Gündogan verpasst EM: Profitieren Kramer, Bender, Weigl, Dahoud, Kimmich, Can oder Castro?

Ilkay Gündogan verpasst die Europameisterschaft, auch für Bundestrainer Joachim Löw eine schmerzvolle Nachricht: Sein Pech könnte anderen den Weg ins Aufgebot freiräumen. Wir machen den Euro-Check bei Christoph Kramer, Lars Bender, Julian Weigl, Mahmoud Dahoud, Joshua Kimmich, Emre Can sowie Gonzalo Castro und bewerten deren Chancen auf ein EM-Ticket.

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Zynisch gesagt hat Ilkay Gündogan ein Talent dafür, sich komplizierte Verletzungen zu komplizierten Zeitpunkten abzuholen. Die WM 2014 verpasste er aufgrund einer Wirbelsäulenstauchung, eingefangen im August 2013. Die anstehende EM wird erneut ohne den Mittelfeldstar von Borussia Dortmund stattfinden: Kniescheibe ausgerenkt, das war's erstmal mit Sport. Es droht eine Zwangspause von drei bis fünf Monaten.
Als "Rückschlag für uns alle" hat Joachim Löw die Blessur bezeichnet. Neben der bedauernswerten Geschichte für Gündogan selbst bekommt auch der Bundestrainer ein Problem, auf der Position im defensiven Mittelfeld nämlich, Gündogans Kernkompetenz. Kapitän Bastian Schweinsteiger (Teilriss des Innenbandes) wackelt für das Turnier, und Sami Khedira, ein weiterer Stratege, steigt wohl verspätet in die EM-Vorbereitung ein.
Gündogan wäre kein sicherer Startelf-Spieler gewesen, aber ein sicherer Kandidat auf einen Kaderplatz. Dieser wird nun frei. Für einige, vorwiegend junge Akteure eröffnen sich dadurch Chancen aufs Frankreich-Ticket. Eurosport.de macht den Check.

Christoph Kramer

So etwas wie Kult geworden mit seiner Vergesslichkeit als improvisierter Khedira-Ersatz im WM-Finale 2014; damals kannten ihn wohl nicht einmal alle (Event-)Fans. Seit Sommer 2015 wieder in Leverkusen, dort ständig am Ball (28 Bundesligaeinsätze), aber selten vollends überzeugend und kürzlich als Innenverteidiger zweckentfremdet. Von Löw regelmäßig nominiert, zuletzt gegen England und Italien.
Tendenz: Hat Lobby und eine gewisse Geschichte in der Nationalmannschaft - fährt mit.

Lars Bender

Beim Bundestrainer im Prinzip sehr geschätzt, weil als Führungsfigur mit Umsicht agierend, ohne eine dominante Ader zu vernachlässigen. Aber: verletzungsanfällig (Oberschenkel, Sprunggelenk), keine DFB-Partie zwischen November 2013 und November 2014, danach nicht mehr dabei. Nach langer Absenz erst elf Bundesligaspiele in dieser Saison, bei der EM 2012 gegen Dänemark noch als Rechtsverteidiger gebracht. Mit Erfolg - Siegtor zum 2:1.
Tendenz: Hätte er die Saison durchziehen können, ein heißer Anwärter, mit oder ohne Gündogan. So wird's nichts.

Julian Weigl

Dortmunds Durchstarter. Rasante Entwicklung aus den Untiefen der zweiten Liga zum Stamm beim BVB und angeblich ins Blickfeld von Manchester City (Pep Guardiola gilt als Fan). Verblüffend abgeklärt im Dortmunder Maschinenraum, allerdings oft dann mit Schwächen, wenn Partner Gündogan fehlte. Zudem als So-gut-wie-immer-Spieler (49 Einsätze in allen Wettbewerben) am Ende einer zehrenden Spielzeit - fraglich, ob und wie er ein Großturnier verkraften würde.
Tendenz: Bei der WM 2018 im Dunstkreis der ersten Elf. Frankreich käme zu früh.

Mahmoud Dahoud

Ähnliche Bewertungsgrundlage wie bei Weigl: gleich alt, gleich "viele" A-Länderspiele, zweimal in der U21 aktiv (Weigl fünfmal). Bei Gladbach uneingeschränkt zum Shootingstar avanciert, besondere Spielpausen erhielt er nicht. Das zeigt einerseits seine Bedeutung für Borussia, provoziert jedoch dasselbe Problem wie bei Weigl: Hätte Dahoud noch ein physisch wie psychisch belastendes EM-Highlight im Köcher?
Tendenz: Herausragende Anlagen, exakt der Spielertyp, der Löw vorschwebt. Geheimtipp für Frankreich - zum Aufsaugen und Lernen.

Joshua Kimmich

Auch Bayern hat seine juvenile Überraschung. Von Guardiola als "mein Sohn" getätschelt, was angesichts von Peps Supersuper-Mantra nichts heißen muss, aber doch eine gewissen Nachklang besaß. Durfte bzw. musste demonstrieren, wie er sich mit 1,76 Metern als Innenverteidiger in der Champions League schlägt - und lieferte anständige Antworten. Später irgendwie außen vor, zudem mit wenig Praxis im eigentlichen Herrschaftsgebiet, dem Mittelfeld.
Tendenz: Siehe Weigl. Ein Mann für die Zukunft, 2016 hat er noch ausgedehnten Sommerurlaub.

Emre Can

Sieht aus wie 28, tritt auf wie 28, ist aber 22. Erstaunlich. Nicht wegzudenken in Liverpool, bei Löw seit Herbst 2015 ständig dabei, aber auch ständig rechter Außenverteidiger - was ihm nicht sonderlich behagte. Spielt in England auf der "Sechs", seiner erklärten Lieblingsposition, und will selbiges mittel- bis langfristig beim DFB praktizieren.
Tendenz: Wird im Juni/Juli gewiss in Frankreich weilen, wobei er durch Gündogans Pech näher an die erste Elf herangerückt sein könnte.

Gonzalo Castro

Vielleicht die spannendste Personalie. Beim BVB in jüngerer Vergangenheit anstelle von Gündogan nominiert; den Deutsch-Türken plagte eine Fußprellung. Insgesamt 24 Bundesligaspiele, zwei Tore, sieben Vorlagen in dieser Saison. Wird einen Tag nach Turnierbeginn 29 und wäre damit die erfahrene Komponente im Geflecht der Weigls, Dahouds, Kimmichs. Trug bisher fünfmal den Adler, aber letztmals - Obacht! - im Oktober 2007. Lässt sich Philipp Lahm nicht plötzlich zu einem DFB-Comeback breitschlagen, wäre Castro diejenige Variante, die Löw wissen ließe, was er erwarten darf.
Tendenz: Eigentlich eine logische Wahl. Es hat jedoch Gründe, warum Castro seit 2007 nicht berücksichtigt wurde. Löw setzt auf andere.
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