EM 2024: Bundestrainer Julian Nagelsmann und sein großes Erbe - der 36-Jährige ist der große Gewinner des Turniers

Julian Nagelsmann ist der große Gewinner dieser Heim-Europameisterschaft. Trotz des Ausscheidens der Nationalmannschaft im Viertelfinale gegen Spanien hat es der jüngste EM-Trainer der Geschichte geschafft, die DFB-Elf zurück in die Weltspitze zu führen. Auch die Zuschauer haben die Nationalmannschaft wieder in ihr Herz geschlossen. Nun will Nagelsmann 2026 in Nordamerika Weltmeister werden.

Nagelsmann den Tränen nahe: "Heute war es nicht verdient"

Quelle: MagentaTV

Hat man einen Bundestrainer schon einmal so emotional erlebt? Während der Fernseh-Interviews am Spielfeldrand musste Julian Nagelsmann schluchzen, seine Stimme stockte, er kämpfte mit den Tränen. Vor allem als es um "seine Jungs" ging wie er immer sagt. Um das Miteinander, um die Zusammenarbeit.
Ein Bundestrainer, der sich nicht scheut, seine Emotionen zu zeigen. Es rührte die TV-Zuschauer. Diese Hingabe, diese Leidenschaft übertrug der 36-Jährige auf seine Mannschaft. Das Scheitern im EM-Viertelfinale durch das unglückliche und dramatische 1:2 nach Verlängerung gegen Spanien hat aus deutscher Sicht vor allem einen Gewinner: diesen Julian Nagelsmann.
Nagelsmann, der frischen Wind reingebracht hat beim DFB und in den Kader der Nationalmannschaft. Der so frei war. In vielen Belangen. Der authentisch war, sich nicht verstellte. Der sein Ding machte, der sein Ding durchzog.
Vor 16 Tagen, an Ort und Stelle in Stuttgart, holte sich Nagelsmann bei seiner vier Jahre jüngeren Freundin Lena, im lila-pinken Trikot und mit Deutschland-Farben auf der Wange, einen Siegerkuss ab. Der 2:0-Erfolg über Ungarn hatte dem DFB-Team nach dem furiosen 5:1 im Eröffnungsspiel gegen Schottland den vorzeitigen Achtelfinal-Einzug beschert.
Es hätte nicht zum zurückhaltenden Joachim Löw gepasst nach einem Spiel über den Platz zu laufen, über ein Tribünengeländer zu klettern und vor den Augen der Fotografen und aller noch im Stadion verweilenden Fans seine Liebste zu knutschen.
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Julian Nagelsmann und seine Partnerin Lena Wurzenberger

Fotocredit: Getty Images

Der neue Bundestrainer-Chic: Kurze Hose und Tennissocken

Und nun stelle man sich zweitens einmal vor, ein Bundestrainer vom Schlage eines Sepp Herberger ("Der Ball ist rund – und das Spiel dauert neunzig Minuten"), eines Helmut Schön oder gar der Kaiser höchstselbst hätten – so auch geschehen in der Vorrunde in Stuttgart - nach einem Spiel ein Interview in kurzer Hose oder mit Tennissocken gegeben.
Herberger (im Amt von 1936 bis 1942 sowie 1950 bis 1964) und Schön (1964-'78), der Mann mit der Mütze, coachten stets in Trainingsanzügen von der Bank aus. Franz Beckenbauer, einst Giesinger Bub, als Teamchef (1984-1990) längst Weltmann, trug stets feinsten Anzug und Krawatte. Löw meist Rollkragen-Pullover, Hansi Flick, Nagelsmanns Vorgänger, verschrieb sich dem Dresscode Casual Chic.
Manche der erwähnten Bundestrainer hatten viel mehr Erfolg als Nagelsmann, der jüngste Coach der EM-Geschichte, der mit einem Erfahrungsschatz von lediglich acht Länderspielen in dieses Turnier ging. Doch sein Erfolg ist nicht am Einzug unter die letzten Acht, rein faktisch der größte Erfolg seit der EM 2016 für die Nationalelf, zu messen. Sondern an den weichen Faktoren.
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Locker und lässig: Bundestrainer Julian Nagelsmann

Fotocredit: Getty Images

Mit Blick auf die WM 2026 in Nordamerika hat diese Nationalelf trotz des Ausscheidens den Nährboden für weitere Erfolge, eine vernünftige Grundlage geschaffen. Die Zweifel am DFB-Team sind verflogen. "Wir haben nun ein gewisses Minimalziel erreicht, glaube ich – unabhängig davon, wie dieses Turnier ausgeht", sagte Rückkehrer Toni Kroos vor dem Spanien-Spiel, dem – wie man nun weiß – letzten seiner Karriere und ergänzte: "Zumindest so, dass man im Nachgang nicht mehr von einer Katastrophe sprechen wird."
Über diesen Punkt waren sie spätestens nach dem 2:0 über Dänemark im Achtelfinale hinweg. Auch wenn Image nicht alles ist, aber auch das zuletzt verstaubte Bild des DFB-Teams stimmt wieder, die Entfremdung von der Basis konnte teilweise rückgängig gemacht werden.

"Es gibt mir hierzulande zu viel Schwarzmalerei"

Noch unter Strom und voller Adrenalin fasste sich Nagelsmann auf der Pressekonferenz ein Herz und nutzte die Gelegenheit, ein paar Botschaften loszuwerden. Grundlegendes. Die Meta-Ebene, das was über den Fußball und die Ergebnisse dieses Sports hinausgeht.
"Wir leben in einem Land, das viel zu viel in Tristesse verfällt, stetig und ständig. In Tristesse und in Schwarzmalerei. Es gibt mir hierzulande zu viel Schwarzmalerei", holte Nagelsmann aus und begann mit dem Selbstlob, dass er als die Quintessenz des Schaffens seiner Mannschaft und seines Trainerteams ansieht:
"Wir haben es gemeinschaftlich geschafft, dieses Land ein bisschen aufzuwecken und schöne Momente zu bescheren. Ich hoffe, dass diese Symbiose zwischen Fußballfans und einer Fußballmannschaft auch in der Gesellschaft stattfindet, dass wir begreifen, dass wir als Gemeinschaft und in einer gemeinschaftlichen Gesellschaft mehr bewegen können. Wenn jeder sein eigenes Süppchen kocht und individueller sein will als der Nachbar – nein. Gemeinsam ist man stärker, mit Fans stärker als ohne. Mit seinem Nachbarn stärker als ohne. Einfach einen Tick mehr Dinge wieder gemeinsam machen."
Die Nationalelf als Vorreiter, die Nationalspieler als Vorbilder? Lang, verdammt lang her. "Diese Gemeinsamkeit hat sehr gutgetan", bilanzierte Nagelsmann die Zeit ab dem Vorbereitungsstart am 26. Mai. Dieser abstrakte, weil gefühlte, aber nicht messbare Erfolg soll seiner Meinung nach lange haften und hängen bleiben. Wie das dauerhaft traumhafte Wetter während des Sommermärchens 2006.
Dabei war es während jener WM nicht immer nur wolkenlos und auch nicht alles rosarot in der Mannschaft von Bundestrainer Jürgen Klinsmann. Doch wer wie Nagelsmann die Flucht nach vorne antritt, gewinnt die Deutungshoheit über das Geschehene.

Das neue DFB-Selbstverständnis leuchtet lila-pink

Rein sportlich war das Duell mit Spanien war erste richtige Prüfung für Nagelsmanns Mannschaft. In der K.o.-Runde, auf der Klippe des Turniers, entscheiden Kleinigkeiten. Pfosten. Latte. Schiedsrichter. Hand oder nicht Hand. VAR-rückte Entscheidungen.
Einen Großen des Weltfußballs wie die Spanier aus der Küche dieser EM zu vertreiben, wäre ganz nach dem Geschmack der deutschen Fans gewesen, die nach den Schmalkost-Turnieren von 2018 bis 2022 hungrig nach Erfolgen, Partys, Titeln sind.
"Wir treten an, um den Titel zu gewinnen", hatte Nagelsmann im April gesagt und damit viele Schwarzmaler und Miesepeter vor den Kopf gestoßen. Realitätsfremd? Zu viel Hybris? "Wenn du an einem Turnier teilnimmst, solltest du die Grundidee haben, es zu gewinnen", bekräftigte er. Das strahlte ab, das färbte ab. Das neue DFB-Selbstverständnis leuchtet lila-pink.
"Die Fans dürfen alle träumen“, sagte Nagelsmann in der Vorrunde, "unser Job ist es, sie weiter träumen zu lassen." Nun ist Schluss mit lustig und überhaupt mit der Euphorie. Mit Fanmeilen, Grillpartys und Fähnchen an den Autos.
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Nagelsmann kämpft mit Tränen: "Haben es geschafft, Menschen zu einen"

Quelle: Perform

"Zwei Jahre warten bis man Weltmeister wird"

"Das Traurigste ist, dass eine Heim-EM wahrscheinlich in meiner Karriere auch nicht mehr kommt", sagte Nagelsmann während der Pressekonferenz bedient und gestand: "Das tut weh. Auch, dass man jetzt zwei Jahre warten muss bis man Weltmeister wird, tut auch weh!"
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Julian Nagelsmann (r.) tröstet Joshua Kimmich

Fotocredit: Getty Images

Nagelsmann schaute in das Auditorium, macht eine Pause und sagt triumphierend: "Die gefällt euch, die Aussage, gell? Da werden die Augen alle groß! Wahnsinn! Was soll ich jetzt sagen? Dass wir in der Vorrunde ausscheiden? Natürlich wollen wir Weltmeister werden. Ist doch klar!"
In den letzten fünf, sechs Jahren wäre ein Bundestrainer ausgelacht worden für eine solch couragierte Aussage. Nun ertappt man sich bei dem Gedanken: Weltmeister? Ja, warum eigentlich nicht? Florian Wirtz und Jamal Musiala stehen für die Zukunft, haben eine goldene Zukunft. Diese Spielfreude! Diese Unbekümmertheit! Um sie herum müsste eine Mannschaft aus erfahrenen (Joshua Kimmich, Jonathan Tah) und jungen, hungrigen Kräften (Aleksandar Pavlovic, Maximilian Beier) gebaut werden.
Unter einem Trainer, der vorangeht, der die Nationalmannschaft anders führt – gewöhnungsbedürftig, aber erfrischend. Zu seiner Zeit als Bayern-Trainer zitierte Nagelsmann einmal folgendes bayerische Sprichwort: "Scheiß da nix, dann feid da nix!"
Also: "Scheiß dir nichts, dann fehlt dir nichts!" Den Mutigen gehört die Welt!
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"Wer will das bewerten?" Nagelsmann plädiert für Regeländerung

Quelle: Perform


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