Die Giftpfeile fliegen schärfer denn je, die Schlammschlacht der zerstrittenen DFB-Führung wird immer schmutziger - nur einer schweigt (noch): Fritz Keller. Dabei ist es der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes, der nach seinem unsäglichen Nazi-Vergleich eigentlich besonders im Fokus stehen müsste.
Doch die Spitzenfunktionäre verlieren sich in immer mehr Nebenkriegsschauplätzen, sogar die DFL mischt nun mit - der deutsche Fußball gibt mit seinem unwürdigen Schmierentheater gut einen Monat vor der EM ein desaströses Bild ab.
Zwar wird dieser Tage eine öffentliche Erklärung Kellers erwartet. Dem Vernehmen nach ist ein sofortiger Rücktritt des 64-Jährigen mittlerweile aber unwahrscheinlich, er will sich vor dem DFB-Sportgericht erklären. Der Vorsitzende Richter Hans E. Lorenz ging am Mittwoch gegenüber dem "SID" davon aus, dass Kellers schriftliche Stellungnahme bis Ende der Woche eintreffen werde. Danach will die Ethikkammer über den weiteren Vorgang des nicht öffentlichen Verfahrens beraten, mit einem Urteil rechnet Lorenz "in der zweiten Maihälfte".
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Keller könnte sich also trotz des großen Drucks noch länger im Amt halten - was auf den ersten Blick verwunderlich scheint. Ein DFB-Boss, der seinen Vize Rainer Koch in einer Sitzung am 23. April mit Nazi-Richter Roland Freisler verglich, der sich als erster Präsident vor dem Sportgericht des Verbandes verantworten muss, dem am Sonntag von den Landesverbänden das Vertrauen entzogen und ein Rücktritt nahegelegt wurde. Doch längst geht es beim DFB eben nicht nur um die Personalie Keller, die Führung ist komplett zerrissen.

Koch klagt an

Das zeigte nun der pikante Briefwechsel zwischen dem immer umstritteneren DFB-Vizepräsidenten und oberstem Amateurvertreter Koch und Christian Seifert, dem Geschäftsführer der Deutschen Fußball Liga (DFL) und wichtigstem Wortführer des Profifußballs. Deren gegenseitigen Schuldzuweisungen bedeuteten eine neue Eskalationsstufe.
Mit einem achtseitigen Schreiben, das dem "SID" vorliegt, antwortete Koch in aller Schärfe auf einen Brief Seiferts. Er klagte darin "verbale Ausfälle Ihrerseits mir gegenüber in Präsidiumssitzungen" an, in der vergangenen Sitzung habe sich "nicht nur Herr Keller mir gegenüber unsäglich verhalten". Und die vorangegangenen Anschuldigungen Seiferts seien "frei erfunden", schrieb Koch.
Der DFL-Chef hatte den Präsidenten des Bayerischen Fußballverbandes zuvor zu einer Stellungnahme aufgefordert, da Koch Details hinsichtlich "möglicher Pläne der DFL" zur strukturellen Zerschlagung des DFB sowie "beruflicher Perspektiven" Seiferts, der im kommenden Jahr die DFL verlassen wird, verbreitet haben soll.
Und Seifert schoss scharf. Man löse die "offenkundigen Probleme" des DFB "nicht durch den Aufbau imaginärer Feindbilder und abenteuerlicher Verschwörungstheorien, sondern durch seit Langem überfällige strukturelle und personelle Reformen", hieß es in dem Brief, aus dem das "ZDF" und der "Kicker" zitierten.

DFB braucht für einen Neuanfang eine personelle Veränderung

Auch Seifert legt dem DFB einen klaren personellen Schnitt nahe. Generalsekretär Friedrich Curtius und Schatzmeister Stephan Osnabrügge hatten die Bereitschaft zu einem Abschied schon angedeutet, auch bei Keller wird dies mittelfristig unausweichlich sein. Nur Koch wehrt sich vehement, dabei ist er besonders in der Bredouille. Schließlich war einer der Hauptgründe des Machtkampfs ein hochdotierter und fragwürdiger Vertrag mit einem Kommunikationsberater, den Koch laut "Süddeutscher Zeitung" schon lange kennt.
Um in dieser verworrenen Gemengelage mit tiefen Gräben aufzuräumen, scheint eine Sondersitzung des DFB-Vorstandes immer dringender. Nach dem Bundestag ist der Vorstand, in dem die Mitglieder des Präsidiums und der Landesverbände sowie zwölf Vertreter der DFL sitzen, das zweithöchste Gremium des Dachverbandes.
Sollte der Vorstand für einen Rückzug aller zerstrittenen DFB-Führungskräfte stimmen, wäre der Weg für einen Neuanfang frei. Es ist wohl der einzige Ausweg aus dieser Schlammschlacht.
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