EM: Schweiz haut Frankreich sensationell im Elfmeterschießen raus und steht im EM-Viertelfinale

Die Schweiz hat bei der EM für eine Sensation gesorgt und Weltmeister Frankreich nach einem Achtelfinal-Krimi aus dem Turnier gekegelt. Die Eidgenossen bezwangen die Mannschaft von Didier Deschamps am Montagabend in Bukarest mit 8:7 (3:3, 1:0) nach Elfmeterschießen. Dabei wurde der Gladbacher Torwart Yann Sommer zum Helden. Er parierte den entscheidenden Elfmeter von Kylian Mbappé.

Yann Sommer (vorne) feiert nach seinem gehaltenen Elfmeter gegen Kylian Mbappé den Einzug ins EM-Viertelfinale

Fotocredit: Getty Images

Die Partie in der Arena Nationala in Bukarest war in der Anfangsphase sehr schwungvoll, beide Mannschaften suchten sofort den Weg in die Offensive. Raphaël Varane köpfte eine Ecke über das Tor (2.), eine Flanke von Antoine Griezmann gelangte zu Karim Benzema, der aber mit dem Abschluss zu lange zögerte (6.). Die Schweiz versuchte es immer wieder mit Flanken, was ein geeignetes Mittel war, denn damit hatte die französische Hintermannschaft über 90 Minuten Probleme. Nach einer Flanke von der linken Strafraumgrenze von Steven Zuber setzte sich Haris Seferovic im Zentrum gegen Clément Lenglet durch und köpfte ins linke untere Eck (15.) zur Führung für die Schweiz.
Danach wirkte Frankreich etwas benommen, hatte weniger Zug zum Tor und verlor recht häufig den Ball im Mittelfeld. Als eine Flanke von Adrien Rabiot von links im Strafraum auf Benzema gerade noch so von dem Schweizer Keeper Yann Sommer weggespitzelt wurde, leitete das eine bessere Phase der Franzosen ein (22.). In der 28. Minute versuchte es Rabiot mit einem Distanzschuss, der ging aber knapp rechts am Pfosten vorbei. Doch auch die Schweizer blieben mit Flanken weiterhin gefährlich.
Zu Beginn der zweiten Halbzeit wechselte Frankreichs Trainer Didier Deschamps Kingsley Coman für Lenglet ein und stellte damit auf eine Viererkette um. Doch die Schweiz spielte weiter mutig und kam auch in Strafraumnähe, in der 52. Minute grätschte Benjamin Pavard Zuber im Strafraum um. Erst ließ der Schiedsrichter weiterspielen, nach Ansicht der Bilder gab es aber Elfmeter. Den verschoss allerdings Ricardo Rodríguez, seinen Schuss in die linke untere Ecke hielt Hugo Lloris stark (55.).
Kurz danach hatte Kylian Mbappé eine große Chance. Er wurde von Paul Pogba links im Strafraum angespielt und schlenzte ganz knapp am rechten Pfosten vorbei (56.). Diese Szene läutete eine wahnsinnige Drangphase der Franzosen ein. In der 57. Minute eroberte Frankreich den Ball im Schweizer Spielaufbau, Mbappé schickte Benzema, der den Ball stark mit der Hacke mitnahm und ins Tor spitzelte. Nur eineinhalb Minuten später eroberte Pogba den Ball am gegnerischen Strafraum, Coman bediente Griezmann. Dessen Heber parierte Yann Sommer noch, Benzema köpfte den Ball aber am langen Pfosten ins Tor (59.).
Danach zogen sich Franzosen kurzzeitig etwas zurück, blieben aber trotzdem gefährlich. Mbappé erreichte einen langen Ball beinahe kurz vor dem Tor (68.), Silvan Widmer unterlief fast ein Eigentor (69.). In der 75. Minute erzielte Pogba mit einem traumhaften Schlenzer von außerhalb des Strafraums ins rechte obere Eck den Treffer zum 3:1 (75.). Die Partie schien entschieden, doch in der 81. Minute verkürzte Seferovic mit einem starken Kopfball nach einer Flanke von der rechten Seite von Kevin Mbabu, der sträflich allein gelassen wurde.
Die Schweizer starteten beflügelt von diesem Treffer ihre Schlussoffensive und tatsächlich gelang in der 90. Minute der Ausgleich. Nach einer Balleroberung im Mittelfeld ließ der eingewechselte Mario Gavranovic einen Verteidiger ausspielen und schoss von der Strafraumkante platziert in die linke untere Ecke. In der Nachspielzeit hatte Admir Mehmedi noch eine Chance und Coman schoss auf der Gegenseite vom linken Strafraumeck an die Latte.
In der Verlängerung gingen beide Teams an die Schmerzgrenze. Sommer hielt einen Schuss von Pavard im Strafraum stark (95.). In der 109. Minute bediente Coman Mbappé zentral an der Strafraumgrenze, der zog direkt ab und schoss knapp am rechten Pfosten vorbei.
Die Schweiz rettete sich ins Elfmeterschießen. Dort trafen auf beiden Seiten die ersten vier Schützen, bei der Schweiz verwandelte auch der fünfte Schütze Admir Mehmedi, dann hielt der Schweizer Keeper Sommer den Elfmeter von Superstar Mbappé und brachte die Schweiz so ins Viertelfinale.

Die Stimmen:

Yann Sommer (Schweiz): „Es war ein unglaublicher Fußball-Abend. Wir haben sehr viel Moral gezeigt, sehr viel Herz. Wenn man gegen den Weltmeister nach zwei Toren Rückstand zurückkommt, dann ist das unglaublich. Im Elfmeterschießen ist immer auch Glück dabei, aber ich bin unglaublich stolz auf die Mannschaft, wie sie das gemacht hat. Es hat niemand wirklich an uns geglaubt. Wir haben uns vor dem Spiel eingeschworen: Egal, wie das Spiel läuft, wir gehen bis zum Schluss.“
Raphaël Varane (Frankreich): „Wir hatten nach der ersten Halbzeit großen Frust, wir haben in der Kabine viel geredet, weil wir enttäuscht waren. Wir haben in der zweiten Halbzeit dann gut reagiert. Es hat nicht gerecht. Wir hätten auch in der Verlängerung ein Tor schießen können, aber es sollte nicht sein. Wir wollten Europameister werden, aber es hat etwas gefehlt."

Der Tweet zum Spiel:

Das fiel auf: Frankreich scheitert an seiner defensiven Unsicherheit

Die Franzosen müssen überraschend früh die Heimreise bei dieser Europameisterschaft antreten. Die Mannschaft von Trainer Didier Deschamps galt als Topfavorit auf den Titel bei der EURO 2020, der Grund für das frühe Ausscheiden liegt an der Schwäche in der Defensive. Bei den vergangenen beiden Großturnieren erreichte Frankreich jeweils das Finale dank einer überragenden Abwehrleistung. Das war bei diesem Turnier anders. In den Gruppenspielen gegen Ungarn und Portugal kassierten die Franzosen vermeidbare Gegentore oder Elfmeter. Im Spiel gegen die Schweiz setzte sich dieser Trend fort. Vor allem bei Flanken wirkten die Franzosen unsortiert und schwach in den Luftzweikämpfen. Die ersten beiden Gegentore fielen auf diese Weise, zudem hatten die Schweizer weitere Chancen nach Flanken.

Die Statistik: 67

Das letzte Mal, dass die Schweizer Nationalmannschaft bei einem großen Turnier das Viertelfinale erreichte, war bei der Heim-WM 1954. Dort wurde Deutschland Weltmeister, weil Rahn aus dem Hintergrund schießen musste, das tat und traf. Das zur Einordnung, wie lange das schon her ist. Der Nati wurde schon ein Achtelfinal-Fluch nachgesagt, weil die Mannschaft bei vergangenen Turnieren häufig in dieser Runde scheiterte. Nun wurde dieser Fluch besiegt, durch einen Sieg gegen den amtierenden Weltmeister, gegen diese Auswahl an Weltstars, nach einem 1:3-Rückstand. Mehr Wahnsinn geht nicht – die Schweiz setzte den Höhepunkt des bisherigen Turniers.
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