Real Madrid - Wolfsburg: Taktik-Check: So wird das Wunder von Wolfsburgin der Champions League real
VonLuca Baier
Publiziert 12/04/2016 um 08:42 GMT+2 Uhr
Nach dem überraschenden 2:0-Erfolg im Hinspiel steht der VfL Wolfsburg vor dem Rückspiel im Viertelfinale der Champions League am Dienstagabend bei Real Madrid (ab 20:45 Uhr im Liveticker) vor einem Höhepunkt der bisherigen Vereinsgeschichte. Eurosport.de analysiert, wie der Traum vom Halbfinale der "Königsklasse" real werden kann.
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Schritt 1: Die Anfangsphase überstehen
Die Zuschauer im Bernabeu mögen den Ruf als Operettenpublikum haben. Doch: Geht es in der "Königsklasse" oder im Clasico wirklich um etwas, sind die Fans da. Nicht wenige Mannschaften sind im vom Publikum unterstützten Sturmlauf in der Anfangsphase überrollt worden.
Wolfsburg darf auf keinen Fall den Fehler machen, sich von Beginn an zu weit nach hinten drücken lassen. Heißt: Auch wenn Real die Außenverteidiger extrem weit vorschiebt, dürfen die offensiven Wolfsburger Flügelspieler – vermutlich Julian Draxler und Bruno Henrique – nicht in die Abwehrkette einreihen.
Das daraus entstehende 6-3-1-System wäre über die Halbräume sehr anfällig für gefährliche Hereingaben – besonders Cristiano Ronaldo lauert in solchen Situationen immer wieder am langen Pfosten und versucht dort, gegen die kopfballschwächeren Außenverteidiger in Luftzweikämpfe zu kommen. Zudem hätten die Strippenzieher der Madrilenen im Rückraum zu viel Zeit und Raum. Dass man Toni Kroos beides nicht geben sollte, bewies er im Dress der Nationalmannschaft erst vor Kurzem bei seinem Distanzschusstor.
Schritt 2: Konterchancen suchen – und nutzen
Im Hinspiel überzeugte Wolfsburg durch ein sehr kompaktes und aggressives Auftreten, das für viele Umschaltsituationen sorgte. André Schürrle, Draxler und Neuzugang Henrique stellten die "Königlichen" mit ihrem Tempo immer wieder vor Probleme. Klar ist: Auch im Rückspiel wird Wolfsburg zu Kontern kommen.
Je länger das Spiel dauert, desto mehr Spieler wird Real in bzw. an den gegnerischen Strafraum schicken. Hier kommt es vor allem auf das Zweikampfgeschick von Josuha Guilavogui, Luiz Gustavo und Maximilian Arnold an. Doch ein gewonnener Zweikampf ist nur die halbe Miete: Damit die Balleroberer sich nicht im Gegenpressing der Königlichen verlieren, müssen Anspielstationen geschaffen werden.
Gerade hinter den weit aufrückenden Außenverteidigern wird es viel Raum für Wolfsburgs Sprinter geben. Sollte Schürrle erneut als einzige Spitze beginnen, könnte er sich bei gegnerischem Ballbesitz weit auf eine Seite orientieren, um nach Ballgewinn direkt als erste Anspielstation frei zu sein – im körperbetonten Infight mit Sergio Ramos und/oder Pepe dürfte der Weltmeister nämlich schlechte Karten haben.
Schritt 3: Ballbesitz als Verteidigung
Wolfsburg muss einen 2:0-Vorsprung verteidigen. Das heißt jedoch nicht, dass sie das ganze Spiel über verteidigen müssen. Jedenfalls nicht im klassischen Sinn. Bei einer solchen Ergebniskonstellation neigt die Mannschaft in Vorsprung oft dazu, das Spiel zu destruktiv anzugehen. Wolfsburg sollte diesen Fehler nicht machen, sondern Real selbst vor defensive Herausforderungen stellen.
Im Hinspiel haben die Niedersachsen bewiesen, dass sie trotz der grundsätzlichen Konterstrategie auch Phasen des ruhigen Ballbesitzes einstreuen können. Besonders Arnold tat sich hier mit seiner Ballsicherheit hervor und wird dementsprechend auch im Rückspiel wichtig werden. Zusammen mit dem ebenfalls spielstarken Gustavo muss er das Spiel lenken, während Guilavogui sich entweder auf die Absicherung konzentriert oder aber mit seinen energischen Läufen in die Spitzen Räume schafft.
Weil Reals Offensivspieler kaum mit nach hinten arbeiten, kann Wolfsburg – vorausgesetzt sie bleiben angesichts der Atmosphäre und der ungewohnten Situation ruhig – den Ball über die Sechser und die aufrückenden Außenverteidiger geduldig zirkulieren lassen. Reals nicht immer kompaktes Pressing und der Druck, unbedingt einen Rückstand aufholen zu müssen, dürften dann durchaus zu einigen überhasteten Defensivaktionen der Madrilenen führen. So rücken Ramos oder Casemiro gerne weit aus der Grundposition heraus, um einen schnellen Ballgewinn zu erzwingen.
Eurosport-Check: Lässt sich Wolfsburg zu früh hinten rein drücken und bekommt ein frühes Gegentor, dürfte der Druck und die individuelle Klasse der Königlichen zu groß werden. Gelingt es Dieter Hecking jedoch, seiner Mannschaft die nötige Ruhe zu geben, kann der Underdog seine Stärken in dieser Konstellation eigentlich perfekt ausspielen. Das oft und gerne verwendete Bild eines angeschlagenen Boxers passt hervorragend zu diesem Spiel: Übersteht Wolfsburg die wilden Attacken und setzt den entscheidenden Nadelstich, sind sie im Halbfinale. Anderenfalls könnte der wankende königliche Riese doch nochmal kräftig zuschlagen.
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