EM - Frankreich-Trainer Didier Deschamps kontert eiskalt: "Fragen sie mal Joachim Löw ..."
Publiziert 14/06/2021 um 17:28 GMT+2 Uhr
Didier Deschamps hat mit Frankreich als Trainer und Spieler den WM-Titel gewonnen, jetzt geht der deutsche Auftaktgegener als Favorit in die EURO. Dieser Triumph verpasste sein Team durch die Finalpleite bei der Heim-EM 2016 noch. Im Exklusiv-Interview mit Eurosport spricht Nationalcoach über seine Anfänge, Einflüsse anderer Trainer und verrät, welches das beste Match seiner Mannschaft war.
Didier Deschamps, FRankreichs Nationaltrainer
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Was ist Ihr Plan, um die deutschen Stürmer zu stoppen?
Didier Deschamps: Fragen sie Joachim Löw, wie er unsere stoppen will! Havertz kann die ganze Breite des Spielfelds ausnutzen, Gnabry, Sané oder Werner haben jeder unterschiedliche Stärken. In der Offensive spielen sie alle eine wichtige Rolle für Deutschland. Man kann aber ihren Einfluss auf das Spiel sowohl durch mannschaftliche Arbeit als auch durch das individuelle Positionsspiel begrenzen. Dieses erste Spiel ist wichtig - nicht entscheidend, aber das Niveau des Gegners macht es zu einem harten Auftaktspiel. Wir gehören zu den besten Teams in Europa, wir müssen in beiden entscheidenden Zonen effizient sein.
Die Deutschen scheinen besonders auf ihre physische Stärke setzen zu wollen...
Deschamps: Auf höchstem Niveau ist es auch immer eine körperliche Auseinandersetzung, es wird in den Zweikämpfen zur Sache gehen. Die technische Klasse macht den Unterschied aus, aber die physische Stärke ist ebenfalls wichtig.
Erinnern Sie sich, was Sie am 28. Juli 2001 gemacht haben?
Deschamps: Ich glaube, ich stand zum ersten Mal bei AS Monaco als Trainer an der Seitenlinie. Das lief nicht gut. Und auch das zweite Spiel nicht! (lacht) Ich hatte Sochaux und Montpellier auf dem Programm, zwei Aufsteiger. Aus den zwei Spielen habe ich einen Punkt geholt.
Als junger Trainer, der am Anfang seiner Karriere stand. Welche Grundsätze hatten Sie damals?
Deschamps: Die Entscheidung, vom Spieler zum Trainer zu werden, fiel bei mir schnell. Nachdem ich das Angebot bekam, hatte ich etwas Zeit, alles vorzubereiten. Dann ging es sehr schnell. Ich sage eigentlich nie schnell zu. Aber zwischen meinem letzten Spiel in Valencia und dem Beginn des Trainingslagers Monaco lagen fünf Tage. Ich war darauf vorbereitet, aber es ging schnell. Ich hatte die Entscheidung getroffen, meine Karriere zu beenden, weil mein Körper erschöpft war und mir Alarmsignale gab.
Sie sagen, es war fast zu schnell. Wollten Sie Trainer werden, aber vielleicht noch nicht 2001?
Deschamps: Ich hatte eigentlich für eine Zeit lang eine Pause eingeplant, ich hatte sogar einen Job bei den Medien. Ich habe überlegt, zwei oder drei Jahre kürzer zu treten.
Der Start Ihrer Trainerkarriere war eher kompliziert. Sie wurden mit Monaco 15. Wie war diese erste Saison allgemein?
Deschamps: Es hätte schon damals vorbei sein können, aber das ist nicht wirklich wichtig. Es diente alles meiner Erfahrung. Ich hatte gerade sieben, acht Jahre im Ausland verbracht. Ich habe mich für den französischen Fußball interessiert, aber ich war ein bisschen fehl am Platz. Durch diese Landung auf dem Boden der Tatsachen wurde mir klar, dass alles, was für mich auf dem Platz selbstverständlich und normal erschien, dies nicht auch für meine Spieler so war. Es brauchte einige Zwischenschritte, bis ich das erreicht habe, was ich wollte.
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Didier Deschamps 2001 mit AS Monaco
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Es gab einige Etappen, aber letztendlich dauerten sie nicht allzu lange. 2004 haben Sie bereits mit Monaco im Finale der Champions League gespielt. Was hat sich zwischen 2001 und 2004 am stärksten verändert? Die Mannschaft oder Sie?
Deschamps: Die Spieler sind die Grundlage. Denn kein Trainer ist ein Magier. Wir sind dort mit einer Gruppe mit vielen jüngeren Spielern hingefahren. Aber es gab auch erfahrene Spieler, die das ausgeglichen haben. Ich habe meine Trainerausbildung abgeschlossen. Es war wichtig, diese Erfahrungen zu sammeln und wir haben nicht mit dem Finale gerechnet [0:3 gegen den FC Porto].
Als Spieler hatten Sie Trainer wie Raymond Goethals, Marcelo Lippi oder Aimé Jacquet. Das sind sehr unterschiedliche Charaktere. Woran erinnern Sie sich bei ihnen?
Deschamps: Gewisse Dinge bleiben bestehen. Durch meine Spielerkarriere habe ich einen unfassbaren Schatz, aus dem ich ständig schöpfe. Es geht nicht darum etwas zu kopieren. Kopien haben allgemein eine geringere Qualität. Auch der Kontext ist ein anderer.
Das Ziel für jeden Trainer ist im Grunde das gleiche. Der Trainer ist da, um aus jedem seiner Spieler und für seine Mannschaft das Beste herauszuholen und das bestmögliche Ergebnis zu erzielen. Es gibt ein Wort, das es zusammenfasst: Anpassung. Man muss sich Besonderheiten und den Spielern anpassen. Es gibt nicht nur einen Weg zum Erfolg. Manchmal spielen wir nicht so gut und gewinnen trotzdem und manchmal ist es umgekehrt. In einer perfekten Welt hätte ich gerne beides gleichzeitig. Aber das ist nicht immer der Fall.
Was kann man von einem Trainer wie Marcelo Lippi lernen?
Deschamps: Wenn es gut oder sogar sehr gut läuft, lernt man viel auf dem Spielfeld oder als Trainer. Aber das war eine andere Zeit. Die Mentalität war anders. Ich bin überzeugt, dass wir als Trainer nicht mehr das tun können, was wir vor 15 oder 20 Jahren getan haben. Wir müssen uns auch weiterentwickeln. Was nicht bedeutet, dass es keine gemeinsame Basis gibt, aber etwas hat sich verändert. Der Trainer nimmt eine immer wichtigere Rolle in der Klubführung ein, auch nach Außen, den Medien gegenüber - früher musste man nicht alle drei Tage eine Pressekonferenz geben.
Glauben Sie, dass es heute schwieriger ist?
Deschamps: Das würde den Trainern frühere Jahre wegnehmen, was sie geleistet haben. Es war sicherlich auch für sie schwer. Ich werde nicht sagen, dass es heute schwieriger ist, aber es ist auch nicht einfacher. Die Gegebenheiten sind verschieden.
Als Trainer wurden Sie schnell als geistiger Erbe von Aimé Jacquet [Frankreichs WM-Coach 1998] bezeichnet. Wenn Sie von ihm nur einen Grundsatz beibehalten könnten, welcher wäre das?
Deschamps: Kein Spitzenteam kann Ergebnisse erzielen, wenn es intern nicht passt. Die menschliche Beziehung ist wesentlich. Es müssen Entscheidungen getroffen werden. Es war seine Verantwortung, so wie es heute meine ist. Ich habe das Privileg, mit ihm in Kontakt geblieben zu sein. Aber er ist nicht nur ein toller Trainer, sondern auch ein besonderer Mensch. Ich werde ewig dafür dankbar sein, was wir gemeinsam erreicht haben.
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Aimé Jacquet und Didier Deschamps
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Das Gegenpressing à la Klopp, die Innovationen von Guardiola, die Ansätze eines Simeone - welche Entwicklungen beeinflussen Sie heute?
Deschamps: Ich beobachte, denke nach und habe dann die Option, Dinge zu machen oder nicht. Nehmen wir Simeone, der von vielen kritisiert wird - aber er ist aktueller spanischer Meister! Bei Klopp hingegen hat es dieses Jahr nicht so funktioniert. Dinge können eine gewisse Zeit klappen, aber das heißt nicht, dass sie jedes Mal funktionieren. Als wir Weltmeister wurden, sollte ich danach vor den Trainerkollegen referieren, aber ich habe ihnen dann gesagt: "Ich bin kein Professor". Ich habe ihnen grob erklärt, wie wir vorgegangen sind, aber das ist nicht der einzige Weg. Für uns aber hat er den Erfolg gebracht.
Wenn Sie ein Match herausgreifen müssten, das von A bis Z funktioniert hat, welches wäre das?
Deschamps: Das gelingt nie, neunzig Minuten beherrscht man nicht komplett. Sich da festzulegen ist schwierig, aber ich greife ein Spiel heraus - das sie vielleicht überraschen wird: Das Match gegen Island bei der EM 2016 im Viertelfinale [5:2 für Frankreich]. Wir haben sehr viel gearbeitet, um uns auf die Besonderheit ihres 4-4-2-Systems, ihre weiten Bälle, ihre Standards einzustellen. Und in diesem Spiel ist dann alles so aufgegangen wie geplant.
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Frankreich schlägt Island mit 5:2
Fotocredit: SID
Kann die EM auch ohne den Titel ein Erfolg sein?
Deschamps: Das ist so, als ob Sie mich fragen, was das Glück sei. Glück ist nur dann total, wenn auch der Sieg damit verbunden ist, das ist meine Antwort.
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Quelle: Eurosport
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