Gewaltige Überlegenheit, minimaler Ertrag: Mitfavorit Spanien hat sich trotz teilweise absurder Dominanz mit einem enttäuschenden 0:0 gegen Schweden selbst unter Druck gesetzt. Die in der EM-Vorbereitung von großen Corona-Sorgen geplagte Seleccion trieb in Sevilla auch König Felipe VI. mit vergebenen Großchancen in Serie zur Verzweiflung.
Vor 12.500 Zuschauern im Estadio Olimpico de la Cartuja, in dem die Spanier im November die DFB-Elf mit 6:0 überrollt hatten, präsentierte sich der dreimalige Europameister wie schon beim Härtetest gegen Portugal (0:0) als weitgehend wirkungslose Passmaschine.
Spanien steht deshalb am Samstag im Duell der Enttäuschten gegen Polen, das sein erstes Spiel 1:2 gegen die Slowakei verloren hatten, unter Zugzwang.
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Drei Dinge, die uns auffielen.

1. Zu viel "Oje!" statt "Olé!" im Angriff

Die Statistik war schier unglaublich: Spanien wies am Ende 76 Prozent Ballbesitz auf, spielte 917 Pässe mit einer Genauigkeit von 91 Prozent und verbuchte 17 Torschüsse. Treffer? NULL! Oje statt olé - wie konnte das passieren? Vieles lässt sich auf die dürftige Chancenverwertung herunterbrechen. An Möglichkeiten hat es nicht gemangelt. Den Auftakt einer traurigen Darbietung im Abschluss bildete die 100-Prozent-Chance von Álvaro Morata in der 37. Minute. Es war solch eine Szene, die über einen ganzen Spielverlauf entscheidet. Der sogenannte "Knackpunkt". Weil der Stürmer aber den Ball rechts am Pfosten vorbeisetzte, wurde es für Spanien eher verzwickt. Spielerisch war es über weite Strecken ansehnlich, variabel, souverän. Es gab Läufe in die Tiefe und Zug nach vorne. Im entscheidenden Moment offenbarten sich dann jedoch Defizite. Die Spanier prallten regelrecht ab von der schwedischen Abwehrmauer, ergab sich eine gute Abschlussposition, wurde es unpräzise.

Álvaro Morata - Spanien

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"Die Mannschaft entwickelt sich zwar weiter, aber der letzte Pass fehlt", analysierte auch der ehemalige Nationalspieler Fernando Morientes im "ZDF". Erst mit der Hereinnahme von Thiago wurden die Bemühungen nach vorne wieder zwingender. Warum der Mittelfeldstar vom FC Liverpool nicht von Beginn an ran durfte, muss Trainer Luis Enrique nun den ohnehin schon sehr kritischen eigenen Fans erklären.
Spanien wird sich an den positiven Dingen hochziehen müssen. "Wir sind natürlich sauer, weil wir das Tor nicht gemacht haben. Aber wir haben gekämpft", fing Koke damit bereits direkt nach dem Spiel an. Das 0:0 ist kein Beinbruch für den Turnierfavoriten, ein Warnschuss aber allemal. Der Eindruck, dass Spanien eine Mannschaft mit vielen Mittelfeldspielern ist, die ohne Angreifer wie Fernando Torres oder David Villa nur schwer Tore erzielen kann.

2. Spanien sucht seine Ikone

Es ist schon riskant, wie Luis Enrique mit seinem Team in dieses Turnier gegangen ist. Dort findet sich nämlich kein emotionaler Leader wie Sergio Ramos. Der Star-Verteidiger von Real Madrid musste nach einer verletzungsbedingt schwierigen Saison zuhause bleiben. Wie sehr seine Eigenschaften als Antreiber jedoch fehlen, wurde schnell klar. Die Mannschaft hat keine Ikone, die muss sich erst herausbilden.

Thiago

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Thiago könnte vielleicht noch eine werden, doch sein Status scheint nicht gefestigt genug zu sein. Seine Situation in der Nationalmannschaft verhält sich offenbar ähnlich wie die in Liverpool. Pedri, Koke und Rodri agierten am Montag im zentralen Mittelfeld. Thiago wurde erst in der 66. Minute eingewechselt.
Es ist auffällig, dass es keinen echten Kapitän gibt. Die Binde trug zwar der erfahrene Jordi Alba, doch ein Leader war dieser eigentlich noch nie. Zusammen mit Pau Torres, Aymeric Laporte und Marco Llorente vor dem jungen Torhüter Unai Simón bildete er die absolut nicht sattelfeste Abwehr. Kam Schweden vor das Tor, wurde es auch gefährlich.
Vor allem im zweiten Abschnitt wirkte Spanien bis zur Einwechslung Thiagos fast schon ratlos. Querpässe wurden vermehrt gespielt, das Tempo wurde verschleppt und überraschende Impulse gab es auch nicht. Ein solides 4-4-2-System von Schweden reichte aus, um die Räume zuzustellen.

3. Schweden: So schlecht, dass es wieder gut ist

Sie gaben sich nur eine Chance - und die nutzen sie. Defensive, Defensive, Defensive. Alles für das Team, alles für den Punkt. Für den Betrachter war es erstaunlich, dass ein 4-4-2 in der Defensive selbst in den eigenen Strafraum passt. "Ich bin sehr stolz auf diese Leistung. Wir sind loyal zu unserem Matchplan gewesen, und ich freue mich einfach nur über den Punkt", sagte ein erleichterter Emil Forsberg in die TV-Mikros.
Exemplarisch für die starke kämpferische Leistung standen die Vorstellungen von Marcus Danielson, der sich wirklich in jeden Zweikampf und Schuss warf sowie von Torwart Robin Olsen, der sich keine Fehler erlaubte.

Albin Ekdal (l.) drängt Alvaro Morata ab

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"Wie wir als Mannschaft aufgetreten sind, war Wahnsinn", fand Forsberg. In dieser Verfassung hat Schweden das Zeug zum Favoritenschreck, denn auch vorne gibt es mit Alexander Isak und Robin Quaison gefährliche Konterspieler, während Routinier Marcus Berg in der Lage ist, Bälle festzumachen.
Interessant war auch, wie stark sich die Schweden auf Standards und lange Pässe fokussierten. Auch wenn die Veredelung des Matchplans den Schweden verwehrt blieb, aufgegangen ist er definitiv.
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