EM 2016: Österreich mit David Alaba besser als Portugal um Cristiano Ronaldo

Erstmals hat sich Österreich sportlich für eine EM qualifiziert. Die Teilnahme als Gastgeber endete historisch mies, war aber Startpunkt eines Prozesses. Acht Jahre später buchte das Team von Marcel Koller sein Frankreich-Ticket souverän, der Nationaltrainer ist eine von zwei Säulen des Erfolgs. Was jetzt machbar ist für Österreich? David Alaba glaubt an Großes. Die heimischen Fans plötzlich auch.

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Nicht überliefert ist, dass die kommenden Wochen in Frankreich mit Riesenslalom oder Skispringen gefüllt sind. Trotzdem wird der österreichische Berufssportler Julian Baumgartlinger freudigst vom "kicker" zitiert:
Also, Europameisterschaft. Im Fußball. Und Österreich, das stolze wie versierte Wintersportland, ist mittendrin mit seinen 23 besten Akteuren. Bei der bislang einzigen Teilnahme, 2008, garantierte die Ausrichtung eine automatische Startbucht, acht Jahre später verdiente sich Österreich sein Teilnehmer-Ticket sportlich. Am 14. Juni geht's gegen Ungarn, am 18. gegen Portugal, am 22. gegen Island.
Ein Fest in rot-weiß-rot!
"Es ist großartig zu sehen, wie das Land auf einmal wieder zu einer Fußballnation geworden ist", strahlt Baumgartlinger, und der Leser fragt verdutzt: "wieder"? 2008 verabschiedete sich Austria mit wehenden Fahnen und ohne Sieg, davor war das Ski-Volk 1998 bei einem Turnier, der WM in Frankreich.

Österreich mit mehr Bundesligaspielern als Deutschland

Zwischen 1998 und 2008 ist dann viel passiert, aber wenig Erfreuliches, schlussendlich dümpelte die Nationalmannschaft auf Weltranglisten-Platz 105 umher. Historisch mies. Dass sie 2016 als Zehnter ausgewiesen wird, vor England, Italien, Frankreich, hat viel damit zu tun, dass aus dem 2008er Fiasko gelernt wurde - und Anwendung in der Praxis fand.
Wichtigste Erkenntnis: Die Talente müssen sich abnabeln. Weil die heimische Liga keine Brutstätte für eine überdurchschnittliche Karriere ist. "Wenn nur ein oder zwei im Ausland spielen, reicht das nicht", sagt Baumgartlinger, der in der Jugend des TSV 1860 reifte, bei Mainz 05 zur Führungsfigur avancierte und im Sommer zu Champions-League-Klub Bayer Leverkusen wechselt.
Neben dem Mittelfeldmann stammen 14 weitere österreichische EM-Spieler aus der Bundesliga - der deutschen -, mehr als beim DFB-Team. Und sie verweilen nicht allein in Topligen, sie spielen auch, zumeist in prägender Rolle. David Alaba ist ein Gesicht des FC Bayern München, Christian Fuchs wurde Meister mit Leicester City, Marko Arnautović (Stoke City) und Kevin Wimmer (Tottenham Hotspur) haben ebenfalls britische Hauptwohnsitze, über Aleksandar Dragović (Dynamo Kiew) soll Borussia Dortmund nachgedacht haben.

Koller verfolgt eine Spielidee, auch gegen Portugal

Baumgartlinger kennt den Synergieeffekt. "Diese Kombination ist untrennbar", sagt er, der kompetitive Alltag steigert Tempo, Technik, Wettkampfhärte in einem sich selbst verstärkendem Prozess. Neun Siege aus zehn EM-Qualifikationsspielen sind das überzeugende Ergebnis.
Nationaltrainer Marcel Koller, der zweite Eckpfeiler beim Unternehmen Aufschwung, ist es gelungen, ein professionelles wie produktives Arbeitsumfeld zu schaffen. Unter seiner Regie (seit November 2011) verfolgt Österreich eine klare Spielidee, relativ egal, wie der Gegner heißt. Es geht ums aggressive Vorwärtsverteidigen, ein (lauf-)intensives Pressing soll den Aufbau des Rivalen traktieren.
Das werden die Portugiesen spüren. Das Team um Cristiano Ronaldo gilt qua Definition als Gruppenfavorit, ist im Vergleich von Individuen und Kollektiv aber nicht besser als das geschlossene und unangenehm zu bespielende Österreich.

Alaba glaubt an Österreich - aber was ist mit der Form?

Koller will eine Mannschaft, die agiert, mit höheren Ballbesitzraten. "Diese Komponente wird immer mehr auf uns zukommen, vielleicht schon bei dieser EM", bestätigt Baumgartlinger, ein Schlüssel im System. Unwiderruflich abhängig von "Hirn" Alaba ist Österreich nicht; bei beiden Quali-Siegen über Russland fehlte der Star, der über die EM sagt:
Allerdings zeigten die jüngsten Tests, dass es schnell in die umgekehrte Richtung schwappen kann. Beim 2:1 über Malta produzierte Alaba ein selten hanebüchenes Eigentor, und nun fürchten Österreichs Zeitungen, dass ihn eine Formkrise befällt - wie die gesamte Auswahl. Nach dem 0:2 gegen die Niederlande musste Coach Koller die plötzlich nervöse Öffentlichkeit beruhigen:
Was Österreich wirklich bewerkstelligen kann, ist kaum abzuschätzen. Vom frühen Scheitern bis zum Viertel- oder gar Halbfinale scheint alles möglich. "Im eignen Land trauen uns die Fans den Titel zu", berichtet Baumgartlinger, "aber wir sollten uns eher kurzfristige Ziele stecken".
Wie dieses: Erreicht Österreich die K.o.-Phase, wäre es der größte Erfolg seit 1954. Ähnlich weite Sprünge gab's anschließend nur im Skispringen.
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