Manuel Neuer schmunzelte kurz. "Man tut ja, was man kann", sagte der Schlussmann des FC Bayern München über seine zehn parierten Torschüsse beim 3:1 gegen den FC Salzburg in der Champions League.

Wie beim 6:2 im Hinspiel, als Neuer bereits acht Bälle hielt, brachte der 34-Jährige die Salzburger auch in München reihenweise zur Verzweiflung.

Champions League
Arbeitssieg in Unterzahl beschert Bayern schon den Gruppensieg
25/11/2020 AM 22:00

"Die Qualität von Neuer war zu groß", musste sich Salzburg-Coach Jesse Marsch eingestehen.

Die Bayern hingegen atmeten durch, wohlwissend, bei wem sie sich zu bedanken hatten: Neuer. "Er macht es einfach sensationell, hat wahnsinnige Reflexe", lobte Trainer Hans-Dieter Flick: "Ich bin wirklich froh, dass er aktuell in dieser Form ist."

Drei Dinge, die uns beim Spiel in München auffielen.

1. Neuer holt Bayern zwei Bonus-Spiele raus

Kein Alphonso Davies, kein Joshua Kimmich. Kein Niklas Süle, kein Tanguy Nianzou Kouassi und auch kein Bouna Sarr. Kein Corentin Tolisso – und Lucas Hernández (Hüftprellung) angeschlagen nur auf der Bank. Keine Frage: Im Defensivverbund fuhr Flick mit der Viererkette Pavard, Boateng, Alaba und Richards schon fast das letzte Aufgebot auf.

Kein Wunder, dass der Gegner am Ende erneut in zweistelliger Anzahl aufs Bayern-Tor feuerte (5:11 Schüsse aufs Tor). Auch nicht weiter verwunderlich: Salzburg traf nur einmal.

Ursache: Manuel Neuer. Der Bayern-Keeper, seit Monaten in ausnehmender Form, hielt erneut herausragend. Egal, aus welcher Distanz oder welchem Winkel – Neuer war zur Stelle. Nur einmal nicht, als Mergim Berisha frei vor ihm auftauchte (73.). Da stand es aber schon 3:0 für Bayern.

Trainer Flick schwankte nach Schlusspfiff zwischen Sorge um die wackelige Defensive und Bewunderung für seinen Kapitän zwischen den Pfosten. Einerseits stießen dem Coach einfachste Ballverluste – unter anderem von den erfahrenen Benjamin Pavard und David Alaba, vor dem Gegentor auch vom leichtsinnigen Leroy Sané – sauer auf.

"Wir haben uns den Weg etwas schwierig gemacht, weil wir viele leichte Ballverluste hatten", kritisierte Flick " Unkonzentriertheit" und "Leichtsinnigkeit" bei seinen Mannen: "Das sind Dinge, die so nicht passieren dürfen. Da waren wir etwas zu nachlässig. Da müssen wir einfach anders auf dem Platz stehen und von Anfang an bereit sein."

Andererseits rühmte Flick Neuers ausnehmende Form. "Manu spielt schon über ein Jahr, seit ich Trainer bin, sensationell. Er ist in der Form seines Lebens, wenn man so will", meinte der 55-Jährige: "Was er für eine Ruhe ausstrahlt – wenn ein gegnerischer Stürmer auf ihn zukommt, wird es immer verdammt schwierig, ein Tor zu machen. Da wird das Tor immer, immer kleiner."

24 Torschüsse hat Neuer in vier Champions-League-Spielen diese Saison pariert – ein Wert, der zweierlei aussagt: Neuer hat's raus, Bayerns Defensive geht aber auch auf dem Zahnfleisch.

Gut für Flick: Mit vier Siegen aus vier Spielen hat Bayern bereits Gruppenplatz eins perfekt gemacht. Wenn man so will, hat Neuer den Bayern durch seine Paraden nun zwei "Freispiele" beschert.

Nächsten Dienstag bei Atlético und am 9. Dezember gegen Lok Moskau kann Flick nun etwas freier rotieren lassen und einige Starspieler schonen – ein nicht zu verachtender Vorteil in vollgepackten Wochen bis zur Mini-Winterpause um Weihnachten.

2. Roca und Richards: Debüts mit Licht und Schatten

Flick raufte sich zurecht die Haare. Das Champions-League-Debüt von Marc Roca, 23, Sommer-Neuzugang von Espanyol Barcelona, dauerte nur 66 Minuten. Dann sah der Spanier, der am Mittwoch seinen 24. Geburtstag feiert, wegen wiederholten Foulspiels die Gelb-Rote Karte.

Tief in der Salzburger Hälfte war der schon Gelb verwarnte defensive Mittelfeldspieler der Bayern dem Ex-Bundesliga-Legionär Zlatko Junuzovic etwas übermotiviert auf den Schlappen gelatscht. Die Ampelkarte war gerechtfertigt.

Bis dato hatte der Joshua Kimmich wohl am nächsten kommende Ersatz, der sich im Spielaufbau oft zwischen die Innenverteidiger fallen lies und von dort das Spiel aufzog, eine ordentliche Leistung gezeigt. Roca bot sich oft an, blieb auch unter Gegnerdruck cool und überzeugte vor allem durch sein enorm sicheres Passspiel (60 von 63 Pässen zum Mitspieler).

"Marc hat ein gutes Debüt gemacht, er kann sehr zufrieden sein", resümierte Flick und hatte sich auch schon in Sachen Platzverweis beruhigt: "Über seine Gelb-Rote Karte ärgert er sich wahrscheinlich am meisten. Wir haben's sehr gut weggesteckt."

Neben Roca hatten Bayerns Verletzungsprobleme derweil auch Chris Richards, 20, zum Champions-League-Debüt verholfen. Weil Flick David Alaba nicht aus der Innenverteidigung lösen (und auf Javi Martínez innen setzen) wollte, musste der Innenverteidiger der Drittligameister-Reserve auf der linken Seite aushelfen und machte das zumindest ordentlich.

Chris Richards zwischen Thomas Müller (l.) und Robert Lewandowski

Fotocredit: Getty Images

Wohlgemerkt: Richards ist gelernter Innenverteidiger, sein rechter Fuß der stärkere: Als Linksverteidiger hatte der Amerikaner für Bayern II erst ein einziges Mal gespielt (im Dezember 2019).

Unter diesen Voraussetzungen gesehen, unterliefen dem 20-Jährigen defensiv – anders als Alaba oder Pavard – keine gröberen Schnitzer, auch wenn er statistisch nur fünf von elf Zweikämpfen gewann. Nach vorne konnte Richards kaum Akzente setzen; da ist Bayern von Davies oder Hernández anderes gewohnt.

Richtig sicher wurde der Amerikaner erst ab der 63. Minute, als Hernández für Pavard kam und Richards auf die rechte Seite wechseln konnte. 15 Minuten später war sein Königsklassen-Debüt dann vorbei. "Zum Ende hin hat er Wadenprobleme bekommen", verriet Flick. Zukunft bei den Profis: erstmal weiter nur als Notnagel.

3: Sané bleibt Bayerns Edelkarosse

Viertes Champions-League-Spiel, viermal ohne Leroy Sané in der Startelf – Flick lässt den deutschen Nationalspieler international weiterhin nur behutsam von der Leine.

Das hat vor allem damit zu tun, dass Bayern Sané nach dessen 2019 erlittenen Kreuzbandriss und der jüngsten Kapselverletzung auf keinen Fall zu viel aufbürden möchte; zum anderen aber auch damit, dass Flick aktuell Kingsley Coman und Serge Gnabry in Bayerns Flügelranking noch vor Sané sieht.

Der 24-Jährige akzeptiert das so weit und zeigt seine Klasse eben in Kurzeinsätzen – das vorentscheidende 3:0 gegen Salzburg (68.) war bereits sein viertes Jokertor seit 24. Oktober für die Bayern.

Leroy Sané (l.) mit Kingsley Coman

Fotocredit: Getty Images

Wie Lewandowski (Abstauber zum 1:0, 43.) und Coman (beschwor das Eigentor von Maximilian Wöber zum 2:0 herauf, 52.) besticht Sané dabei vor allem durch Effektivität; er braucht nicht viele Chancen. Bayern reichten gegen Salzburg in Halbzeit zwei drei Abschlüsse für zwei Tore.

"Mit der Effizienz bin ich sehr zufrieden und hinten haben wir einen Weltklassetorwart stehen. Das sagt schon alles", bilanzierte Flick. So kann er auch Sané, bei Bayern zuletzt am 31. Oktober beim 2:1 in Köln in der Startelf und noch nie über die vollen 90 Minuten eingesetzt, weiter wie einen außerordentlich teuren, aber anfälligen Rennwagen behandeln.

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