Löw will mit einem Sieg am Samstag (18:00 Uhr im Liveticker) gegen den Titelverteidiger um Superstar Cristiano Ronaldo das schlingernde Nationalmannschafts-Schiff wieder auf Kurs EM-Achtelfinale bringen. "Es ist nichts passiert. Wir können noch alles geradebiegen", sagte er nach dem Frankreich-Fehlstart (0:1) fast beschwörend.
Auf der Fahrt nach München tüftelte Löw an letzten Details seines Portugal-Plans. Er erwartet einen "ähnlichen eingespielten und starken Gegner wie Frankreich" und warnte: "Wir dürfen keine Sekunde nicht hellwach sein!" Allen im DFB-Tross klar, dass "wir besonders unter Druck stehen", wie Direktor Oliver Bierhoff betonte.
Vor dem vielleicht schon vorletzten Spiel unter Löw ist richtig "Druck auf dem Kessel", berichtete Kai Havertz. Eine weitere Niederlage würde den dreimaligen Europameister in eine äußerst bedrohliche Situation versetzen. Die traurigen Bilder des historischen WM-Debakels 2018 wären wieder präsent. "Wir sind nicht hier, um Urlaub zu machen oder früh abzureisen", betonte Kimmich bei "MagentaTV" in Erinnerung an das Vorrunden-Aus in Russland.
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So weit will es Löw bei seiner Abschiedsmission nicht kommen lassen. Dafür muss er allerdings die heiklen Fragen nach dem passenden System und dem richtigen Personal beantworten. Einen letzten Eindruck verschaffte er sich beim Abschlusstraining im strahlenden Sonnenschein im Adi-Dassler-Stadion.
Die Musikeinlage "Deutschland, schieß ein Tor" von einem Fan-Bus bei seiner längeren Ansprache an die Mannschaft hätte passender nicht sein können - auch wenn sie Löws Anfeuerungsrufe ("Auf geht's, Männer!") übertönte. Während des Trainings in Herzogenaurach diskutierte Löw dann immer wieder angeregt mit seinem Assistenten Marcus Sorg. Auf eine Übungseinheit in der Münchner Arena wurde diesmal verzichtet.

DFB-Team: Keine großen Systemänderungen in Sicht

Große Veränderungen werden dort gegen "Turnier-Lieblingsgegner" Portugal nicht erwartet. Löw wird vermutlich erneut auf die gegen den Weltmeister erprobte Dreierkette um Abwehrchef Mats Hummels setzen. Dieser mahnte davor, sich nur auf den EM-Rekordtorschützen Ronaldo zu konzentrieren. Portugal habe inzwischen "eine große Fülle an herausragenden Spielern", sagte Hummels.
Der elementare Baustein in Löws Sieg-Plan ist aber die eigene Offensive. Gegen Frankreich war der Ertrag von Thomas Müller und Co. gleich null. "Uns hat ein bisschen der Mut gefehlt im letzten Drittel", kritisierte Havertz, der womöglich seinen Platz für Leroy Sané oder Timo Werner räumen muss. "Wir müssen noch offensiver denken und noch mehr riskieren", mahnte Kimmich an.
Egal mit welchem Personal - die DFB-Auswahl benötigt dringend mehr Durchschlagskraft. Das letzte Stürmer-Tor bei einer EM oder WM gelang Mario Gomez im Achtelfinale der EURO 2016. In den sechs Spielen danach traf kein Angreifer mehr. Müller hat überhaupt noch keinen EM-Treffer zu Buche stehen - in zwölf Spielen.

Deutschland bisher ohne Gefahr bei Standards

Als weitere Schwäche hat Löw die Standardsituationen ausgemacht. Trotz intensiver Arbeit in der Vorbereitung verpufften diese gegen Frankreich wirkungslos. Bei drei guten Freistoßsituationen und fünf Eckbällen entstand keinerlei Gefahr. Da besitzt das DFB-Team deutliches Steigerungspotenzial.
Das gilt auch für Kimmich auf der ungeliebten rechten Außenbahn. Für ihn fallen durch die Ausfälle von Lukas Klostermann (Muskelverletzung) und Jonas Hofmann (Knieprobleme) aber zwei Alternativen weg. Eine Rückkehr auf seine Lieblingsposition vor der Abwehr erscheint daher unwahrscheinlich. Dafür kehrt Leon Goretzka zurück. Der Münchner ist laut Löw "eine super Option für die zweite Halbzeit".
Positiv stimmt die Statistik. Bei Welt- und Europameisterschaften gab es seit 2006 vier Siege gegen die Portugiesen (11:2 Tore). "Wir hoffen, dass wir mit dem fünften Sieg einen draufsetzen können", sagte Matthias Ginter, der ein "Jetzt-erst-recht-Gefühl" ausgemacht hat. "Best-of-Szenen" von CR7 hat er sich nicht angeschaut. "Das könnte nicht so gut enden", sagte er grinsend. Immerhin: Gegen Deutschland hat Ronaldo noch nie getroffen.
Das wäre auch am Samstag eine der Voraussetzungen für das dringend benötigte Erfolgserlebnis. Emre Can zweifelt daran nicht. Warum? "Weil wir eine geile Mannschaft haben."

Die voraussichtlichen Aufstellungen:

Portugal: Patricio - Dias, Pepe, Jose Fonte, Guerreiro - Danilo Pereira, William Carvalho, Fernandes - Bernardo Silva, Ronaldo, Jota
Deutschland: Neuer - Ginter, Hummels, Rüdiger - Kimmich, Gündogan, Kroos, Gosens - Sane, Müller, Gnabry
Schiedsrichter: Anthony Taylor (England)
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