EM 2016 - Portugal gegen Wales: Bale & Co. stehen über Dänemark 1992 und Griechenland 2004

Bei der EM 2016 steht Wales sensationell im Halbfinale gegen Portugal. Egal, wie's ausgeht: Das Team von Chris Coleman hat Geschichte und Geschichten geschrieben. Noch ist ja alles möglich, selbst der EM-Titel, womit sich Wales endgültig verewigen würde. Fußball-Journalist Miguel Delaney von Eurosport UK ist der Meinung: Die Leistung ist größer als bei Dänemark 1992 und bei Griechenland 2004.

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Von Miguel Delaney (Eurosport Großbritannien)
Bei Wales ist es leicht zu vergessen - vor allem, wenn man bedenkt, wie viele denkwürdige Momente dieses Team bei der EM 2016 genießen durfte. Zu Beginn sah sich Trainer Chris Coleman gezwungen, Gareth Bale gegen Anschuldigungen zu verteidigen, wonach der Superstar übergeschnappt sei.
Bale hatte getönt, dass Wales "mehr Stolz und Leidenschaft" besitze als England. Deren (damaliger) Nationaltrainer Roy Hodgson bezeichnete die Kommentare als "respektlos", und Coleman musste schlichten.

Coleman: "Wenn du etwas willst…"

Man sollte seine Worte jetzt noch einmal betrachten, es war das erste von einigen empathischen Statements, die er in den vergangenen Wochen zum Besten gab. "Ich denke, dass es Gareth in der Richtung 'kleines, altes Wales' gemeint hat", berichtete Coleman.
Wales hat nun etwas erreicht, das auch großen Nationen viel bedeuten würde, nicht nur England. Wales ist EM-Halbfinalist und strebt noch mehr an.
Ein wichtiger Faktor in diesem Kontext ist Colemans Maßnahme, so etwas wie eine "Lebe-den-Tag-Leitlinie" eingebracht zu haben. Er verwies oft auf das kleine Land, was passend war, denn darum geht's bei dieser EM. Die Aufstockung auf 24 Teams - und das Spielniveau - hat leidige Diskussionen angeregt, es wurde behauptet, dass der Modus ein Turnier bedingt, das erst im Achtelfinale startet - wenn die "Kleinen" nach Hause geschickt wurden.

Island und Wales trumpfen auf

Somit entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, dass die EM 2016 einige der bemerkenswertesten Leistungen in der Historie dieses Wettbewerbs hervorgebracht hat: Island wurde zum kleinsten Land in einem Viertelfinale. Wales steht sogar in der Runde der letzten Vier.
Manchmal fühlt es sich kalt an, so etwas auf Statistiken zu reduzieren, aber hier sollen Zahlen zur Romantik beitragen, indem sie betonen, wie unwahrscheinlich und demzufolge mitreißend das Ganze ist. Mit knapp drei Millionen Einwohnern ist Wales das kleinste Land, das jemals in ein EM-Halbfinale eingezogen ist.
Die WM-Titel von Uruguay 1930 und 1950 ragen heraus, nach wie vor, aber sie entstanden zu einer Zeit, als die Fußballwelt nicht so formvollendet war wie heute. Wales spielt gegen Nationen wie Deutschland oder Spanien, welche die Ressourcen ausnutzen und Maßstäbe in der Jugendarbeit setzen. Dennoch hat Wales eine Chance, das kleinste Land zu sein, das Europameister wird - und das kleinste, das irgendwas gewinnt im Fußball seit Uruguay.

Unterschied zwischen Griechenland und Wales

Das würde sogar die Meisterleistungen von Dänemark 1992 und Griechenland 2004 übertreffen; nicht allein hinsichtlich der Leistung, auch fußballerisch.
Wales offenbarte bei dieser EM keine "unterwürfige Mentalität", wie sie Cristiano Ronaldo bei Island kritisierte, und spielte nicht jenen pragmatischen Stil, den limitierte Teams für gewöhnlich zeigen. Nein, Wales agierte nach dem Verlangen von Coach Coleman: versuchen, seine Grenzen zu überwinden.
Sicher, sie haben oft so mannhaft verteidigt wie Dänemark und Griechenland. Aber sie waren nicht genauso von Abwehrarbeit definiert. Es gab eine stärkere Bereitschaft, nach vorne zu spielen und die Gelegenheiten einfach zu ergreifen. Wales schoss schon zehn Tore.
Zu beobachten war diese Attitüde besonders in der Vorrunde gegen Russland (3:0) und im Achtelfinale gegen EM-Mitfavorit Belgien, beim 3:1 nach 0:1. Was Wales dort veranstaltete, machte alles noch beeindruckender. Jeder Treffer symbolisierte den Willen und die Überzeugungskraft, es herrschte kein Zweifel oder gar Angst. Nur Selbstsicherheit.

Auf die Größe kommt es nicht an…

Wales erklomm die nächste Stufe, wie im gesamten Turnier und wie sein Trainer. Um in Colemans Worten zu sprechen: Es war diese Extraportion mehr.
Fürs Halbfinale gegen Portugal (ab 21 Uhr im Liveticker auf Eurosport.de) ist die Truppe geschwächt; die Sperren von Aaron Ramsey und Ben Davies sind ein Verlust. Das könnte den Mut einschränken, nicht jedoch die Wahrnehmung dieser EM - egal, was heute passiert.
Die Errungenschaft von Wales ist massiv, und für dieses eine Mal erscheint diese Phrase sogar untertrieben: Es kommt nicht auf die Größe an...
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