Der LIGAstheniker: Eta, c'est moi - wie sehr verändert die neue Trainerin von Union Berlin die Bundesliga?

Union Berlin sendet beim Debüt der ersten Cheftrainerin der Bundesliga trotz der 1:2-Niederlage gegen den VfL Wolfsburg ein Lebenszeichen. Positiv auch, dass die Eisernen vom ewig gestrigen "Feuerwehrmann"-Denken Abstand nahmen. Der LIGAstheniker fragt sich in seinem Kommentar jedoch: Wie sehr kann Marie-Louise Eta die Bundesliga verändern, in deren Stadien immer noch Sexismus pur vorherrscht?

Eta zum Bundesliga-Debüt: "Bin natürlich enttäuscht"

Quelle: Perform

Liebe Fußballfreundinnen und -freunde, total interessant, wie sich der Mensch gerade in den Einzelfall verbeißt, wenn das große Ganze in Schieflage gerät. Dieser eine Orangefarbene im Weißen Haus, dieser eine Buckelwal in der Ostsee, diese eine Trainerin in der Bundesliga - der ersten Fußball-Profiliga der Männer hierzulande, möchte man anfügen, um das Ausstellungsmerkmal noch zu erhöhen.
Die Frau als Faszinosum, so als hätte man noch nie zuvor eine Frau auf einem Fußballplatz gesehen. Selbst die "New York Times" oder "The Atlantic" berichten groß über die neue Cheftrainerin von Union Berlin, Marie-Louise Eta.
Woher kommt diese Schaulust, die progressiv wie regressiv geprägt ist? Die einen wollen Eta unter allen Umständen siegen sehen, andere warten nicht einmal auf das erste Spiel um sie in übelster Form menschlich und sexistisch herabzuwürdigen.
Was passiert da gerade? Kann Eta den Fußball vielleicht sogar grundlegend verändern?
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Eta bei ihrer Premiere am Samstag

Fotocredit: SID

Etas erstes Spiel: Union aus dem Koma erweckt

Marie-Louise Eta hat ihr erstes Spiel als verantwortliche Trainerin absolviert und obwohl die Begegnung gegen den VfL Wolfsburg verloren ging, war die mediale Reaktion durchweg positiv.
Das hat vor allem erst einmal mit dem Spiel selbst zu tun. Union war die bessere Fußballmannschaft, man hatte das Spiel verloren, aber die Spielstatistik gewonnen. In beinahe jeder Einzelauswertung war Berlin das bessere Team: mehr Torschüsse, mehr Pässe, höhere Passgenauigkeit, mehr Ballbesitz.
Die unter Steffen Baumgart komatösen Eisernen sind aufgewacht, gingen ins Risiko, wollten das Spiel gewinnen. Am Ende siegte Wolfsburg, weil Union mehr Fehler machte. Soviel zum Technischen.
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Fußball: Marie-Louise Eta (Union Berlin) bei ihrem Debüt als Cheftrainerin für Union Berlin im Bundesliga-Spiel gegen den VfL Wolfsburg mit Aljoscha Kemlein

Fotocredit: Getty Images

Eta: Debüt in einer voraufgeklärten Welt

Für den Fußball war das Spiel ein historischer Moment, wie überall zu lesen war. Weil eine Frau am Spielfeldrand stand. Das reicht heute schon. Eta selbst wollte diesen Moment auf ein ganz normales Fußballspiel herunterkochen, das konnte ihr nicht gelingen.
Und doch: Marie-Louise Eta ist über den Fußball hinaus eine Vorreiterin, weil der Fußball oft genug zur Schau stellt, dass das Stadion eine ganz eigene, beinahe voraufklärerische Welt darstellt, in die der gesellschaftliche Fortschritt nur allmählich eindringt.
Spieler, die anders aussehen als der weiße CIS-Mann, werden bis heute rassistisch beleidigt (Fragen Sie mal Serhou Guirassy).
Oder die Pyroshow der Hamburger "Fans" am Wochenende beim Nordderby in Bremen: Leuchtraketen werden gezielt auf Spielfeld, Spieler und gegnerische Fans geschossen, nur mit viel Glück ist nichts passiert. Pyro ist in deutschen Stadien verboten und findet doch jede Woche statt. Wie geht das?
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Krawalle nach Nordderby in Bremen

Fotocredit: Getty Images

Sexismus-Debatte: Kann der Fußball eine Vorreiterrolle einnehmen?

Dies also ist die Welt, in der plötzlich eine Frau Cheftrainerin wird. Das muss man sich erst einmal trauen. Da wird mit anderen Bandagen gekämpft als etwa, aus aktuellem Anlass, im Literaturbetrieb.
Dort beklagen sich gerade Autorinnen, dass sie von einem Literaturkritiker im TV "sexistisch" verrissen werden - wobei Kritik an einem Buch, sei sie auch noch so deftig formuliert, nicht per se Sexismus ist.
Was man dagegen im Fußballstadion hört, ist Sexismus pur, den Marie-Louise Eta über sich ergehen lassen muss.
Andererseits gilt auch: Können Kritiker in der anstehenden Schlussphase der Saison Marie-Louise Eta konstruktiv in ihrer Eigenschaft als Trainerin bewerten, ohne dass gleich die Sexismus-Karte gezogen wird? Im Literaturbetrieb geht das offenbar nicht, hier könnte der Fußball auf einmal eine Vorreiterrolle in der Gesellschaft einnehmen.
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Kompany freut sich über Eta-Beförderung: "Ein Schlüsselmoment"

Quelle: SID

Abschied vom "Feuerwehrmann" à la Funkel

Für mich ist die Personalie Marie-Louise Eta nicht deshalb revolutionär, weil Eta eine Frau ist, in solchen Kategorien denke ich nicht. Kein vernünftiger Mensch kann gegen Eta etwas haben, wenn sie alles mitbringt für den Job, wenn sie ihn "kann".
Eta ist vor allem deshalb spektakulär, weil der Klub damit auf besondere Weise deutlich macht, dass der ideenlose und oft genug erfolglose Ruf nach dem "ewigen Feuerwehrmann" ein Ende findet.
Für den Fußball der Zukunft sind Friedhelm Funkel, Felix Magath & Co. wahrlich keine echte Lösung mehr. Neue Trainer braucht das Land - und wie es aussieht, haben sie in Zukunft auch ein Doppel-X-Chromosom.

Kommentare bei Eurosport.de geben stets ausschließlich die Meinung des/der jeweiligen Autors/Autorin wieder, nicht die der gesamten Redaktion.

ZUR PERSON: THILO KOMMA-PÖLLATH
Der Sportjournalist und Buchautor ("Die Akte Hoeneß") beleuchtet in seinem wöchentlichen Blog all das Geschehen in der Fußball-Bundesliga für Eurosport.de. Oft skeptisch, ironisch, kritisch - aber einer muss schließlich den Ball flach halten.

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"Lese keine Kommentare": Eta äußert sich zu Hass im Netz

Quelle: Perform


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