Schalke 04 feiert Aufstieg unter Trainer Miron Muslic - Hoffnung in Gelsenkirchen und Zweifel am nachhaltigen Erfolg

Der Aufstieg von Schalke 04 bewegt nicht nur Fans, sondern eine ganze Stadt. In Gelsenkirchen steht der Klub für Hoffnung in schwierigen Zeiten. Der LIGAstheniker blickt in seiner Glosse mit viel Gefühl auf die Rückkehr der Königsblauen. Unter Trainer Miron Muslic hat sich vieles verändert. Doch nach vielen Rückschlägen bleibt die Frage: Kann Schalke diesmal dauerhaft in der Bundesliga bestehen?

Schalke nach Bundesliga-Aufstieg im Rauch: "Der S04 ist wieder da"

Quelle: SID

Liebe Fußballfreundinnen und Freunde,
ich habe mich an dieser Stelle oft genug über den Fußballklub Schalke 04 lustig gemacht, meistens ob seiner realitätsverweigernden Größenwahnsinnigkeit und dann gucke ich gestern spätabends noch die "Tagesthemen" und plötzlich ergreift mich ein zärtliches Gefühl.
In einem Beitrag, was der Aufstieg des Klubs für den Ort Gelsenkirchen bedeutet, kommt plötzlich der Gastwirt Ulf Timmermann ins Bild und erklärt mit Dackelblick: "Wir haben nicht soviel, was schön ist".
Das, was er meint, erklärt der Schalker Ultra Nico Stahl keine zwanzig Sekunden später: "Schalke macht Gelsenkirchen schön". Wem geht da nicht das Herz auf für einen Ort, dessen Arbeitslosigkeit bei 15 Prozent liegt und die Bahnhofstraße als No-Go-Area gilt.
Und jetzt die Jubelbilder und Bierduschen der Kicker und wieder einmal muss der Fußball retten, was sozial in Schieflage geraten ist. Das ist auf Schalke oft genug doppelt schiefgegangen. Aber geben wir ihnen einen neuen Versuch, den haben sie sich nun wirklich verdient.

Schalke 04 - eine Art Anti-Bayern

Schalke spielt wieder Bundesliga. Das ist ein Satz, der in seiner ganzen Tiefenlogik so stimmig ist wie "Bayern steht wieder im Champions League-Halbfinale". Ein Klub, der eben mehr ist als die Summe seiner Spieler oder Erfolge, ein Klub, der erst den größten denkbaren Misserfolg braucht, um ganz zu sich zu kommen.
Insofern sind die Schalker eine Art Anti-Bayern. Die Liga, schon jetzt ganz erregt ob der Rückkehr der "Blauen", die der Autor dieser Rubrik einmal als die "Untrainierbaren" bezeichnet hat. Damals, als sie noch das schmierige Geld von Gazprom aus Russland nahmen und ein gewisser Herr Tönnies Präsident war. Lange her.

Schalke: Die Untrainierbaren malochen wieder

Dass Schalke untrainierbar sei, stimmt so auch nicht mehr. Dafür musste erst einer kommen, den kaum einer kannte: Miron Muslic aka "Miron Maiden", wie ihn der "Spiegel" nennt wegen seiner intensiven Spielidee ("wie eine Metal-Band im Dauerpogo") die im Wesentlichen aus vier Versatzstücken besteht: Hohes Anlaufen, Gegenpressing, Mann gegen Mann, Zurückarbeiten.
Um das Klischee zu bedienen: Auf Schalke wird endlich auch auf dem Rasen wieder malocht.

Muslic - der Trainer ist die Schlüsselfigur

Ein No-Name also hat den Schalke-Code geknackt. Das meine ich gar nicht böse oder abschätzig. Ein Bosnier, der in einem österreichischen Hotelzimmer groß geworden ist, wie ich gelesen habe, und der sich, wie er am Wochenende kundtat, selbst für einen guten Tänzer hält, wenn türkischer Hip-Hop gespielt wird.
Und doch spricht er, als wäre er im "Pott" geboren. "Hart und ehrlich arbeitend", so definiert er seine Mentalität, das mag wieder nach Klischee klingen, aber nach einem, das nirgends so gut ankommt wie hier. Mit dieser Attitüde hat sich Muslic aus den Niederungen des Profifußballs, der zweiten österreichischen Liga (SV Ried), der zweiten belgischen Liga (Cercle Brügge) und der zweiten englischen Liga (Plymouth Argyle) jetzt bis in die Bundesliga hochgespielt. Das verdient Respekt!

Kann Schalke Bundesliga?

Hat Schalke aber dauerhaft das Potenzial für diese erste Liga? Nicht als Fahrstuhlmannschaft, das wäre die größte Enttäuschung für die Timmermanns und Stahls, die mit dem Aufstieg auch eine Perspektive ersehnen und bloß nicht bald schon wieder enttäuscht werden wollen.
Im Sport ist das mit den Enttäuschungen so eine Sache. Aber ein Fingerzeig könnte das Spiel beim Tabellenzweiten Elversberg von Mitte April liefern. Es war das Spiel, das die Meisterschaft in der zweiten Liga vorzeitig entschied. Schalke lag früh hinten – unglücklich. In der zweiten Hälfte gab es eine fragwürdige, wohl auch nachweislich falsche Gelb-Rote für Moussa Ndiaye – unverdient. Und doch gelang den Muslic-Mannen (genauer: Moussa Sylla) in Unterzahl noch der entscheidende Siegtreffer – das neue Schalke?

Schalker Band zwischen Team und Fans

Ist das der Geist aus dem die Schalker Träume in der kommenden Spielzeit gespeist werden? Muslic meinte am Wochenende, man habe den Menschen wieder etwas gegeben, was verloren gegangen war: "Ein Band zwischen Mannschaft und Fans". Wäre schön, wenn die ehemals Untrainierbaren dieses Band nicht selber wieder durchschneiden würden. Glück auf!

Kommentare bei Eurosport.de geben stets ausschließlich die Meinung des/der jeweiligen Autors/Autorin wieder, nicht die der gesamten Redaktion.

ZUR PERSON: THILO KOMMA-PÖLLATH
Der Sportjournalist und Buchautor ("Die Akte Hoeneß") beleuchtet in seinem wöchentlichen Blog all das Geschehen in der Fußball-Bundesliga für Eurosport.de. Oft skeptisch, ironisch, kritisch - aber einer muss schließlich den Ball flach halten.
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