War der Wechsel nach Deutschland die beste Entscheidung Ihrer Karriere?
Benjamin Pavard: Ja, ich habe mich als Mensch unheimlich weiterentwickelt. Durch die deutsche Genauigkeit bin ich viel reifer geworden. Es war eine sehr gute Entscheidung. Heute spiele ich in einem der größten Klubs der Welt. Ich muss mich auch bei Stuttgart bedanken. Dieser Verein bedeutet mir sehr viel.
Wenn ich Ihnen bei unserem letzten Gespräch im März 2018 gesagt hätte, dass Sie drei Jahre später Weltmeister, Champions-League-Sieger und Stammspieler beim FC Bayern sind, hätten Sie mir geglaubt?
EURO 2020
Frankreich startet nächste Titeljagd - doch es bleiben Sorgenfalten
10/06/2021 AM 20:01
Pavard: Ja. Ich habe natürlich in kürzester Zeit viele Titel gewonnen. Aber ich habe nie nachgelassen. Es gab auch schwierige Zeiten, aber dann habe ich mich in die Arbeit gestürzt. Ich spiele Fußball, um Titel zu gewinnen und nicht um Geld zu verdienen. Aber ein Titel fehlt mir noch. Den habe ich fest im Blick...
...der EM-Titel...
Pavard: Ja, aber auch danach wäre es nicht genug. Ich bin nie zufrieden.
Wie verändert sich das Selbstbewusstsein, wenn man in den vergangenen drei Jahren fast alles gewonnen hat?
Pavard: Sie sagen es schon: fast. Ich habe noch nicht alles gewonnen, darauf konzentriere ich mich, das ist mein Ziel. Ich habe weiter den Drang, alles zu gewinnen und schaue mir nicht meine Erfolgsbilanz an. Wenn die EURO losgeht, denke ich nur daran, den Pokal zu gewinnen. Diese Fragen werde ich mir am Ende meiner Karriere stellen. Ich koste die Erfolge nicht aus, dafür habe ich keine Zeit. Es geht immer weiter und am Ende kann ich es genießen.
Es geht noch mal um Deutschland. War es die deutsche Siegermentalität, die sich auch Ihnen eingeprägt hat?
Pavard: Das ist natürlich die deutsche Mentalität, aber auch ich ticke so. Deshalb gefällt es mir hier. In Deutschland reicht es nicht aus, die Meisterschaft zu gewinnen. Man muss eigentlich jedes Spiel gewinnen und so viele Tore wie möglich erzielen. Damit komme ich gut klar.

FC Bayern München: Jubel bei Joshua Kimmich (li.) und Benjamin Pavard (re.)

Fotocredit: Imago

Sie haben für zwei der besten Mannschaften weltweit gespielt. Aber welche ist besser: Die Bayern oder die französische Nationalmannschaft?
Pavard: Es sind zwei großartige Teams. Daher ist es schwer, diese Frage zu beantworten. Mit den Bayern haben wir eine unfassbare Spielzeit mit sechs Titeln erlebt. Das haben nur sehr wenige Mannschaften geschafft. In der Nationalmannschaft haben wir viel Talent. Wenn wir die EM gewinnen, dann würde ich sagen, dass Frankreich besser als Bayern ist.
Was sagen Sie zur Verpflichtung von Julian Nagelsmann und zum Abgang von Hansi Flick?
Pavard: Ich hatte noch kein Gespräch mit dem neuen Trainer. Mal abwarten, aber er hat in Hoffenheim und Leipzig einen sehr guten Job gemacht. Es wird für mich aber auch für ihn etwas Neues sein. Wenn sich die Bayern dafür entschieden haben, passt er zum Verein. Seine Mannschaften spielen auf jeden Fall sehr guten Fußball.
Mit Hansi Flick hatten wir ein tolles Verhältnis. Er ist ein großartiger Typ und steht sowohl seinen Stammspielern als auch den Ersatzspielern nahe. Es war etwas überraschend, dass er den Verein verlässt. Aber dann denkt man sich: 'Er hat alles gewonnen und die deutsche Nationalmannschaft sucht einen neuen Trainer.' Seine noch junge Karriere geht dort weiter. Ich danke ihm für sein Vertrauen, denn ich habe mich unter ihm sehr weiterentwickelt.

Benjamin Pavard (l.) mit Ex-Trainer Hansi Flick

Fotocredit: Getty Images

Sie werden im ersten Spiel direkt auf Leroy Sané und Serge Gnabry treffen. Wie können Sie die beiden, die sie von Bayern gut kennen, in Schach halten?
Pavard: Sie dürfen ihre Geschwindigkeit nicht ausspielen können. Sie sind extrem stark und eklig zu bespielen. Ich habe die Möglichkeit, mich mit ihnen im selben Verein zu entwickeln. Das ist ein Vorteil. Ich kenne sie sehr gut und sie sind großartige Spieler.
Es gibt vier Bayern-Spieler in der französischen Nationalmannschaft. Gibt es zu ihnen eine besondere Verbindung?
Pavard: Ja, ganz klar. Wir treffen uns jeden Tag und sehen uns oft in München. Ich kannte sie zuvor nicht, außer Lucas (Hernández, Anm. d. Red.) durch die Nationalmannschaft. Sie sind großartige Typen, echte Profis und es macht Spaß mit ihnen. Wir verstehen uns alle sehr gut.
Wie fühlt es sich an, N'Golo Kanté vor sich zu haben?
Pavard: N'Golo ist N'Golo. Der Typ hat sechs Lungen. Er hört nie auf. Er ist sehr zurückhaltend, aber das ist das Liebenswerte an ihm. Er ist ein großartiger Typ und beweist allen, dass er einer der besten Spieler der Welt ist. Ich hoffe, dass wir bei der EURO den Titel holen, damit er den Ballon d'Or gewinnen kann. Er hat es sich in den letzten Jahren so sehr verdient, er ist ein großartiger Spieler. Aber wir sind noch nicht am Ziel.

Bayern-Star Pavard warnt vor Deutschland

Sie spielen im Verein mit Robert Lewandowski. Sie kennen Karim Benzema von der Équipe Tricolore. Wie ist es, die besten Mittelstürmer der Welt im eigenen Team zu haben?
Pavard: Wir kennen die Qualität von Karim. Es ist für unser Team ein echter Bonus, denn er ist ein toller Spieler. Aber auch mit Olivier Giroud läuft es sehr gut. Benzema ist ein Plus und auf dem Papier haben wir ein starkes Team. Aber unsere beste Eigenschaft ist unsere Einstellung. Wir greifen und verteidigen als Mannschaft. Wir müssen denselben Teamgeist haben wie 2018. Denn wir haben das Talent. Ich bin zuversichtlich.
Die französische Mannschaft wirkt wie ein All-Star-Team. Seid ihr die großen Favoriten bei der Europameisterschaft? Wer ist die größte Gefahr für Les Bleus?
Pavard: Nicht nur wir sind die Favoriten. Portugal und Deutschland sind es auch. Wir müssen uns nur auf uns konzentrieren. Wir sind ein grandioses Team, aber wir dürfen nicht glauben, dass wir schon durch sind. Bereits das erste Spiel wird sehr schwierig. Wir müssen uns fokussieren und dieselbe Mentalität und denselben Siegeswillen wie 2018 an den Tag legen.

Benjamin Pavard (l.) möchte mit Frankreich auch bei der EM jubeln

Fotocredit: Getty Images

Ist diese Mannschaft stärker als 2018?
Pavard: Wir wollen dort weitermachen, wo wir bei der WM aufgehört haben. In der Mannschaft hat sich eine hervorragende Atmosphäre entwickelt. Das Urteil wird aber erst im Turnier gefällt.
Haben Sie das Gefühl, dass Sie in Deutschland gerechter beurteilt werden als in Frankreich, wo es schnell Kritik gibt?
Pavard: Die meisten Franzosen sehen die Spiele der Bayern nicht und die Champions League schauen sie sich erst ab dem Achtelfinale an. In Deutschland ist die Kritik gerechter. Ich wurde dort auch schon kritisiert, denn beim FC Bayern sind die Erwartungen hoch. Aber die Deutschen bewerten meine Leistungen fairer, weil sie alle Spiele der Bayern sehen.
Willy Sagnol hat über Sie gesagt: "Wir leben in einer Gesellschaft, in der eher das Äußere als der Inhalt beurteilt wird. Ihm fehlt vielleicht etwas der Glamour und da man heutzutage eher die Worte als die Taten beurteilt, schwärmen die Leute lieber von spektakulären Spielern, die aber bei Weitem nicht eine Konstanz wie Pavard haben. Didier Deschamps (Trainer der französischen Nationalmannschaft, Anm. d. Red.) weiß, dass er sich auf ihn verlassen kann." Haben Sie manchmal den Eindruck, dass Sie nicht fair bewertet werden?
Pavard: Jeder hat seine Meinung. Wenn mich jemand nicht mag, ist das okay. Wenn ich bei Bayern Stammspieler bin und mich der Trainer weiter aufstellt, dann deshalb, weil ich ziemlich konstant spiele. Am wichtigsten sind die Trainer. Sie wissen, dass sie sich auf mich verlassen können und ich immer bereit bin, alles zu geben. Dass ich in den letzten beiden Jahren fast jedes Spiel absolviert habe, hat einen einfachen Grund: Ich bin zuverlässig.
2018 erzielten Sie im Achtelfinale ein Halbvolley-Traumtor gegen Argentinien. Was erwartet uns 2021? Ein Volley im Finale?
Pavard: (lacht) Ich hoffe es. Diese Frage stelle ich mir nicht - wenn es passieren soll, dann wird passieren.
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