Es herrschte eine merkwürdige Stimmung nach Spielende in der "Fußball Arena München". Einerseits waren die deutschen Fans unter den 14.500 zugelassenen Zuschauern glücklich und dankbar, nach 15 Monaten TV-Konsum in der Corona-Pandemie überhaupt mal wieder ein Match live im Stadion erlebt haben zu dürfen. Andererseits war da der Frust über das nackte Ergebnis, über das 0:1 zum Vorrunden-Auftakt gegen Weltmeister Frankreich.
Natürlich kann die deutsche Nationalelf noch den Einzug ins Achtelfinale packen. Natürlich sind es noch zwei Spiele. Doch das "Aber", das mitschwingt, die Unsicherheit und die Zweifel sind groß. Und der Druck bereits immens, wenn es am Samstag gegen Titelverteidiger Portugal im Grunde schon um Alles oder Nichts geht.
Nach dem "kleinen Finale" um eine perfekte Gruppen-Ausgangsposition folgt in Spiel zwei in München das große Finale ums Weiterkommen. Und damit um den Abgang von Bundestrainer Joachim Löw nach 15 Jahren im Amt. Denn: Besonders im Fußball gilt: der letzte Eindruck, das letzte Ergebnis zählt.
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Gegen Frankreich zählte das unglückliche Eigentor von Mats Hummels zum 0:1 – zwei weitere Treffer der Franzosen durch Kylian Mbappé sowie Karim Benzema wurden wegen einer Abseitsstellung (einmal meldete sich erst der Videoschiedsrichter zur Korrektur) nicht anerkannt. So viel zur Unterlegenheit des DFB-Teams, das zu bieder, zu unentschlossen, mit zu wenig Power und Zug zum Tor agierte.

Arbeitende Deutsche gegen clevere Franzosen

Die Löw-Elf arbeitete Fußball, alles war schwerfällig. Die Franzosen um Paul Pogba und N'Golo Kanté dagegen agierten mit Leichtigkeit und Cleverness.
Was die deutschen Spieler jedoch an den Mikrofonen komplett anders sahen. Zum Beispiel Spielmacher Toni Kroos, der sich als Sechser nicht wie erhofft nach vorne einschalten konnte. "Wir haben ein gutes Spiel gemacht, hatten nicht weniger Chancen als die Franzosen. Ein unglückliches Tor hat das Spiel entschieden."
Bisschen bockig und beinahe trotzig meinte er am "ZDF"-Mikrofon lapidar: "Ich habe aber auch wenig Konter von Frankreich gesehen. Uns hat einfach ein Tor gefehlt."

Toni Kroos beim Freistoß gegen Frankreich

Fotocredit: Getty Images

Die Lücken im Mittelfeld waren zu groß

Doch so simpel war es nicht. Die Lücke zwischen dem tief agierenden Kroos sowie Ilkay Gündogan und der Dreieroffensive um Rückkehrer Thomas Müller (ohne typische Müller-Szene), Kai Havertz (zu blass, zu wenig Mut) und Serge Gnabry (entschlossen, aber unglücklich) war zu groß. Doch die gegenseitige Unterstützung zwischen den Mannschaftsteilen fehlte.
"Wir hatten den Plan, über die Außen zu spielen", erklärte Löw, "in der Mitte waren die Franzosen sehr kompakt. So gut es ging, haben wir versucht mit Flanken zu operieren." Ohne Erfolg.
"Wir waren nicht die schlechtere Mannschaft, hatten die Dominanz im Spiel", sagte Joshua Kimmich, ebenfalls genervt, und stellte fest: "Es gab auf beiden Seiten relativ wenig Torchancen. Wir hätten ein Tor verdient gehabt. Ein Punkt wäre verdient gewesen."
Bei folgendem Satz klang Kritik an den späten (zu späten?) Auswechslungen von Löw durch: "Wir haben am Ende den Moment verpasst, komplett ins Risiko zu gehen."

Gündogan plädiert für Sané

Bemerkenswert wie deutlich Gündogan nach der Partie einen Wechsel in der Startelf forderte – und zwar Sané statt Havertz. "Leroy ist ein Spieler, der sich nicht immer leichttut, die letzten 20 Minuten zu kommen. Er muss das Selbstverständnis haben, ständig zu spielen. Wenn er dieses Gefühl hat, ist er unglaublich", sagte Gündogan über seinen ehemaligen Mitspieler bei Manchester City.

Leroy Sané im Zweikampf mit Adrien Rabiot

Fotocredit: Getty Images

Eklatanter müsste eine Neuorientierung im Mittelfeld sein. Und dabei schwingt die Frage mit: Kann Löw über seinen Schatten springen und Kroos aus der Mannschaft nehmen? Das Zusammenspiel mit Gündogan funktioniert nicht, die Alternative wäre ein radikaler Umbau. Kimmich doch wieder ins Zentrum auf die Sechser-Position, als Achter mit Offensivdrang sein Kumpel Leon Goretzka, wenn er denn rechtzeitig fit wird für Samstag.
Doch auf der Pressekonferenz dämpfte Löw die Hoffnungen auf einen Startelf-Einsatz von Goretzka, der Anfang Mai einen Muskelfaserriss erlitten hatte: "Leon hat mir gesagt, dass er noch zwei, drei Trainingseinheiten braucht, um sich sicher zu fühlen. Ich denke, dass er eine Option im Laufe des Spiels gegen Portugal sein wird."
Schafft es Goretzka, könnte er mit Kimmich und Müller als freischaffender Zehner den Zentrumsblock bilden, der den FC Bayern so stark gemacht hat. Der künftige Bundestrainer Hansi Flick, am Dienstagabend mit Miroslav Klose auf der Haupttribüne im Unterrang unweit der Trainerbänke Augenzeuge der Partie, würde es wohl gefallen.

Kimmich: "Wir müssen zeigen, dass wir auch ein Favorit sind"

Gegen die Franzosen schlug man sich tapfer, aber man wurde geschlagen. Und nun? Umbau jetzt? Löw und dieser Mannschaft wünscht man mehr Mut, mehr Entschlossenheit.
Nach der ersten Niederlage in einem EM-Auftaktspiel überhaupt gilt es nun gegen Portugal und Toptorjäger Cristiano Ronaldo. Kroos reagierte, angesprochen auf die Ausgangssituation, patzig: "Wenn du das erste Spiel verlierst und drei Gruppenspiele hast, dann ist der Druck groß. Darüber müssen wir uns nicht drüber unterhalten."
Kimmich formulierte es kämpferisch: "Frankreich war absolut schlagbar. Wir haben das Niveau, mit den Topteams mitzuhalten. Frankreich ist einer der Topfavoriten - wir müssen zeigen, dass wir auch ein Favorit sind."
Am erstaunlichsten die (etwas zu) lässige Formulierung von Löw: "Klar sind wir enttäuscht, aber es ist ja nichts passiert. Wir müssen den Blick nach vorne richten. Wir haben noch zwei Spiele, da können wir alles geradebiegen." Müssen sie auch. Sonst gibt’s wie bei der WM 2018 ein Vorrunden-Aus.
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