Der LIGAstheniker - Trügerische Trainer-Liebe: Wird die Bundesliga in Sachen Entlassungen plötzlich vernünftig?

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Vertrauen statt Aktionismus: Die Bundesliga-Klubs zeigen aktuell, dass sie doch anders können als ihnen nachgesagt wird. In der Spielzeit 2025/26 wurden erst drei Trainer entlassen. So wenige wie seit Jahren nicht. Gut so, findet der LIGAstheniker. Auch Mainz sollte trotz der immer größer werdenen Krise diesem Trend folgen. Denn die Probleme liegen woanders. Ein Kommentar von Thilo Komma-Pöllath.

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Quelle: Perform

Liebe Fußballfreundinnen und -freunde,
Vertrauen ist gerade das ganze große Thema. Das Vertrauen in die Politik der Regierung und Kanzler Friedrich Merz ganz persönlich, das Vertrauen der Wirtschaft in wirksame Reformen, das Vertrauen der Jungen gegenüber den Alten in Punkto Rente, das Vertrauen von uns allen in ein Land, das von Spaltung bedroht ist.
Wohin man schaut, das Vertrauen scheint zu schwinden. Und dann kommt ausgerechnet der Milliardenbetrieb "Bundesliga" daher und zeigt wie Vertrauen doch noch gelingen kann.
Wenigstens im Moment. 12 Spieltage sind absolviert, also mehr als ein Viertel der Saison, und die Bundesliga verzeichnet so wenige Trainerentlassungen wie seit vielen Jahren nicht mehr. Drei sind es bis dato – Leverkusen (Erik ten Hag), Gladbach (Gerardo Seoanes), Wolfsburg (Paul Simonis) -, aber dort, wo es um die Erstligaexistenz geht, folgen die Klubs ihren Übungsleitern zumeist ohne großes Säbelrasseln.
Und das nicht nur zu Recht, sondern auch aus gutem Grund: Die Trainer sind in Heidesheim, Mainz und bei St. Pauli nicht das Problem.

Ausrufezeichen gegen Bayern: Besser kann St. Pauli nicht spielen

Genau dafür bot der 12. Spieltag passgenaues Anschauungsmaterial. Oder wie würden Sie den Auftritt von St. Pauli bei den Überbayern beschreiben? Mit ein bisschen mehr Spielglück, das man gegen eine Weltklasse-Elf wie den FCB offenbar nicht hat, wäre sogar ein Sieg drin gewesen.
Selten hat ein prognostizierter Absteiger den Bayern auf eigenem Geläuf aufgezeigt, wie man sie zuhause bespielen muss. In der zweiten Hälfte taten sich die Bayern schwer, überhaupt Chancen herauszuspielen. Und wenn Paulis Louis Oppie in der 90. Minute trifft, wäre die zweite Niederlage der Bayern binnen einer Woche wohl besiegelt gewesen.
Tabellarisch war es das ungleiche Spiel zwischen einem Tabellen-17. gegen den Ersten, aber sportlich war es beinahe Augenhöhe, was angesichts der Budgetunterschiede beider Klubs ziemlich phänomenal ist.
"Die Mannschaft lebt", meinte Paulis Trainer Alexander Blessin nach dem Spiel, genau das hatten die 80.000 auch im Stadion gesehen. Besser kann Pauli gar nicht Fußball spielen, welchen Sinn also sollte ein Rauswurf Blessins haben?

Frank Schmidt in Heidenheim: 18 Jahre Frischluftzufuhr

Reden wir über den Tabellenletzten nach dem 11. Spieltag, den 1. FC. Heidenheim. Frank Schmidt ist dort als Dienstältester Trainer der Liga schon so lange auf der Bank, dass man natürlich leichtfertig von außen sagen könnte, die brauchen mal wieder eine Frischluftzufuhr.
Was aber, wenn der Mann, der seit 18 Jahren an der Seitenlinie steht, selbst die Frischluftzufuhr des Klubs ist? Und welch besseren Beweis, als die Art und Weise wie der Sieg bei Union Berlin zustande kam, kann Schmidt liefern? Union führte bis zur 90. Minute, dann aber drehten ausgerechnet Schmidts Wechsel das Spiel: Erst Stefan Schimmer, dann Jan Schöppner, danach drehten die Heidenheimer hohl. Und das völlig zu Recht.
Schmidt sprach danach von einem "Marathon" und meinte damit die Gesamtsaison mit allen 34 Spieltagen. Ich habe noch nie gehört, dass man mitten in einem Marathon einen Aktiven mit einer derartigen "Grundlagenausdauer" aus dem Spiel nimmt.
Anders als bei jedem anderen Bundesliga-Standort wird es in Heidenheim auf Sicht keine Trainer-Diskussion geben – gut möglich, dass genau das am Ende den Unterschied macht - zugunsten des Klassenerhalts.
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Frank Schmidt gelang mit Heidenheim ein Befreiungsschlag

Fotocredit: Getty Images

Mainz hat ein Sturmproblem, kein Trainer-Problem

Anders die Situation in Mainz, aktuell Tabellenletzter. Trainer Bo Henriksen steht nach dem 0:4 gegen Freiburg vor dem Aus, so ist zu lesen.
Jener Henriksen, der Mainz im Februar 2024 übernommen hatte, als der Verein ähnlich prekär dastand. Und danach wirbelte der Däne mit seinem Offensivstil die Mainzer bis auf Platz 6 und in den europäischen Fußball hoch. Ist das alles schon wieder vergessen, ausgerechnet in Mainz?
Ob es richtig ist Hendriksen durch den U-23-Coach Benjamin Hoffmann zu ersetzen, wie der "kicker" mutmaßt, sei einmal dahingestellt. Warum müssen selbst im einst mal beschaulichen Mainz die üblichen Marktgesetze greifen, wenn man weiß, dass die Probleme eigentlich andere sind?
Gegen Freiburg war Mainz früh einen Mann weniger und dass der einzige Torschuss der Mainzer in der 82. Minute auch viel damit zu hat, dass sie ihren Starstürmer Jonny Burkardt (jetzt Eintracht Frankfurt) bis heute nicht adäquat ersetzt haben, zeugt von einem Stürmer-, keinem Trainerproblem.

Vertrauensfrage für Land & Liga

Es ist mindestens kurios, dass sich die Liga, die sich in den letzten Jahren auch international einen Namen darin gemacht hat, ihre Trainer vorschnell zu entlassen, heute deutlich mehr in Geduld und Vertrauen übt, während die englische Premier League, die frühe Trainerentlassungen in einer Saison kaum kannte, mit vier Rausschmissen gerade einen neuen Rekord aufgestellt hat.
Vielleicht mag das naiv sein, ganz sicher ist es das, aber vielleicht kann das Land wieder ein bisschen Vertrauen fassen angesichts dieser Liga.

Kommentare bei Eurosport.de geben stets ausschließlich die Meinung des/der jeweiligen Autors/Autorin wieder, nicht die der gesamten Redaktion.
ZUR PERSON: THILO KOMMA-PÖLLATH
Der Sportjournalist und Buchautor ("Die Akte Hoeneß") beleuchtet in seinem wöchentlichen Blog als das Geschehen in der Fußball-Bundesliga für Eurosport.de. Oft skeptisch, ironisch, kritisch - aber einer muss schließlich den Ball flach halten.
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Quelle: Perform


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