Mit ruhigem Schritt näherte sich Schiedsrichter Tobias Stieler der Paderborner Bank, um den aufgebrachten Ostwestfalen um Trainer Steffen Baumgart seine Entscheidung mitzuteilen.
Soeben hatte der 39-Jährige den Treffer zum 3:2 für den BVB durch Erling Haaland anerkannt.
Vorausgegangen waren handgestoppte 4:45 Minuten banges Warten und Diskutieren im Signal Iduna Park - im Ü-Wagen, dem Ort, an dem der Video Assistent Referee während DFB-Pokalspielen sitzt, studierte man derweil kalibrierte Linien, Super-Slow-Motions und Lupensequenzen.
DFB-Pokal
"Legende!" Baumgart für Wutrede im Netz gefeiert
03/02/2021 AM 09:49
Eine Entscheidung mit Nachhalleffekt, wie Baumgarts Wutrede vor laufenden TV-Kameras nach dem Spiel zeigte.

Das ist passiert

Was war passiert? Haaland hatte beim Zuspiel von Thomas Delaney auf der Abseitslinie gelauert und wurde seiner regelwidrigen Stellung letztlich auch durch Video-Assistent-Referee Matthias Jöllenbeck überführt. Dass der Treffer dennoch zählte, erklärte der offizieller Twitter-Account der DFB-Schiedsrichter noch in der Nacht nach dem Spiel wie folgt:
"Die Wahrnehmung des Schiedsrichter-Teams auf dem Platz war, dass der Paderborn-Spieler Svante Ingelsson durch ein bewusstes Berühren des Balles die vermeintliche Abseitsposition des BVB-Spielers Haaland aufgehoben hat."
Dass Stieler sich dieser Wahrnehmung nicht durch Ansicht der Bilder am Spielfeldrand vergewisserte, brachte Baumgart nach Spielende im Interview bei der "ARD" auf die Palme.
"So ein Spiel so abzugeben, daraus eine Berührung des Balles zu machen, ist frech. Nicht rauszugehen, um sich das anzugucken, das ärgert mich. Da machen wir uns zum Affen. Respekt bedeutet auch, sich den Scheiß anzugucken, und nicht den Kleinen wieder in den Arsch zu treten", wetterte Baumgart.
Doch liegt er damit richtig?

Stieler muss sich die Szene nicht ansehen

Baumgarts wütende Worte in Richtung des Unparteiischen sind zu großen Teilen der Emotion kurz nach Spielende geschuldet. Sicherlich sprach der Trainer auch einigen TV-Zuschauern aus der Seele. Mit der Aussage, Stieler hätte sich die Szene selber noch einmal anschauen müssen, liegt er jedoch falsch.
Der VAR hat neben der vermeintlichen Abseitsstellung Haalands nämlich auch die vermeintliche Berührung des Balles durch Ingelssons überprüft. Da die TV-Bilder zumindest nicht widerlegen konnten, dass der Paderborner den Ball berührte, wurde auch die Ursprungsentscheidung Stielers nicht gekippt.
Hätten die TV-Bilder den Eindruck vermittelt, dass Ingelsson den Ball nicht berührte, hätte Jöllenbeck seinem Kollegen ein On-Field-Review empfehlen können. Da dies aber nicht der Fall war, handelte Stieler durchaus regelkonform, indem er sich auf seine Wahrnehmung verließ - zu der im Übrigen auch die Akustik zählt.

Steffen Baumgart im Gespräch mit Tobias Stieler

Fotocredit: Getty Images

BVB-Spieler Emre Can sagte beispielsweise nach dem Spiel, er habe die Berührung "bis hinten gehört". Gut möglich, dass Stieler, der deutlich näher an Ingelsson stand als Can, ebenfalls akustische Eindrücke in seine Entscheidung mit einfließen ließ.
Stieler hätte seine Wahrnehmung aber durchaus anhand der TV-Bilder am Monitor überprüfen können, was die ganze Situation im Nachhinein vermutlich entschärft hätte.

Warum dauerte die Überprüfung so lange?

"Also bitte, wir stehen da sieben Minuten, frieren uns den Arsch ab - und dann so eine Entscheidung?", beschwerte sich Baumgart im Hinblick auf die lange Überprüfungsdauer etwas überspitzt. Tatsächlich dauerte es 4:45 Minuten, bis die endgültige Entscheidung stand. Der Grund: Der VAR hatte zwei Szenen zu begutachten - und beide waren denkbar knapp.
Zunächst wurde überprüft, ob BVB-Stürmer Haaland bei Delaneys Ballabgabe im Abseits stand. Dies kann schon mal dauern, weil die kalibrierten Linien ausgerichtet werden müssen und zusätzlich der Abspielzeitpunkt framegenau ermittelt werden muss.
Anschließend galt es zu verifizieren, ob Ingelsson das Spielgerät noch vor Haaland berührte oder nicht, denn bei einer Berührung, hätte er eine vermeintliche Abseitsstellung aufgehoben.
Ein schwieriger Akt, denn die Flugrichtung des Balles veränderte sich kaum, auch an der Rotation konnte mit bloßem Auge keine Berührung festgestellt werden.
Es ist durchaus nachvollziehbar, dass eine Überprüfung einer derart kniffligen Szene in einem K.o.-Spiel, in dem es um viel Geld geht, länger dauert.
Wäre Stieler zusätzlich noch an den Monitor getreten, hätten sich die von Baumgart gefühlten "sieben Minuten" noch weiter verlängert.
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