Sandro Wagner und der FC Augsburg sterben in Schönheit - der LIGAstheniker fragt sich: Wie lange geht das noch gut?
Update 27/10/2025 um 11:59 GMT+1 Uhr
Sandro Wagner ist ohne Frage der schönste Trainer der Bundesliga - sein FC Augsburg stirbt aktuell allerdings in Schönheit. Nach der höchsten Heimniederlage in der Geschichte des Vereins und der anschließend durch Wagner zur Schau gestellten Renitenz in Taktik-Angelegenheiten fragt sich der LIGAstheniker: Wie lange geht das wohl noch gut? Eine Glosse von Thilo Komma-Pöllath.
Wagner nach 0:6-Klatsche enttäuscht: "Dann wäre der Job echt cool"
Quelle: Perform
Liebe Fußballfreundinnen und Freunde,
Schöne Menschen haben es einfacher im Leben, glaubt die Haus-Esoterik. Im Bewerbungsgespräch, an der Supermarktkasse oder im Fernsehen. Ob auch auf der Trainerbank ist aktuell die Frage, die sich stellt. Sandro Wagner ist sicher der schönste Trainer der aktuellen Bundesliga-Saison.
Seine Eloquenz und sein Selbstbewusstsein weckten riesige Erwartungen bei Fans, Klub und Medien, die der schöne Sandro jetzt einlösen soll, ja muss. Da kommt die höchste Heimniederlage der professionellen Fuggerfußballgeschichte natürlich recht ungelegen. 0:6 zu Hause gegen Leipzig und was sagt der Jungtrainer auf der Post-Spiel-PK: "Wir können's!"
Das ist erfrischend und weltfremd zugleich und gerade deshalb drehen die Medien hohl. "Doppelpass"-Kritiker Effe Effenberg versteht die Welt nicht mehr, "BILD" spricht von der "Wagner-Krise" und Wagner selbst sagt, wir machen genau da weiter.
So aufregend war die Augsburger Puppenkiste lange nicht mehr.
Kann der FCA modernen Fußball spielen?
Sandro Wagner, das wird schnell klar, will sich auch in der peinlichsten Niederlage nicht verzwergen oder kleinmachen, worauf die Fußball-Öffentlichkeit aber seit Bundesligagründung besteht.
Diese verlangt in eben solchen Situationen das Büßergewand und wer sich das nicht umwerfen will, gilt als verdächtig und renitent. Wer sich noch an den Spieler Sandro Wagner erinnert, weiß, dass er seine Persönlichkeit reichlich in Renitenz gebadet hat.
Wagner will in Augsburg anders Fußball spielen lassen, anders als alle vor ihm. Nicht aus einer kompakten Defensive heraus, sondern mit hohem Pressing. Er will so spielen, wie die Großen spielen, quasi State of the Art.
Er will derjenige sein, der den modernen Hochgeschwindigkeitsfußball nach Augsburg gebracht hat, darunter macht er es nicht. Aber: Genau das trauen ihm die Kritiker nach Spieltag 8 und Tabellenplatz 15 nicht mehr zu.
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FC Augsburg gegen RB Leipzig
Fotocredit: Getty Images
Sandro Wagner sagt: "Wir können’s!"
Es ist also mitnichten so, dass Wagner keine klare Spielidee vor Augen hätte, wie man das sonst im Tabellenkeller antrifft. Der Zweifel besteht darin, dass man den Augsburger Profis nicht zutraut, das Wagner-Spiel auch spielen zu können. Und so gibt sich Sandro Wagner nach den Spielen wie ein trotziges Kind: "Wir können's!"
Als Augsburg gegen Bayern Ende August recht gut mitspielte und im Vergleich zum Leipzig-Spiel zu Hause überschaubar verlor, meinte Wagner - ich paraphrasiere - seine Spieler seien auf jeder Position qualitativ so gut besetzt wie bei den Bayern. Das hat Kopfschütteln verursacht, Wagner wurde danach ein viel zu großes Ego vorgeworfen, Hybris und Eitelkeit.
Und auch wenn das alles nicht ganz so stimmen mag, könnte man ihm ja zugutehalten, dass er versucht, seine Jungs starkzureden, vielleicht auch stärker zu reden, als sie sind. Welche Alternative bleibt ihm schon, wenn Augsburg keine anderen Spieler im Kader hat?
Wagners Psychotaktik macht dann Sinn, wenn stimmt, was ich kürzlich gelesen habe: "Mentalität schlägt Talent immer!" Ist das so?
Realitätsverschiebung in Augsburg
Wenn ja, dann liegt Wagner richtig. Zumindest dann, wenn die Augsburger auf dem Feld den Beweis antreten, dass starkgeredete Spieler auch stärker spielen. Und nicht heillos überfordert wirken wie gegen Leipzig.
Ist die Kluft zu groß zwischen dem, was der Trainer denkt, was seine Jungs spielen können und dem, was seine Jungs tatsächlich spielen können?
Dann findet allerdings eine Realitätsverschiebung statt, die man in Umrissen schon erkennen kann. Wenn Sportdirektor Benjamin Weber sagt, man werde das Wagner-Projekt so lange durchführen, "bis es klappt", fragt man sich als Beobachter umgehend: Und was, wenn nicht?
Alles auf das Wagner-Projekt gesetzt!
Einen Plan B gibt es offenbar weder in der Personalführung noch sportlich auf dem Feld. Auch das mag man ja konsequent nennen, soviel Überzeugung ist irgendwie auch cool, oft endet das aber im Frontalcrash.
Dass Weber wiederum nicht öffentlich an Wagner herumsägen will, ist auch logisch. Er war es, der Wagners Vorgänger Jess Thorup die Stadiontür wies, obwohl der FCA letztes Jahr lange seine allerbeste Saison überhaupt spielte und nur knapp am Europapokal vorbeischrammte.
Man wollte den Glamour dieses Wagner-Projekts unbedingt, jetzt hat man ihn und muss dafür die Realität ein bisschen hin- und herschieben.
Was noch deutlich anspruchsvoller ist als das Hin- und Herschieben der Restverteidigung, von der in Augsburg gerade viel die Rede ist.
Wagner in Augsburg - wie lange noch?
Und so bleibt für den FC Wagner wohl nur noch diese Option: entweder die Augsburger spielen sehr schnell so, wie es ihr Trainer glaubt, dass sie es können.
Oder der Trainer wird sich schon bald einem neuen Klub anschließen können, der so viel Eloquenz und Schönheit einfach besser wertzuschätzen weiß.
Kommentare bei Eurosport.de geben stets ausschließlich die Meinung des/der jeweiligen Autors/Autorin wieder, nicht die der gesamten Redaktion.
ZUR PERSON: THILO KOMMA-PÖLLATH
Der Sportjournalist und Buchautor ("Die Akte Hoeneß") beleuchtet in seinem wöchentlichen Blog als das Geschehen in der Fußball-Bundesliga für Eurosport.de. Oft skeptisch, ironisch, kritisch - aber einer muss schließlich den Ball flach halten.
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