichen wie der privaten Kommunikation sorgten in Verbindung mit dem sportlichen Fehlstart letztlich dafür, dass sich die Chefetage in Leverkusen zum Handeln verpflichtet fühlte, wie Rolfes in einem Statement erklärte.
"Diese Entscheidung ist uns nicht leicht gefallen. Niemand hat sich diesen Schritt gewünscht. Doch die vergangenen Wochen haben gezeigt, dass der Aufbau einer neuen und erfolgreichen Mannschaft in dieser Besetzung nicht zielführend gestaltet werden kann", rechnete der 53-Jährige mit ten Hag ab.
Der antwortete mit Kritik an den Bossen. "Sich nach nur zwei Ligaspielen von einem Trainer zu trennen, ist beispiellos", teilte der Niederländer am Montag in einer Erklärung mit, die laut The Athletic über seine Agentur veröffentlicht wurde. Er habe das Gefühl, so ten Hag weiter, "dass dies nie eine Beziehung war, die auf gegenseitigem Vertrauen beruhte". Die Trennung sei für ihn "völlig überraschend" gekommen.
Kommt Xavi oder Rose?
Was bleibt ist die Tatsache, dass Bayer plötzlich vor einem Scherbenhaufen steht. Schnellstmöglich muss ein neuer Trainer gefunden werden, der die Mannschaft zu einer Einheit formen kann.
Schließlich steht im Anschluss an die Länderspielpause direkt der Kracher gegen die formstarke Eintracht aus Frankfurt auf dem Programm. Ohnehin keine leichte Debüt-Aufgabe für den neuen Coach, der ja weiterhin den Umbruch vollziehen und die Alonso-Lücke füllen muss, während er weniger Zeit als ten Hag hat.
Was nach einem Himmelfahrtskommando klingt, bleibt bei allen Hürden aber dennoch ein attraktiver Job, ist das Potenzial ja durchaus gegeben. Entsprechend prominent liest sich die Liste möglicher Kandidaten: neben Marco Rose wird auch Barcelona-Legende Xavi als Nachfolger von ten Hag gehandelt.
Die Kriterien für den neuen starken Mann macht Rolfes auf einer Pressekonferenz am Montag klar. Er suche jemanden der "grundlegende Sachen" wie "Stabilität und Klarheit" vermitteln könne, so der Funktionär. Egal, wer es wird: in Leverkusen wird man hoffen, dass der neue Mann weiterhin für Rekorde sorgt - allerdings nicht nach dem Vorbild von ten Hag.
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