EM 2020: Arroganz-Attacke von Mbappe, Pogba und Co. - Drei Dinge, die bei Frankreich - Schweiz auffielen
Publiziert 29/06/2021 um 00:48 GMT+2 Uhr
Frankreich ist bei der EM im Achtelfinale krachend an der Schweiz gescheitert. Trotz eines 3:1-Vorsprungs gab das Team von Trainer Didier Deschamps die Partie noch aus der Hand. Der haushohe Favorit entblößte am Montagabend in Bukarest seine größten Schwächen. Superstar Kylian Mbappé wurde zur tragischen Figur, die "Nati" wuchs derweil über sich hinaus. Drei Dinge, die auffielen.
Paul Pogba (l.) und Benjamin Pavard trösten den Fehlschützen Kylian Mbappé (r.)
Fotocredit: Getty Images
Pechvogel Kylian Mbappe verschwand mit gesenktem Kopf als einziger Franzose in der Kabine, wenige Meter entfernt feierte Yann Sommer ausgelassen den Schweizer EM-Coup gegen den Weltmeister: Nach einer spektakulären Berg- und Talfahrt ist Topfavorit Frankreichs völlig überraschend im Achtelfinale am krassen Außenseiter Schweiz gescheitert. Die Eidgenossen gewannen mit 5:4 im Elfmeterschießen und zogen erstmals in das Viertelfinale einer Europameisterschaft ein.
Nach 120 dramatischen Minuten hatte es 3:3 (3:3, 1:0) gestanden. Ausgerechnet Superstar Mbappe scheiterte beim zehnten und letztlich entscheidenden Schuss an Gladbachs Torhüter Sommer, der bislang nicht gerade als Elfmeter-Killer bekannt war.
In der regulären Spielzeit hatten der Ex-Frankfurter Haris Seferovic (15./81.) und Mario Gavranovic (90.) für die Schweizer getroffen, die kurz vor Ende der regulären Spielzeit schon 1:3 in Rückstand lagen.
Der ehemalige Wolfsburger Ricardo Rodriguez scheiterte zudem mit einem Foulelfmeter (55.). Karim Benzema mit einem Blitz-Doppelpack (57./59.) und Paul Pogba (75.) hatten Frankreich scheinbar beruhigend in Führung gebracht.
Drei Dinge, die uns auffielen.
1. Frankreich zwischen "Wow!" und "What?!"
Mbappé war nach seinem verschossenen Elfmeter am späten Montagabend das Sinnbild eines ratlosen französischen Teams. Hoch geflogen, tief gefallen, am Boden zerstört.
Die Herren aus der Kategorie "Weltklasse" brauchten gegen die Schweiz mehrere Weckrufe, um zu zeigen, was in ihnen steckt. Dann drehten sie auf und stellten unter Beweis: Wenn sie Lust haben, sind sie kaum aufzuhalten. Mbappé, Karim Benzema, dazu Antoine Griezmann, Paul Pogba und Kingsley Coman - sie vereinen alles, was bei Abwehrspielern Albträume verursacht: Spielwitz, Physis, Schnelligkeit, Ehrgeiz und Erfahrung.
Die Vorlagen von Mbappé auf Benzema bei seinen Toren, der Abschluss von Pogba aus der Distanz beim dritten Treffer, sein Elfmeter beim Shootout - das war nichts als purer Zucker.
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Pogba traf zum 3:1
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Das große Aber: Sie sind und bleiben Schönspieler und sonnen sich schnell im Ruhm. Alles, was die Schweiz in die Waagschale warf, nämlich Durchhaltevermögen, taktische Disziplin, Zusammenhalt und Kampfgeist, ließ Frankreich vermissen. Konsequenz war eine desolate Defensivleistung.
Es war der große Widerspruch bei diesem Ausnahme-Team. Gerade bei Flanken zeigten sich die Franzosen anfällig. Auch die linke Seite war eine Baustelle, weil Lucas Digne verletzt, Lucas Hernandez angeschlagen ist und Adrien Rabiot sich auf der Linksverteidigerposition offensichtlich nicht wohlfühlt.
Die Frage, wie der souveräne Vorsprung überhaupt wieder hergegeben werden konnte, kann nur mit mangelhafter Mentalität oder gar Arroganz beantwortet werden. "Wir haben gemerkt, dass sie überheblich waren", bemerkte Schweiz-Keeper Yann Sommer.
In den Pausen war wiederholt zu sehen, wie angespannt und nervös die Stimmung intern ist. Deschamps schien nicht bei allen Spielern Gehör zu finden. Ihn und sein Team erwartet nun ein eisiger Empfang in Frankreich.
2. Systemumstellung mit schweren Folgen
Der Weltmeister - eine Mannschaft, gespickt mit Qualität auf jeder Position mit Spielern aus der Kategorie Weltklasse. Lassen sich diese überhaupt durch irgendetwas verunsichern? Die einfache Antwort: Ja.
Trainer Deschamps überraschte im Achtelfinale gegen die Schweiz mit einer Umstellung von 4-2-3-1 auf ein 3-5-2. Die Intention war klar: Die Außen, Rabiot und Pavard, können weiter nach vorne ziehen, die Stürmer - Benzema und Mbappé - im Strafraum auf Zuspiele lauern. Mehr Gefahr und eine möglicherweise frühe Entscheidung sollte das erzwingen.
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Kylian Mbappé (links; Frankreich) im Zweikampf mit Granit Xhaka (Schweiz)
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Doch das Gegenteil war zunächst der Fall. Denn während vorne das Anlaufverhalten beim Pressing nicht stimmte und die erste Linie locker überspielt werden konnte, kämpften die Defensivakteure mit einer vernünftigen Zuteilung.
Clement Lenglet, zwar EM-Debütant, aber immerhin Akteur des FC Barcelona, war im Abwehrzentrum komplett überfordert. Vor dem 1:0 ließ er sich beim entscheidenden Luftduell düpieren. Auch Pavard agierte viel zu zögerlich. Die Verunsicherung überzog die Franzosen wie ein böser lähmender Zauber.
Statt mehr Wirbel in der Offensive herrschte beim Weltmeister Ratlosigkeit. "Wir hatten großen Frust und haben in der Kabine viel geredet. Dann haben wir gut reagiert", blickte Verteidiger Raphael Varane zurück.
Deschamps sah ein, dass sein Experiment komplett schiefging, nahm Lenglet aus dem Spiel und stellte nach der Halbzeit wieder auf eine Viererkette um. Das fruchtete - zumindest temporär. "Irgendwas hat aber gefehlt. Es sollte nicht sein", bilanzierte Varane.
3. Verflucht, Schweiz!
So verrückt. Verflucht, verrückt! Die Schweiz kommt im sechsten Versuch bei einem großen Turnier endlich über das Achtelfinale hinaus und besiegt den Fluch. Der "Nati" gebührt für die Leistung gegen den haushohen Favoriten nichts als Respekt. Sie haben die Schwächen des Gegners perfekt genutzt. Vor allem in der ersten Halbzeit gelang ihnen das mit Bravour.
Sie zwangen die Franzosen in viele Zweikämpfe, die sie engagiert bestritten. Sie waren robust und kompakt. Die Defensive brachte die Superstars zur Verzweiflung. Sie halfen einander und spielten mutig nach vorne.
Steven Zuber erwischte einen Sahne-Tag gegen den indisponierten Benjamin Pavard, im Sturmzentrum spielte Haris Seferovic seine ganze Erfahrung aus. Die Pässe kamen sauber, die Laufwege waren einstudiert - das sah sehr gut aus und brachte den Weltmeister völlig aus der Balance.
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Die Schweiz steht im Viertelfinale der EM
Fotocredit: SID
So sehr, dass dieser in der Halbzeit einmal den Reset-Button drücken musste. Und vielleicht wäre das Spiel noch glatter gelaufen, hätte Ricardo Rodriguez den Strafstoß in der 55. Minute nicht verschossen.
Es spricht für den außergewöhnlichen Spirit, dass die Mannschaft nach dem 1:3 nicht einbrach, sondern weiter an ihre Chance glaubte. Sie waren flexibel, wechselten von Dreier- auf Fünfer- und wieder auf Dreierkette zurück. Auch in der Verlängerung blieben sie, angetrieben von Granit Xhaka, offensiv und frech.
Die Schweiz war der verdiente Gewinner.
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