Eines ist Joachim Löw wichtig: Für ihn sei "nicht nur der Gewinn der Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien" prägend gewesen in der rund 15-jährigen Amtszeit als Bundestrainer. Es habe "viele wunderbare und magische Momente" gegeben, aber auch "schmerzliche Niederlagen".
Das Abschneiden bei der Europameisterschaft im Juni und Juli spielt nun eine große Rolle dabei, in welcher Art und Weise die Fußballwelt auf die Ära Löw zurückblicken wird. Der letzte Eindruck ist eben einer, der bleibt.
Er gehe "mit unbedingtem Willen sowie großer Energie und Ehrgeiz" ins Turnier, versicherte Löw. Nichtsdestotrotz stellt sich die Frage, ob ein scheidender Trainer der Mannschaft bei einer EM guttut und ob der Zeitpunkt des Rücktritts clever gewählt ist?
Fußball
Kommentar: Chapeau, Jogi - aber halt drei Jahre zu spät
09/03/2021 AM 13:28
Brennpunkt DFB - diese Fragen stehen im Raum:

Löws Rücktritt: Warum ausgerechnet jetzt?

Noch in den vergangenen Wochen hatte sich Löw in zwei langen Interviews im "Kicker" und in der "Sportschau" zur Situation der Nationalmannschaft und seiner Person geäußert, hatte sich kämpferisch im Hinblick auf die anstehende EM gegeben.
Der Zeitpunkt der Ankündigung, seinen bis 2022 laufenden Vertrag nicht zu erfüllen, sondern schon im Sommer sein Amt niederzulegen, kam dementsprechend überraschend. Warum nicht nach der verkorksten WM 2018, warum nicht nach der historischen 0:6-Pleite gegen Spanien im November, warum schon vor – und nicht nach der EURO? Dass Löw wohl über 2022 keine Zukunft mehr als Bundestrainer haben würde, war spätestens seit der Schmach von Sevilla klar. Warum aber gerade jetzt?
Fakt ist: Löw hat sich Zeit genommen für diese Entscheidung. Sein beschädigtes Bild und das gesunkene Vertrauen in seine Person vonseiten der Fans sei "natürlich unerfreulich und berührt mich auch, ganz klar", sagte er dem "Kicker". Vom Druck der Öffentlichkeit (und des DFB-Präsidiums) wollte der 61-Jährige seine Entscheidung aber nicht abhängig machen.
Löw wollte den Zeitpunkt selbst wählen, selbst über sein Schicksal bestimmen und damit sicher auch einer möglichen Entlassung vorbeugen, sollte die EM ebenso unglücklich verlaufen wie die vergangenen drei Jahre. Und, wie Bastian Schweinsteiger in den "ARD-Tagesthemen" erklärte, "vielleicht bei den Spielern Energien freisetzen, um sein großes Ziel mit der Europameisterschaft zu verwirklichen."
Zudem hat der scheidende Bundestrainer dem Verband nun genügend Zeit verschafft, den optimalen Kandidaten für seine Nachfolge zu finden. Von der richtigen Wahl wird viel abhängen. Schließlich ist Löw nach den jüngsten Enttäuschungen und der Führungskrise im DFB nicht der Einzige, der etwas zu beweisen hat.

Hat der DFB Druck auf Löw ausgeübt?

Bereits im vergangenen November, so berichtete es damals unter anderem die "BILD"-Zeitung, habe DFB-Präsident Fritz Keller mehrfach versucht, Löw von einem Rücktritt nach der Europameisterschaft zu überzeugen. Allerdings ohne Erfolg. Löw sei damals erbost darüber gewesen, sich in der DFB-Zentrale in Frankfurt nach nur einer Niederlage erklären zu müssen und fühlte sich von den Verantwortlichen hintergangen ("Spiegel").
Auch, dass Löw in einer ersten Pressemitteilung einen Tag nach der Klatsche von Sevilla keine Rückendeckung seitens des Verbandes bekam, legt die Vermutung nahe, dass der DFB einen vorzeitigen Rücktritt des 61-Jährigen begrüßt hätte.
Zwar stellte sich der Deutsche Fußball-Bund danach öffentlich hinter den in den Medien angezählten Löw, doch auch DFB-Direktor Oliver Bierhoff spekulierte in den vergangenen Monaten immer wieder munter in Interviews über mögliche Nachfolger, was nicht gerade von Vertrauen zeugt.
"Zurzeit ist Ruhe eingekehrt", meinte Löw jüngst, was nicht dafür spricht, dass der DFB nach dem Krisengipfel Anfang Dezember weiter Druck auf den Weltmeister-Trainer ausgeübt hat.

Flick, Matthäus und Co.: Das sind die möglichen Löw-Nachfolger

Mit Bedauern wird man Löws Entscheidung aber sicher nicht zur Kenntnis genommen haben. "Ich habe großen Respekt vor der Entscheidung von Joachim Löw", wird Keller zitiert: "Dass er uns frühzeitig über seine Entscheidung informiert hat, ist hoch anständig. Er lässt uns als DFB somit die nötige Zeit, mit Ruhe und Augenmaß seinen Nachfolger zu benennen."

Welche Auswirkungen hat der Rücktritt auf die EURO?

Klar ist, dass Löw mit seiner Entscheidung ein wenig Dampf aus der angespannten sportlichen Lage im Vorfeld der EURO genommen hat. Viel Kritik war nach dem enttäuschenden Jahresabschluss 2020 auf das DFB-Team eingeprasselt, die Hoffnungen auf den EM-Titel waren spätestens nach Sevilla rapide gesunken. Die Zukunftsaussichten nach dem fehlgeschlagenen personellen Umbruch: eher düster.
Diese Zukunft muss Löw nun nicht mehr verantworten. Natürlich besteht die Gefahr, dass der 61-Jährige jetzt zur "Lame Duck" wird und die letzten vier Monate seiner Amtszeit zum Spießrutenlauf werden.
Vielmehr machen Löws Aussagen, er spüre "weiterhin ungebrochen große Motivation" im Blick auf die anstehenden WM-Qualifikationsspiele im März und die EM aber Hoffnung, dass sich Spieler und der scheidende Trainer noch einmal zu einem "letzten Hurra" zusammenschweißen.
Dementsprechend passt auch Löws Kurswechsel im Bezug auf die aussortieren Thomas Müller, Mats Hummels und Jérôme Boateng ins Bild, denen der 61-Jährige jüngst die Tür öffnete und deren Rückkehr mit Löws Entscheidung immer wahrscheinlicher wird. Löw, so scheint es, will es zum Ende noch einmal allen beweisen.
Und sollte das Turnier trotz allem im Desaster enden? Dann hat man zumindest einen klaren Schnitt und kann von vorne anfangen – diesmal richtig!

Welche Kandidaten auf die Nachfolge gibt es?

Aktuell werden vor allem vier Namen in den Medien diskutiert, wovon sich einer bereits klar positioniert hat: Jürgen Klopp "werde im oder nach diesem Sommer nicht als möglicher Bundestrainer zur Verfügung stehen", sagte der aktuelle Coach des FC Liverpool am Dienstag. "Ich habe keine Zeit, ich habe einen Job", meinte der 53-Jährige, der mit den Reds aktuell zwar die größte Krise seiner über fünfjährigen Amtszeit im Nordwesten Englands durchmacht, seinen bis 2024 laufenden Vertrag aber erfüllen möchte.
Hansi Flick wäre auf dem Papier die perfekte Wahl. Der 56-Jährige assistierte Löw schon beim WM-Triumph 2014, er kennt den DFB auch als früherer Sportdirektor in- und auswendig. Allerdings ist auch er vertraglich noch bis 2023 an den FC Bayern gebunden und machte jüngst nicht den Eindruck, als könnte sich daran so schnell etwas ändern. Anhaltender Erfolg auf Vereinsebene natürlich vorausgesetzt.

"Nein" zum Bundestrainer-Job: Darum sagt Klopp dem DFB ab

Bleiben Stefan Kuntz, der als U21-Trainer hohes Ansehen beim DFB genießt, und Ralf Rangnick. Der frühere Architekt des Erfolgsprojekts von RB Leipzig hat sich vom Red-Bull-Imperium gelöst und ist offen für neue Aufgaben – und wäre der Aufgabe fachlich ohne Frage gewachsen. "Grundsätzlich ist das Amt des Bundestrainers für keinen deutschen Trainer ein Amt, das ihn nicht interessiert", sagte er kürzlich.
Ach ja, und dann wäre da ja auch noch Lothar Matthäus, dessen Name von Mehmet Scholl vor ein paar Tagen ins Spiel gebracht wurde und für den sich nun auch Ex-Bayern-Coach Ottmar Hitzfeld aussprach. Der Rekordnationalspieler und langjährige TV-Experte schloss ein Engagement jedoch schnell aus – und votierte stattdessen für Rangnick.
WER SOLLTE NACH DER EM NEUER BUNDESTRAINER WERDEN?

Wie geht es jetzt für Löw weiter?

Dass Löw sich nach 15 Jahren im Amt und 17 Jahren in Diensten des DFB sofort ins nächste große Abenteuer stürzt, ist nicht zu erwarten. Auch ein Karriereende scheint nicht ausgeschlossen, doch seine jüngsten Aussagen lassen vermuten, dass es das noch nicht war für den 61-Jährigen.
Ausgelaugt hat ihn die zähe Zeit seit 2018 scheinbar nicht. Ganz im Gegenteil. "Die Situation stachelt mich an, der Ehrgeiz ist geweckt. Oftmals sind es ja gerade die Tiefschläge, die eine neue Energie erzeugen", sagte er dem "Kicker". Das war zwar noch vor seiner Rücktrittsankündigung, aber immerhin.
Real Madrid ist ein Verein, der in den vergangenen Jahren immer mal wieder mit Löw in Verbindung gebracht wurde. Ausgeschlossen hat er eine Rückkehr zum Vereinsfußball zwar nie, der Schritt wäre aber ein großer.
Oder vielleicht doch ein weiteres Engagement bei einer Nationalmannschaft? Aktuell ist das alles nur Spekulation. Spätestens vor dem nächsten WM-Qualifikationsspiel der DFB-Elf am 25. März gegen Island wird er aber sicher auch zu seiner persönlichen Zukunft befragt werden.
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