LIGAstheniker - Elfmeterentscheidung in Mainz regt Diskussion an: Alternative Fußballfakten - dieser VAR muss weg!

Ein Elfmeter ohne Kontakt, ein "Knall", den niemand hört – und ein VAR, der minutenlang nichts sieht und doch alles beim Alten lässt. Das Spiel Mainz gegen Augsburg wird zum Sinnbild einer Technik, die Realität neu erfindet. Der LIGAstheniker fragt sich in seiner Glosse: Dient der "Kölner Keller" im zehnten Jahr noch der Gerechtigkeit – oder produziert er seine eigenen Wahrheiten?

Strittige Szene in Mainz

Fotocredit: SID

Liebe Fußballfreundinnen und Freunde, 
nehmen wir nur mal an, es hätte bis dahin noch keine jahrelange Diskussion über den Videoschiedsrichter gegeben und wir würden nun, quasi das erste Mal, solche Bilder des Irrsinns vom Spiel des FSV Mainz gegen den FC Augsburg sehen: Was müssten wir denken? Worüber müssten wir uns aufregen? Was genau ist da falsch gelaufen und was müssten die Learnings der Verantwortlichen für das nächste Mal sein?
Und dann würden wir erwarten, dass sich diese Unparteiischen der modernen Technik im "Kölner Keller" zusammensetzen, sich nochmal die Bilder ansehen, selbstkritisch analysieren, eigene Fehler benennen und Handlungsanleitungen für die Zukunft festschreiben, sodass derartige Fehler nicht noch einmal passieren.
Das alles würde man denken, wenn der sogenannte VAR noch ganz neu wäre. Im zehnten Jahr seiner Existenz aber habe ich allen Glauben an ihn verloren. 
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Beim Bundesligaspiel zwischen dem FSV Mainz 05 und dem FC Augsburg kam es zu einer strittigen Elfmeterentscheidung.

Fotocredit: Getty Images

Elfmeter in Mainz: Ein Knall, wo keiner war

Schauen wir uns also nochmal die Bilder vom Wochenende an, was bleibt uns übrig. In der fünften Minute holt der Augsburger Mittelfeldspieler Elvis Rexhbecaj im eigenen Strafraum aus als wäre er der Sensenmann.
Er schneidet buchstäblich Luft im Hoheitsgebiet der Augsburger. Leicht verzögert fällt aber der Mainzer Stefan Bell um, so als hätte man ihn gefällt wie einen Baum. Sagen wir wie eine Eiche. Denn auch der echte Baum, mit Vornamen Manuel, Trainer des FC Augsburg, wirkt ebenfalls wie gefällt. Einen Luftzug vielleicht, aber eine Berührung hat es zwischen Rexhbecaj und Bell nicht gegeben.
Schiedsrichter Patrick Ittrich wird Baum später erklären, er habe einen Knall und einen Kontakt wahrgenommen. Ittrich sieht ein Foul und pfeift Elfmeter. Das ist die eine Wirklichkeit. 

VAR: Foul und Wirklichkeit 

Die zweite Wirklichkeit findet im Kölner Keller statt. Dieser Keller ist längst zu einem Verschwörungsmythos geworden. Hier wird Realität nun nicht das erste Mal übersehen, umgedeutet, neu interpretiert und zu einer ganz neuen Realität konstruiert.
Am Beispiel des Spiels Mainz gegen Augsburg wird aus Nichts ein Foul. Über drei Minuten schauen die VAR-Profis auf die Szene und – finden nichts.
Das hätte Schiedsrichter Ittrich ihm genauso erklärt, erzählte Augsburgs dem verwirrten Trainer Baum hinterher in der PK. Sie suchen und suchen und sie finden einfach nichts. Deshalb bleibt alles wie es ist.  
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Ittrich zeigte für Mainz auf den Punkt

Fotocredit: Getty Images

Kellerlogik: Kein Foul und deshalb Strafstoß 

Mit der Logik des menschlichen Denkens hat das aber nichts zu tun. Logik braucht Kausalität. Also: Hat der Schiedsrichter keinen Elfmeter gepfiffen und wir finden auch kein Foul, dann sagen wir auch nix und lassen das Spiel weiterlaufen.
Oder wie in Mainz: Hat der Schiedsrichter einen Elfmeter gepfiffen, wir finden aber nichts, dann offenbart sich ein logischer Widerspruch zum Regelwerk. Mit zwei Optionen: Der VAR sagt Schiedsrichter Ittrich, das war kein Foul, und Ittrich nimmt den Strafstoß zurück. Oder: der VAR bittet den Schiedsrichter raus an den Spielfeldrand, um sich die Bilder selbst anzuschauen.
Das sind die einzigen zwei Handlungsempfehlungen, die logisch möglich sind. In Mainz aber passiert das, was in Amerika alternative Facts/Truth genannt wird: Der VAR sieht nix, also zumindest kein Foul, und weil er minutenlang auf den Bildern kein Foul erkennen kann, ist das Nichts die Begründung für den Elfmeter für Mainz, der das Spiel mutmaßlich vorentscheidet.
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Elvis Rexhbecaj ist kein Fan vom VAR.

Fotocredit: Getty Images

Selbst die KI hält wenig vom VAR 

Ich habe mir am Wochenende mal den Spaß erlaubt und die KI befragt zum VAR. Ich habe also gepromptet, wie das Neudeutsch heißt. Das hat mit Journalismus nichts zu tun, es ist nur eine Spielerei. Aber auch der VAR hat ja mit Schiedsrichterei offenbar nicht mehr viel zu tun.
Also befrage ich die KI, wie oft der VAR seit Einführung 2017/18 selbst "offensichtliche Fehlentscheidungen und falsche Korrekturen in einer Saison" (so mein Prompt) produziert hat und die KI nennt mir eine "zweistellige Anzahl von Fällen" im Schnitt. Sagen wir also zehn, vielleicht zwanzig Mal, in denen der "Keller" sich minutenlang die Bilder ansieht und das Offensichtliche nicht sehen will oder kann.
Genau das ist der Unterschied zur Tatsachenentscheidung eines Schiedsrichters auf dem Feld, der es eben nicht besser gesehen hat. Auch ärgerlich, aber für jeden Spieler, Trainer, Zuschauer am Ende verständlicher, richtiger. Logisch kann das nur heißen: Dieser VAR muss weg, ganz schnell. Das sagt auch Elvis Rexhbecaj. Recht hat er. 

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ZUR PERSON: THILO KOMMA-PÖLLATH
Der Sportjournalist und Buchautor ("Die Akte Hoeneß") beleuchtet in seinem wöchentlichen Blog all das Geschehen in der Fußball-Bundesliga für Eurosport.de. Oft skeptisch, ironisch, kritisch - aber einer muss schließlich den Ball flach halten.

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