Trotz der Unterstützung Tausender fanatischer Fans steht die Türkei nach dem nächsten bitteren Rückschlag bei der Fußball-EM bereits vor dem Aus. Die Milli Takim verlor auch das “Heimspiel” im Nationalstadion von Baku vor den Augen von Staatschef Recep Tayyip Erdogan 0:2 (0:1) gegen Wales. Vor dem abschließenden Gruppenspiel gegen die Schweiz am Sonntag ist das Achtelfinale in weite Ferne gerückt.
"Für dieses Spiel gibt es keine Erklärung. Ich kann es nicht glauben, und ich will es auch nicht glauben", kommentierte Nihat Kahveci von Mesut Özils Klub Fenerbahce Istanbul am TRT-Mikrofon die neuerliche Enttäuschung für die Türkei.
Zwar zeigte sich die Mannschaft von Nationalcoach Senol Günes verbessert, nach dem völlig verpatzten Eröffnungsspiel gegen Italien (0:3) gab es jedoch die nächste schwere Enttäuschung. Aaron Ramsey (42.) und Connor Roberts (90.+5) befeuerten dagegen mit ihren Treffern die Hoffnungen der walisischen Anhänger auf die nächste Überraschung nach 2016, als die Dragons bei ihrer Endrunden-Premiere ins Halbfinale gestürmt waren.
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Dabei setzte Superstar Gareth Bale seine erschreckende Torflaute fort - der Kapitän schoss einen Foulelfmeter deutlich über das Tor (61.) und wartet weiter auf seinen ersten Treffer im Nationaltrikot seit Oktober 2019. Dennoch reisen die Briten nun mit vier Zählern im Gepäck zum Duell mit Italien.
Bale warnte in der BBC sein Team trotz aller Freude über den Erfolg vor verfrühter Selbstzufriedenheit: "Ich bin total erleichtert. Wir haben auch hart gearbeitet, und das zweite Tor war das Sahnehäubchen. Wir sind in einer fantastischen Situation, aber wir müssen noch abwarten."
Vor über 30.000 Zuschauern - darunter zahlreiche aus der Türkei und etliche Einheimische, die ebenfalls der türkischen Mannschaft die Daumen drückten - starteten beide Teams mit offenem Visier. Ganz zur Freude von Erdogan, der die Partie demonstrativ an der Seite von Ilham Alijew, dem autoritären Herrscher des türkischen “Bruderstaates” Aserbaidschan, auf der Tribüne verfolgte.
Die Türken attackierten weiter vorne als noch vor fünf Tagen und agierten gefährlicher - auch wegen Kaan Ayhan und Cengiz Ünder, die in die Startelf gerückt waren. Nach dem ersten Abschluss von Yilmaz (9.) scheiterte Ünder (13.), der die zuletzt harmlose Offensive belebte, am walisischer Keeper Danny Ward. Und auch Ayhan (29.) meldete sich nach einer Ecke mit einem Kopfball.
Die Waliser ließen sich von der verbesserten türkischen Elf und der hitzigen Atmosphäre in Baku aber keineswegs beeindrucken. Die Mannschaft von Robert Page wirkte teilweise strukturierter, allein Ramsey (6./24.), neben Bale der zweite Star im Team, vergab gleich zweimal freistehend vor Ugurcan Cakir. Erst nach großartigem Zuspiel von Bale vollendete er aus kurzer Distanz.
Mit dem Rücken zur Wand, den Erinnerungen an die EM 2008, als das Team nach verpatztem Start trotzdem das Halbfinale und die bislang beste EM-Platzierung erreicht hatte, im Kopf und Yusuf Yazici als frischer Kraft startete die Türkei in den zweiten Durchgang. Calhanoglu (50.) und Yilmaz (54.) setzten gleich Warnschüsse ab.
In die Druckphase der Türken hinein vergab Bale, der von Mehmet Zeki Celik von den Beinen geholt worden war, die große Chance zur Entscheidung - und verlieh der Günes-Elf nochmals Schwung für die Schlussphase. Angeführt von Yilmaz drängte die Türkei den Gegner in eigene Hälfte, Wales sorgte dagegen kaum mehr für Entlastung. Ward rettete in höchster Not bei einem Kopfball von Merih Demiral (87.).

Die Stimmen:

Şenol Güneş (Trainer Türkei): "Wales erwischte den besseren Start, doch wir kamen dann immer besser rein und sorgten für ein Spiel auf Augenhöhe. Wir hatten viele Chancen, konnten aber den Ausgleich nicht erzielen. Wales hat ein gutes Spiel gemacht. Sie waren effektiv mit ihrem zentralen Stürmer und den zwei Flügelspielern. Nach dem Ergebnis haben sie beste Chancen aufs Weiterkommen."
Umut Meraş (Türkei): "Ich möchte mich entschuldigen. Wir wollten heute so sehr gewinnen, aber das war nicht genug. Wir haben noch ein Spiel vor uns und werden unser Bestes geben, um gegen die Schweiz zu gewinnen."
Gareth Bale (Wales): "Ich bin absolut begeistert von dem Sieg, wir haben hart gekämpft. Wir haben uns die Hacken wund gelaufen. Ja, ich habe den Elfmeter verschossen, aber ich habe den Willen gezeigt weiterzumachen. Das zweite Tor am Ende war das Sahnehäubchen. [...] Es war wichtig, heute den Sieg zu erringen. Man würde gerne denken, dass [vier Punkte] ausreichen würden, aber wir werden abwarten müssen. Hätten Sie uns die vier Punkte vorher angeboten, hätten wir sie dankend angenommen."
Rob Page (Trainer Wales): "Ich könnte nicht stolzer sein. Ich habe ihnen gerade gesagt, dass die Anzahl der Chancen, die wir hatten, unglaublich ist. Wir sind enttäuscht, dass wir nicht mehr Tore machen konnten, aber um so zu gewinnen, wie wir es taten, gebührt den Spielern Anerkennung."

Das fiel auf: Defensiv wie offensiv einfach zu wenig

Nach der klaren 3:0-Niederlage im Auftaktspiel gegen Italien gab es heute im zweiten Gruppenspiel die nächste verdiente Niederlage. Von der Offensive kam gerade im ersten Durchgang viel zu wenig und defensiv neigte man zu vielen kleinen Fehlern, die der Türkei am Ende zwei Gegentore einbrachten und damit die Niederlage bedingten. Dabei darf man die Leistung der Waliser nicht kleinreden. Bale und Ramsey zeigten in der Offensive fast blindes Verständnis und Ward war heute ebenfalls in Höchstform. Dazu verteidigte das gesamte Team kompakt und setzte immer wieder Nadelstiche durch Konter oder gut strukturierte Angriffe.

Der Tweet zum Spiel:

Die Statistik: 4

Gareth Bale und Aaron Ramsey legten sich heute gegenseitig insgesamt vier Torchancen auf. Kein anderes Duo hat dies bei der aktuell laufenden Europameisterschaft innerhalb eines Spiels geschafft. Bei der Europameisterschaft 2016 war der Bestwert eines Duos innerhalb einer Partie sechs. Auch da waren es Bale und Ramsey.
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