FC Bayern München: Ein Soforthilfeprogramm namens Luis Díaz - Latino-Würze aus Kolumbien für den Rekordmeister

Wie Luis Díaz, Neuzugang des FC Bayern München, der in Kolumbien in ärmsten Verhältnissen aufwuchs, zu dem wurde, der er heute ist und wie er die schreckliche Zeit während der Entführung seiner Eltern überstand. Dem Münchner Kader soll der Flügelspieler ab sofort eine lange vermisste Note hinzufügen, die Latino-Würze aus Südamerika: Raffinesse, Unberechenbarkeit, Lebensfreude.

Bayern-Neuzugang Díaz: "Erste Eindrücke waren fantastisch"

Quelle: Perform

Er lächelte, er lachte. Was man so macht, wenn man nicht alles versteht. Auf die Ausstrahlung kommt es an. Und Luis Díaz kam gut an als er sich am Dienstag an der Säbener Straße seinen neuen Teamkollegen vorstellte.
Vor allem die Führungsspieler des FC Bayern, Kapitän Manuel Neuer und sein Stellvertreter Joshua Kimmich, herzten und drückten den Kolumbianer. Bienvenido!
Trotz der dreieinhalb Jahre beim FC Liverpool ist das Englisch von Díaz noch nicht passabel, doch die Fußballersprache heutzutage international. Bei den Bayern gilt als zweite Amtssprache neben Englisch (für Kabinenansprachen) ohnehin Französisch, auch Trainer Vincent Kompany kann mit Kingsley Coman & Co. sehr gut in ihrer Sprache parlieren.
Spanisch? Für die Portugiesen um Raphael Guerreiro auch kein Problem. Ein kleiner Clip aus dem Januar 2022, als Díaz vom FC Porto nach Liverpool geholt wurde, zeigt: Fußball wird mit den Beinen gesprochen. Schüchtern meinte der Kolumbianer nach seiner Ankunft zu Trainer Jürgen Klopp: "Zero English." Die Antwort des deutschen Trainers: "No problem!"

Aus armen Verhältnissen auf die Weltbühne

Außerhalb des Platzes ist Díaz, für den die Bayern nun bis zu 75 Millionen Euro (70 Millionen als fixe Basisablöse plus fünf Millionen eventuelle Bonuszahlungen) an den FC Liverpool bezahlen, eher zurückhaltend, schüchtern, introvertiert.
Er ist verheiratet mit Geraldine, gemeinsam hat das Paar die Töchter Roma (3) und Charlotte (1) – sein Rückzugsort. Díaz stammt aus Barrancas, einer 38.000-Einwohner-Gemeinde im Departamento La Guajira, unweit der Grenze zu Venezuela.
Sein Cousin Josher Brito erzählte dem britischen "Telegraph": "Diese Gegend ist ziemlich abgelegen, die wirtschaftlichen Bedingungen sind nicht besonders gut. Aber die Mentalität der jungen Leute hat sich geändert. Früher spielten sie Fußball um des Spaßes willen, heute spielen sie in der Hoffnung auf eine Profikarriere."
La Guajira gilt als das Armenhaus Kolumbiens. Viele Kinder leiden Hunger, erst recht die Angehörigen der indigenen Bevölkerungsgruppen wie der Wayúu, aus der Díaz`Familie stammt.
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Quelle: Perform

Mentale Stärke als großer Trumpf

Sein Vorbild als Jugendlicher: Ronaldinho, dieser so fußballschlaue Techniker. Ihm eiferte der kleine Luis nach. Der Spielstil des Brasilianers, so Díaz, spiegle "meine Wurzeln" wider.
Als Kind stark unterernährt, war Luis noch mit 18 Jahren spindeldürr, kickte meist barfuß und das nicht einmal bei einem professionellen Klub. Ein Spätstarter, der seine Herkunft nicht vergisst.
Ursächlich für seinen Erfolgshunger, der Klopp von Tag eins in Liverpool beeindruckte. Erfolgshunger, Zielstrebigkeit und Demut - die Sprache von Díaz. Schnell habe Klopp verstanden, dass der Flügelspieler wisse, "dass du kämpfen musst, um das zu bekommen, was du willst". Im Leben und auf dem Platz.
Dass Díaz seiner Leidenschaft nachgehen kann, weil er den Weg aus den staubigen Straßen Kolumbiens in die High-Tech-Arenen Europas geschafft hat, macht ihn glücklich. Tagtäglich.

Klopp schwärmte von Díaz

"Einen Spieler wie ihn", sagte Klopp, der ihn zweieinhalb Jahre betreute, "habe ich noch nie trainiert. Seine Freude und Liebe für den Fußball kann jeder sehen. Im Training kann er gar nicht aufhören zu lächeln." Aus Dankbarkeit.
Auch, weil sein Leben geprägt ist durch eine fürchterliche Erfahrung. im Herbst 2023 wurden seine Eltern in seiner Heimatstadt entführt. Bewaffnete Männer auf Motorrädern kidnappten das Paar an einer Tankstelle in Barrancas.
Dahinter steckte die "Ejército de Liberación Nacional", eine linksgerichtete Guerilla-Bewegung, die sich mit Entführungen von Prominenten oder deren Angehörigen finanziert.
Während Díaz' Mutter Cilenis Marulanda bereits am nächsten Tag befreit werden konnte, erlebte sein Vater Luis Manuel 13 Tage in Gefangenschaft. Für die Familie, für Luis Díaz ein Horror.

Díaz-Drama mit Happy End

Der FC Liverpool stellte ihm frei, unterstützte den Profi bedingungslos. Nach knapp zwei Wochen konnte eine Delegation unter Führung der katholischen Kirche und einer UN-Kommission die Freilassung aushandeln.
Als Díaz im Anschluss an diese schreckliche Zeit seinen ersten Treffer erzielte, zeigte er unter seinem Trikot ein T-Shirt mit der Aufschrift "Freiheit für Papa". Das Familiendrama hatte ein glückliches Ende gefunden. Vergessen können wird er diese Zeit nie.
Beim FC Bayern unterschrieb er einen Vertrag bis 2029, taucht in eine neue Welt ein. Díaz kommt als gestandener Profi mit viel Erfahrung aus dreieinhalb Jahren Premier League (41 Tore und 23 Vorlagen in 148 Spielen für die Reds) sowie 63 Länderspielen (18 Tore) für Kolumbien.
Ein fertiger Spieler wie man in der Branche sagt – das trifft auch auf Bayerns neuen Abwehrchef Jonathan Tah zu. Das war das Ziel der Bosse, schließlich verlor man mit Routinier Thomas Müller (35), der sich demnächst bei den Vancouver Whitecaps ins Abenteuer nordamerikanische Profi-Liga MLS stürzt, und Leroy Sané (29), der zu Galatasaray Istanbul wechselte, zwei fertige Spieler im Offensivbereich. Díaz kommt als Soforthilfeprogramm, für den kurz- bis mittelfristigen Erfolg.

Bayern-Trendwende auf dem Transfermarkt

Eine bewusste Abkehr von der letztjährigen Strategie: Im Sommer 2024 gingen die Bayern mit der Verpflichtung des Flügelstürmer-Talents Michael Olise (23) von Crystal Palace ins Risiko.
Der Franzose schaffte in seinem Debütjahr den Durchbruch, der ihm zuvor in der Premier League nicht gelungen war. Olise wurde einer der Spieler der Saison, jüngst von den Bayern-Fans dazu gewählt.
Nicht immer packen es hochtalentierte Angreifer bei Bayern. Siehe Mathys Tel, der zu Tottenham transferiert wurde oder Bryan Zaragoza, der nun für ein Jahr zu Celta Vigo (Leihe plus Kaufoption) wechselte.
Mit Díaz setzen die Münchner zudem ganz bewusst auf eine spezielle Komponente: Den Faktor Latino-Würze. Der Kolumbianer bringt nach langer Zeit wieder eine südamerikanische Note in den Kader.

Südamerikaner mit Tradition bei Bayern

Und zwar: Raffinesse, Unberechenbarkeit, Lebensfreude. Damit hatten die Bayern zu Zeiten von Jorginho, Giovane Elber, Zé Roberto, Lúcio, Dante (alle Brasilien), Martin Demichelis (Argentinien) sowie Leihgabe James Rodriguez, Díaz` Landsmann, ab den 90er Jahren größtenteils gute Erfahrungen gemacht.
Ob Díaz das Beste von allen vereint? Die Raffinesse und Spielfreude von Zé Roberto sowie James? Die gesunde Härte von Demichelis und Lúcio? Die Lebensfreude und Unberechenbarkeit von Elber, Claudio Pizarro und Dante? Die Disziplin von Jorginho?
In den letzten Jahren flaute Bayerns Interesse an südamerikanischen Talenten ab, das Scouting richtete sich eher auf Talente aus Frankreich oder den Jugend-Akademien in England (Jamal Musiala) oder Spanien (Adam Aznou).
Der bis lang letzter Latino im Bayern-Dress war Douglas Costa, sein letztes Pflichtspiel absolvierte der brasilianische Außenstürmer im Februar 2021. In seiner zweiten Zeit bei Bayern (2020/21) konnte er nicht an die recht passablen Leistungen in den Jahren 2015 bis 2017 anknüpfen.

Debüt schon gegen Lyon

Nun also stürmt Díaz für die Bayern, kann sich am Samstag im ersten Testspiel der Vorbereitung gegen Olympique Lyon seinen Fans in der Allianz Arena zeigen.
"Lucho", so sein Spitzname, könnte eine Bereicherung werden, nicht nur für Bayerns Angriffsspiel über den linken Flügel oder die Mitte, sondern für die gesamte Bundesliga.
Wer könnte das besser einschätzen als sein ehemaliger Trainer Klopp, der einst schwärmte: "Luis ist ein Naturtalent, ein ganz besonderer Spieler. Er ist fußballerisch clever, bewegt sich in den richtigen Räumen, verteidigt schlau, ist torgefährlich, schnell und frech." Das soll er nun in München beweisen.
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Quelle: Perform


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