Heiß auf den Henkelpott: Diese 5 Dinge muss der FC Bayern verbessern
Die Meisterschaft will der FC Bayern München am Wochenende im Vorbeigehen klar machen. Viel wichtiger aber: Die richtigen Lehren aus dem Sieg beim FC Sevilla in der Champions League zu ziehen. Dort hatten sich vor allem im ersten Durchgang einige Schwachstellen aufgezeigt, an denen die Heynckes-Elf jetzt arbeiten muss – sonst wird es nichts mit einer Lustreise nach Kiew im Mai.
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Schon klar: Am Samstag will der FC Bayern München beim FC Augsburg deutscher Meister werden. Vom Fokus der Spieler her ist das Bundesliga-Gastspiel in Bayrisch-Schwaben aber nur die Gurke im Sevilla-Sandwich – bereits am Mittwoch steht nach dem 2:1 in Spanien das Rückspiel und der mögliche Halbfinal-Einzug an.
Dass dafür schon mehr als ein Schritt getan ist, macht Bayern dieser Tage zwar selbstbewusst, aber nicht euphorisch. Als Lehre aus Sevilla blieb nämlich vor allem ein Satz von Trainer Jupp Heynckes hängen:
Für einen erfolgreichen Ausflug nach Kiew (Finale am 26. Mai) muss Bayern in nahezu allen Mannschaftsbereichen weitere Prozente draufpacken.
Verbesserungspotenzial gibt es vor allem in folgenden fünf Punkten.
1. Ergänzungsspieler müssen sich aufdrängen
Sevilla hat gezeigt: Bayerns Kaderdecke hat aktuell eben doch Grenzen. Fällt beispielsweise David Alaba kurzfristig aus, kann ihn Juan Bernat in derzeitiger Verfassung nicht zufriedenstellend ersetzen, muss es aber im Zweifel drauf haben.
Mit drei unpässlichen Ausnahmespielern (Neuer, Alaba, Coman) hat es eben auch Bayern manchmal schwer, in Schwung zu kommen.
Weitere Unverzichtbare auf dem Weg Richtung Kiew: Javi Martínez (als Abräumer), Franck Ribéry (seit Kingsley Coman fehlt) und Robert Lewandowski.
Die Einsätze dieser drei muss Heynckes mit Pausen in der Bundesliga bis Saisonende wohl dosieren, darf ihnen aber auch nicht den Rhythmus rauben.
Hummels sagte in Sevilla:
Steigerungspotenzial: Für Spieler wie Juan Bernat, Rafinha, Arturo Vidal, Sebastian Rudy, Corentin Tolisso oder Sandro Wagner heißt es: Gas geben und schnell den Anschluss an die Konkurrenz finden; sonst könnte Bayern auf der Zielgeraden personell die Luft ausgehen.
2. Besser auf Pressing reagieren
Bayerns Mittelfeld hatte in Sevilla zu Beginn große Probleme mit dem Pressing der Hausherren, die den deutschen Rekordmeister im 4-4-2 auf unterschiedlicher Höhe gut getimed anliefen.
Weil sich Javi Martínez und Arturo Vidal zu oft im Deckungsschatten der Pressingspieler bewegten und so schlecht angespielt werden konnten, lag die Bürde des Spielaufbaus bisweilen alleine auf den schmalen Schultern Thiagos – oder die Innenverteidiger spielten direkt nach vorne, was jedoch aufgrund der Distanz zur vorderen Reihe zwangsläufig häufiger zu Ballverlusten führte.
"Die erste Halbzeit ging natürlich an Sevilla, weil wir zu viele Ballverluste in der Vorwärtsbewegung hatten", analysierte Heynckes. "Im Mittelfeld waren wir nicht geordnet, sind nicht rechtzeitig zurück in unsere Positionen gekommen."
Weil Thiago meist sehr tief positioniert den Ball entgegen nehmen musste, stimmten wiederum die Abstände zu den Offensivspielern nicht – Lewandowski hing so ziemlich in der Luft, die dahinter spielten "zu oft quer" (Müller).
Im Fall bayrischer Ballverluste waren die Abstände zwischen den Bayern-Spieler dann aber wiederum zu groß, um effektiv ins Gegenpressing zu kommen und Bälle sofort zurückerobern zu können.
"Schlecht organisiert", nannte das Franck Ribéry. "In der ersten Halbzeit sind wir im Mittelfeld nicht in den Rhythmus gekommen und haben defensiv nicht gut gearbeitet", tadelte Heynckes, hatte glücklicherweise aber die Lösung selbst parat - per Wechsel:
Besser wurden Spielaufbau und Gegenpressing der Bayern tatsächlich erst, als James (kam für den am Knie angeschlagenen Vidal, 35.) als Bindeglied zwischen Thiago und Angriffsreihe fungierte und die offensiven Halbräume besser besetzte.
Heynckes notierte zufrieden:
De facto halbierten sich nach der Pause die Fehlpässe in der Mitteldistanz (18 vor der Pause, 10 nach der Pause), zudem steigerte sich die Passquote im Angriffsdrittel von 71 auf 86 Prozent, wenngleich Bayern am Ende "nur" auf 58 Prozent Ballbesitz kam (61 Prozent in Halbzeit eins). Dafür schnellte in Halbzeit zwei aber auch die Zweikampfquote von 43 Prozent auf 53 nach oben.
Steigerungspotenzial: Vidal kann im Vollbesitz seiner Kräfte sicher besser agieren als am Dienstag, ist aber im Positionsspiel auch nicht der Verlässlichste. Vor allem wird sich aber Martínez steigern und in den großen Spielen aktiver am Spielaufbau teilnehmen müssen. "Es ist eine wichtige Sache, das Pressing des Gegners immer wieder zu durchbrechen – auch gegen die Gegner, die da noch kommen, falls wir das Halbfinale erreichen", mahnte Hummels.
3. Tempo in den Halbräumen
Thiago war in Sevilla durch seinen Kopfball, der von Sergio Escudero zum 2:1 abgefälscht wurde (68.), der Matchwinner, was auf der Tribüne von gleich einer ganzen Reihe Familienmitglieder (u.a. Vater Mazinho) frenetisch bejubelt wurde.
Während Vidal als zweikampfstarker Spieler vor allem Heynckes' Sorgen um die eigene Defensive befrieden sollte, sorgte der aktuell einzige spanische Nationalspieler der Bayern vor allem für Ruhe und Struktur, im Offensivdrittel – zum Teil aus schon benannten Gründen – fehlte es ihm aber an Power und Entschlossenheit.
"Wir haben in der ersten Halbzeit unser zielstrebiges Spiel nach vorne vermissen lassen obwohl in den Halbräumen eigentlich relativ viel Platz war", bemängelte Thomas Müller:
Mit dem ersten Kontakt ist Thiago zwar der stärkste Bayern-Spieler und kann so immer ein wenig Platz zwischen sich und seinen Gegenspieler bringen; richtig spritzig im Eins-gegen-Eins ist der ehemalige Guardiola-Jünger ("Thiago oder nix") aber selten, was ihn als Abschlussspieler ausrechenbar macht.
James geht da schon mit ganz anderer Dynamik ans Werk, der Kolumbianer kann auch mal einen Gegenspieler stehen lassen und aus der Distanz gefährlich schießen – Attribute, die Bayern in der K.o.-Phase der Champions League dringend benötigt.
Müller hingegen kann, wenn er auf den rechten Flügel versetzt wird, nicht in seiner Paraderolle als Raumdeuter glänzen – außer er macht außen den Weg für Kimmich frei und setzt sich dann in die Mitte ab.
Sein Laufweg vor Thiagos 2:1 verdeutlichte eben das – da zog der Bayer nämlich das Interesse gleich mehrerer Sevillaner auf sich, Thiago nutzte den freigemachten Raum.
"In der zweiten Halbzeit haben wir mehr aufs Tempo gedrückt und den Gegner hinten rein gedrängt, da hat es schon besser ausgesehen", sagte Müller.
Nach der Halbzeitpause habe man gezeigt, "dass wir in der Lage sind, wirklich bis zum ganz großen Triumph mitzuspielen", sagte Hummels:
Steigerungspotenzial: Vidal und Thiago müssen an ihrer Präsenz im Angriffsdrittel arbeiten. Sevilla zeigte aber auch, dass Bayern James in seiner aktuellen Top-Form auf einer der beiden Halbpositionen braucht; zumindest sollte Müller die gegnerische Defensive als zentral aufgebotener "falscher Achter" beschäftigen.
4. Lewandowski auswärts besser einbinden
In der Allianz Arena schießt Robert Lewandowski reihenweise Gegner ab, auswärts jedoch zeigt der Mittelstürmer bisweilen ein anderes Gesicht (19 CL-Tore zuhause für Bayern, 9 auswärts - 4 davon gegen Top-Teams).
Seine Leistung gegen Sevilla beschreibt man am besten in einem Wort: blass.
Ohne Bindung zu den Mitspielern und in der Mitte schlichtweg zugedeckt, musste sich der Pole teilweise an der Außenlinie anbieten, um überhaupt Anspiele zu kommen.
Nur neun Ballkontakte in Halbzeit eins (28 am Ende) sprachen eine deutliche Sprache – zumal Lewandowski auch nicht im Spiel gegen den Ball überzeugte, sondern den Gegner teilweise nur halbgar anlief oder sogar vorher zurückzog.
Seinen einzigen nennenswerten Torabschluss (von zwei) hatte der 29-Jährige erst nach 83 Minuten, als er links im Strafraum freigespielt wurde, aber rechts neben das Tor schlenzte. Ansonsten war's ein Abend zum Vergessen.
Steigerungspotenzial: Will Bayern in der Champions League nach dem Henkelpott greifen, braucht es Lösungen, den Mittelstürmer auch auswärts und nicht nur über Außen mit Bällen füttern zu können – und von Lewandowski eine andere Einstellung zur Defensivarbeit. Sonst steht mit Wagner eine zwar weniger brillante, aber immer motivierte und einsatzfreudige Alternative bereit.
5. Die ganze Breite des Platzes nutzen
Auch acht Jahre nach Louis van Gaal ist Bayerns Spiel immer noch vor allem über die Flügel angelegt – wohl dem, der (noch) Spieler wie Franck Ribéry und Arjen Robben in seinen Reihen hat, die stark mit ihren Hintermännern Alaba und Kimmich harmonieren.
Am gefährlichsten ist Bayern meistens dann, wenn einer der Außenspieler Fahrt aufnehmen und gegen einen isolierten Gegenspieler ins Eins-gegen-Eins gehen oder frei flanken kann. Diese Situationen lassen sich am besten durch geschicktes Passspiel und vor allem durch schnelle Spielverlagerungen heraufbeschwören.
Gegen Sevilla (und auch in Leipzig) wurden diese schnellen Spielverlagerungen jedoch zu selten forciert. Boatengs Diagonalbälle – die Alternative zum Klein-Klein über Mittelfeldstationen – fanden ihr Ziel meist nicht, durch die Probleme im Spielaufbau war im ersten Durchgang zudem die Spielauslösung zum Kurzpassspiel blockiert.
"Wir wollen immer den Ball haben, immer Fußball spielen. Wenn wir dann mal einen Tag haben, an dem das nicht so gut klappt, wird es eben gefährlich", sagte Hummels.
Die Folge: "Wir hatten zwar mehr Ballbesitz, haben uns aber oft auskontern lassen und hatten leichtfertige Ballverluste", analysierte der Innenverteidiger die heikle Spielphase zwischen der 10. und 37. Spielminute.
Denn:
Vorbildlich war im ersten Durchgang lediglich die schnelle Passstaffette vorm 1:1, als Boateng erst Müller fand und dieser schnell in die Mitte auf James weiterleitete. Der wiederum spielte Ribéry links im Korridor frei – das erhoffte Eins-gegen-Eins war so heraufbeschworen und führte prompt zum Ausgleich (37.).
Nach der Pause lief der Ball dann endgültig flüssiger, Sevilla rannte phasenweise nur von links nach rechts und zurück dem Ball hinterher. "In der zweiten Halbzeit haben wir es viel besser gemacht", befand auch Boateng:
Steigerungspotenzial: Spielt Bayern "asynchron", weil nur mit einem echten Außenstürmer, müssen trotzdem so oft wie möglich beide Außenlinien besetzt sein, um das Spiel komplett in die Breite ziehen und den Gegner so verwunden zu können. Dazu muss dann aber auch der Spielaufbau passen und die entsprechende Passsicherheit da sein.
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