Laola-Welle in Lemberg

Knapp vier Wochen hat EM-Reporter Dirk Adam aus Polen und der Ukraine berichtet. Auf seiner Reise hat er unvergessliche Erfahrungen gesammelt, eine Menge spannende Spiele gesehen und die Menschen in beiden Ländern ins Herz geschlossen. Hier seine persönlichen Tops & Flops.

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Schade, dass es nicht fürs Finale gereicht hat. Das Ticket nach Kiew war bereits gebucht, aber Deutschland scheiterte wieder einmal an Angstgegner Italien. So heißt es Koffer packen und von Warschau zurück nach Deutschland fliegen.
Was bleibt, ist die Erinnerung an ein wunderbares Turnier. Daumen hoch vor allem an Polen. Das Land war ein perfekter Gastgeber mit tollen Stadien, bemerkenswerten Menschen und sensationellen Fans. Ebenso die Ukraine, die leider immer noch mit vielen Problemen zu kämpfen hat.
Kein Problem: "Dobrze, dobrze"
Polen ist Europa und Europa ist Polen. Das habe ich nicht nur in Danzig gespürt, wo das deutsche Nationalteam bis zum Halbfinale seine Zelte aufgeschlagen hatte, sondern ebenso in Warschau. Die Städte sind schön, sehr schön sogar - mit einer reichhaltigen Geschichte, die auch Deutschland auf unschöne Weise geprägt hat.
Umso bemerkenswerter war die Geste von DFB-Präsident Wolfgang Niersbach, der Polen die Hand reichte und während des Turniers den ersten Opfern des Zweiten Weltkriegs an der Westerplatte gedachte. Beeindruckend war auch seine Rede. Niersbach sprach von Dankbarkeit und Glück, dass Deutschland an diesem Ort wieder willkommen sei.
Daumen hoch auch für die lockere Lebenseinstellung der Polen, die viele Dinge nicht so verbissen sehen. Übergepäck am Flughafen - kein Problem, es war ja auch Fußball-EM. Mit einem Zwinkern winkte mich die freundliche Dame am Gepäckschalter durch. Ebenso der Taxifahrer, der keine Visa-Karte akzeptierte, mir die fehlenden 20 Zloty auf dem Weg zum Stadion aber erlassen hatte. "Dobrze, dobrze", höre ich ihn noch rufen.
Angst vor dem System
Wunderbar ist das Gefühl von Freiheit, dass ich in der Ukraine nicht immer verspürte habe. Vielleicht nur einmal, als ich in Lemberg ein Paar hüftsteife Rentner auf der Parkbank gewinnen konnte, eine Laola-Welle zu starten (einfach mal das Video anklicken). Mit meinen minimalen Russisch-Kenntnissen konnte ich den müden Gliedern wieder Leben einhauchen. Ein wunderbarer Moment. Das hatten die Alten noch nie erlebt. Ehrlich gesagt, ich auch nicht.
Vieles andere in der Ukraine wirkte hingegen altkommunistisch. Vor allem Charkow zeigte sich nicht von seiner besten Seite. Stalinbauten und ein Lenin-Denkmal im Zentrum der Stadt prägten das Bild. Einmal hin und wieder weg. Das reichte. Zudem nervte die Passkontrolle am Flughafen. Überall Polizei und Security, die den Journalisten das Leben beim Einchecken zusätzlich schwer machten.
Diese übermäßige Polizei-Präsenz erinnerte ein wenig an die Zeit vor der Wende, wo im Allgemeinen Angst vorm System das Bild prägte. Von dieser Angst bekam ich in Lemberg wenig zu spüren, einer wundervollen Stadt, die zu den großen Entdeckungen dieses Turniers gehört und sich als Gewinner fühlen kann. Selbst die vereinzelten Timoschenko-Plakate verblassten vor der beeindruckenden Altstadt-Kulisse.
Finale zu Hause vor dem Fernseher
Überhaupt war diese EM eine gelungene Veranstaltung, das Turnier perfekt organisiert. Drei spannende Spiele in der Vorrunde gegen Portugal, die Niederlande und Dänemark. Besser war keine Mannschaft. Selbst das Viertelfinale gegen Griechenland war vielversprechend. Leider hatte Jogi Löw nicht den Mut aufgebracht, offensiver gegen Italien zu spielen, sonst wäre vielleicht mehr drin gewesen.
Die größte Enttäuschung war, dass man während des Spiels zu keiner Zeit den Eindruck hatte, dass Deutschland das Spiel noch einmal drehen und vielleicht doch ins Finale kommen kann. Genauso enttäuschend war das frühe Ausscheiden der beiden Gastgeberländer in der Vorrunde. So heißt es auch für mich - Koffer packen und ab nach Hause. Die EM ist für mich vorbei.
Natürlich nicht ganz. Das Finale zwischen Titelverteidiger Spanien und Italien schaue ich mir zu Hause im Fernsehen an. Dann werden alle Fotos ausgepackt - von den spannenden Spielen der Nationalmannschaft, vom wunderschönen Danzig, den polnischen Fans, vom netten Taxi-Fahrer, von Lemberg und natürlich den unglaublichen "Laola-Rentnern" aus der Ukraine, die gezeigt haben, dass Fußball manchmal wirklich alles ist und Menschen auf wunderbare Weise verbinden kann.
TV-Tipp:
Die EURO 2012 Show - die EM-Expertenrunde mit Patrick Kluivert, Thomas Berthold, Fredi Bobic, Rafa Benitez und Arsène Wenger analysiert vom 7. Juni bis 2. Juli immer um 20:00 Uhr LIVE die Geschehnisse in Polen und der Ukraine.
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