Real Madrid gegen VfL Wolfsburg: Trainer-Experiment Zidane gescheitert?

Zinédine Zidane mimt den Coolen. Seine Ernsthaftigkeit trägt er ja immer zur Schau, aber die Reaktion aufs 0:2 im Viertelfinal-Hinspiel der Champions League beim VfL Wolfsburg war schon erstaunlich: die Ruhe selbst. Obwohl ihn Dieter Hecking austrickste. Geht es nun erneut schief, steht alles in Frage. Ein Scheitern Reals wäre auch ein Scheitern des Trainer-Experiments Zidane.

Eurosport

Fotocredit: Eurosport

Vier Jahre ist es her, dass eine spanische Sporttageszeitung mit einem deutschen Titelblatt warb. Der FC Bayern München reiste zum Halbfinal-Rückspiel der Champions League gegen Real Madrid, ein 2:1-Vorsprung im Gepäck, und "Marca" textete in blinkenden Lettern: "90 Minuten im Bernabéu sind lang!“
Dieser mythisch verklärte Ausspruch soll auf Juanito beruhen, einer inzwischen verstorbenen Real-Legende. Bevor der VfL Wolfsburg heute Abend (ab 20:45 Uhr im Liveticker auf Eurosport.de) sein sensationell erspieltes 2:0 verteidigen will, beschwören sie in Spanien die 90 Bernabéu-Minuten im Allgemeinen und madrilenische Aufholjagden im Speziellen. 13 Mal verlor Real im Europapokal mit zwei oder mehr Toren - und setzte sich achtmal durch.
Diesmal geht's allerdings um mehr als die bloße Vermeidung eines Viertelfinal-Ausscheidens. Vor allem für Zinédine Zidane, den Trainer.

Großer Spieler nicht automatisch großer Trainer

Als Spieler war der Franzose ein Heros, dreimaliger Weltfußballer, Welt- und Europameister, Champions-League-Sieger. Als Verantwortlicher steht Zidane ganz am Anfang, seit Januar macht er den Job bei Real, es sind seine ersten Gehversuche im Profibereich. Dafür mag die Erfahrung als Aktiver nicht hinderlich sein, eine Gebrauchsanweisung zum Erfolgscoach aber ist sie nicht.
Zidane hat in seiner Real-Rolle deutlich öfter gewonnen als verloren, am Wochenende mit 4:0 über den SC Eibar und zuvor 2:1 beim FC Barcelona. Dieser Clásico-Triumph war sein bislang wichtigster, weil größter Sieg, er beruhigte jene Zweifler, die es wagten, Zidanes Trainer-Eignung zu diskutieren.
Aber dann kam das 0:2 von Wolfsburg. Eine Niederlage wie ein Donnerhall, schmachvoll und blamabel. Schon schrie "El Mundo" in die Runde: "Bleibt Zidane, wenn Madrid gegen Wolfsburg ausscheidet?"
Präziser hätte es heißen müssen: Darf Zidane bleiben?

Dieter Hecking, Ex-Profi von Hessen Kassel

Die Schlappe verarbeitete der Novize bemerkenswert gelassen, mit ernster Miene zwar, aber die trägt er ja immer zur Schau. Vor dem zweiten Vergleich mimt er erneut den Coolen. "Natürlich spüren wir Druck, aber wir machen uns keine Sorgen", sagt er, seine Worte sind gestützt vom Glauben ans Team, das "genau weiß, was zu tun ist".
Die Bedeutung der Partie kann und will er dennoch nicht kleinreden.
Beim entwaffnend peinlichen 0:2 wirkte seine Mannschaft beleidigt vom Umstand, überhaupt in der VW-Arena antreten zu müssen. Hier Real Madrid. Dort der VfL Wolfsburg. Hauptstadtkultur gegen Provinzmief, so ungefähr war das, nicht nur auf dem Rasen. Vor den Trainerbänken spiegelte sich der Kontrast genauso wider: Hier Zidane, die Ikone, Ex-Profi von Juventus Turin und Real. Dort Dieter Hecking, Ex-Profi von Hessen Kassel und Waldhof Mannheim, Ex-Coach des VfB Lübeck und von Alemannia Aachen.
Allein: Hecking hat Erfahrung. Ihm gelang es mit vergleichsweise simplen Mitteln, Zidane zu übertölplen; Startelf-Debütant Bruno Henrique war so eines. Bruno Henrique! Den Namen kannten sie in Madrid nicht einmal. Zidanes Antwort war unzureichend. Er ist halt Berufsanfänger.

Zidane und die größte anzunehmende Blamage

Eine Rechtfertigung für den möglichen K.o. ist das keine. Nicht gegen "Wolfsburgo", in der Bundesliga 36 Punkte hinter Bayern rangierend, und nicht gegen Hecking, bei allem Respekt. Die Fallhöhe ist gewaltig.
Zidanes Inthronisation für Rafael Benítez war eine mutige Entscheidung der "Königlichen". Bedeutet im Umkehrschluss: Scheitert Real, scheitert Zidane. Die Spanier setzen ihre Hoffnung in hohe Heimsiege unter seiner Ägide, 5:0 über Deportivo La Coruña, 6:0 über Espanyol Barcelona, 7:1 über Celta Vigo. Kaum stellten sich stärke Kontrahenten vor, sah es anders aus: 2:0 im CL-Achtelfinale gegen den AS Rom, 0:1 in der Liga gegen Atlético Madrid.
So sind auch die besungenen Aufholjagden eher eine Sache für die Bücher; die meisten verankern sich in den 1980er Jahren. Der FC Bayern ließ sich 2012 jedenfalls weder vom drohend deutschen "Marca"-Titel noch von der Hölle Bernabéu aufhalten. Schafft Wolfsburg nun Ähnliches, steht das Zidane-Experiment infrage. Nach exakt 100 Tagen Dienstzeit.
Mehr als 3 Mio. Sportfans nutzen bereits die App
Bleiben Sie auf dem Laufenden mit den aktuellsten News und Live-Ergebnissen
Download
Diesen Artikel teilen
Werbung
Werbung