Real Madrid - Manchester City: Taktik-Check vor dem Champions-League-Halbfinale - Darum ist Real so stark
VonLuca Baier
Publiziert 26/04/2022 um 10:27 GMT+2 Uhr
Vor dem Hinspiel im Halbfinale der Champions League übt sich Carlo Ancelotti in Zurückhaltung. Ungewohnte Töne vonseiten des Trainers von Real Madrid, die aber angesichts der Herangehensweise auf dem Platz komplett ins Bild passen. Wir analysieren vor dem Duell mit Manchester City, warum die Königlichen in "ihrem" Wettbewerb wie ein Außenseiter spielen und dennoch schier unschlagbar scheinen.
Reals Dreiergespann im Mittelfeld war auch gegen PSG ein Erfolgsfaktor
Fotocredit: Getty Images
Plötzlich Understatement: "Niemand hätte gedacht, dass wir im Halbfinale stehen können."
Ancelottis Aussage in der Pressekonferenz vor dem Hinspiel gegen Manchester City klingt erst einmal ungewohnt - schließlich ist er der Trainer des Rekordsiegers in der Königsklasse. Doch irgendwie gefällt man sich in Madrid in der Rolle des vermeintlichen Außenseiters. "Wir sind diese Kaliber gewohnt und haben bereits gegen Favoriten dieses Wettbewerbs die Oberhand behalten", spielte Ancelotti auf die Duelle gegen Paris Saint-Germain und Chelsea an.
Real tritt in der Champions League gegen gute Gegner in der Tat wie ein Außenseiter auf. Ancelotti hat der Mannschaft vermittelt, dass sie lange Phasen der Unterlegenheit aushalten können - und wollen. Das nominell offensive 4-3-3 stellt sich auf dem Platz deutlich defensiver dar. So steht Karim Benzema als vorderster Spieler nur knapp höher als die Mittellinie, beide Flügelstürmer unterstützen das Dreiermittelfeld und verfolgen bei Bedarf auch die offensiven Außenverteidiger bis an die eigene Grundlinie.
Real überlässt dem Gegner den Ballbesitz und verteidigt im Raum. So bekommt man im ersten Moment keinen Druck auf den Ball. Dies ändert sich aber schlagartig, wenn der Gegner ins vordere Drittel eindringt. Hier packen die Madrilenen mit aller Härte zu. David Alaba und Eder Militao agieren als Innenverteidiger extrem mutig und aggressiv. Immer wieder treten sie aus der Viererkette heraus und gehen auf den direkten Ballgewinn, anstatt den Gegner nur zu stellen.
Staubsauger Casemiro kommt dann zum Doppeln und sorgt dafür, dass kein gegnerischer Offensivkünstler durchs Zentrum dribbeln kann - im Zweifel per Foul. Das weiße Ballett ist bereit, sich die Hände schmutzig zu machen.
Kroos und Modric als Antwort auf ein taktisches Problem
Da die Flügelstürmer wie beschrieben weit zurückgedrängt werden, stellt sich die Frage: Wie will man da nach Ballgewinn kontern? Nominell bleibt nur Benzema als Anspielstation vorne, die Wege für Vinicius Jr. und sein Gegenüber (heute vermutlich Valverde) scheinen schlichtweg zu weit, um nach der Balleroberung torgefährlich zu werden.
Die Antworten auf dieses Problem an der Taktiktafel heißen Toni Kroos und Luka Modric. Gewinnt Real den Ball, passiert dies meist in unmittelbarer Nähe der beiden Achter, sodass sie anschließend schnell umschalten können. Weil beide sogar unter höchstem Druck ruhig bleiben und die Übersicht behalten, geben sie den weiteren Offensivspielern nach Ballgewinn genug Zeit, um nach vorne zu sprinten - und plötzlich hat Real mindestens drei Konterspieler vor dem Ball. Während Kroos in diesen Situationen eher durch sein Passspiel glänzt, kann Modric auch mit seinen 36 Jahren noch schier schwerelos zwischen den attackierenden gegnerischen Mittelfeldspielern hindurchgleiten und das Spiel nach vorne tragen.
Rhythmuswechsel als Schlüssel in Ballbesitz
In eigenen Ballbesitzphasen wechselt Real zwischen sehr schnellen und sehr langsamen Angriffen. In der Regel schieben die Außenverteidiger hoch, binden die Flügelspieler des Gegners und schaffen so Platz für Kroos und Modric. Diese zeigen sich halblinks und halbrechts vor der Viererkette. Sie sollen die Bälle bekommen, nicht Casemiro. Der Brasilianer denkt bei eigenem Ballbesitz nicht daran, selbst anspielbar zu werden, sondern sucht sich eine Position zum Absichern eines möglichen Konters.
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Reals Dreiergespann im Mittelfeld war auch gegen PSG ein Erfolgsfaktor
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Kroos und Modric entscheiden dann, ob sie den Angriff schnell über die jeweilige Seite durchspielen. In diesen Fällen kommt zum Beispiel Vinicius Jr. kurz entgegen und will den Ball in den Fuß gespielt bekommen. Über kurze Dribblings oder Doppelpässe mit Benzema will Real über den Flügel durchbrechen.
Da immer schnell klar ist, über welche Seite der Angriff gehen wird, schieben die ballfernen Madrilenen schon frühzeitig Richtung Zentrum, sodass Real nach Ballverlust bestens abgesichert ist. Sie nehmen bewusst in Kauf, mit nur wenigen Spielern anzugreifen, vertrauen dabei aber einfach in die herausragende individuelle Qualität der Offensivspieler.
Und wird es doch einmal eng und man braucht ein Tor, bringen sie doch zwei oder drei Akteure mehr ins Angriffsdrittel. Das sorgt plötzlich für mehr Wucht, die gerade im Rückspiel im heimischen Bernabéu eine überraschende und erdrückende Wirkung haben kann. Dann segelt auf einmal Flanke um Flanke in den gegnerischen Strafraum und es scheint nur eine Frage der Zeit zu sein, bis der Druck zu groß wird und ein Tor fällt.
Eurosport-Check:
Real wird auch bei Manchester City kein offensives Feuerwerk abbrennen. Es wird (vermutlich sehr lange) Phasen geben, in denen sie hoffnungslos unterlegen scheinen. Dieser scheinbare „Verrat“ am eigenen Selbstverständnis spielt jedoch keine Rolle. Nicht bei Ancelotti, nicht bei den Spielern, nicht bei den Fans. Sie erwarten keine Wunderdinge - sondern Ergebnisse. Und die kann Real Madrid in dieser Saison immer holen. Dank harter Arbeit gegen den Ball und des Vertrauens in ihre unfassbare individuelle Klasse.
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Quelle: Perform
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